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Donnerstag, 11. Dezember 2014
Donnerstag, 11. Dezember 2014
kuehnesmallworld, 09:43h
Von Meinung, Standpunkt, Wendehälsen und Wendesätzen
Die einfachste und gleichzeitig deutlichste Form der Meinungsäusserung ist das Ausschliessen: Was auf gar keinen Fall geht, ist.... . Meinung wird bezogen, es wird sich festgelegt, aber nur in einem oder zwei Punkten. Insgesamt sieht das oft deutlicher aus, als es ist. Aber es ist glaubwürdig durch seine exemplarische Festlegung. Auch wenn die nicht unbedingt allzu viel kostet.
Die gebräuchlichere Form ist: Sich auf die "richtige" Seite zu stellen. Durch Formulierungen, emotionale Duftmarken und Signale welcher Seite/Partei man zuzurechnen sei. So machen wir das gemeinhin. Dabei bleibt sehr viel im Ungefähren, das der Meinungsschirm vermeintlich abdeckt. Die Stunde der Mitläufer, der atmosphärischen Profiteure schlägt. Der Schritt zur Heuchelei ist ein kleiner, nur dann entdeckter, wenn es "zum Schwur kommt": Ja oder nein. Bevor es dazu kommt, hat der Wendehals meist schon, den Manövrierspielraum genutzt für eine Kehrtwendung, meist verbunden mit gerechtem Zorn und gerechtfertigter Empörung.
Deutlicher da schon der Meinungsstarke, der "Ich-meine-Sager". Meist allerdings bezieht sich seine Meinung auf die weniger entscheidenen Punkte. Man äussert Meinungen, will aber in der gedachten Verlängerung die Koordinaten eines Standpunkts nur andeuten, um es sich mit keinem potentiellen Meinungsteiler zu verscherzen.
"Ich stehe auf dem Standpunkt" kann man hören, aber oft ist es mehr Meinung als ein Standpunkt, der ja etwas ist, was von mehreren Seiten aus betrachtet, stabil und verankert erscheint. Es sollte etwas kosten einen Standpunkt zu beziehen oder ihn aufzugeben. Dazu darf er nicht zu allgemein sein, dürfen sich die Meinungslinien nicht in allzu grosser Entfernung schneiden.
Möglichst bestimmt im Unverhandelbaren, möglichst präzise im Wahren, Richtigen und Guten, möglichst differenziert in der Meinung und möglichst persönlich durchgerechnet in den Standpunkten, so lässt sich, was es heisst, Meinung zu zeigen und Standpunkt zu beziehen, am ehesten auszahlen in wahrer Münze.
Soweit zum Bemühen, Meinung und Meinungsmache, Meinungs-Imponiergehabe auseinander zu halten.
In gewohnter Manier hier wieder ein Schwenk zur Werbung von mir. Hier erwartet man am allerwenigsten ein gutes, d.h. transparentes und stimmiges Beispiel für Meinung und geänderte Meinung. Bitteschööön:
Auf Platz 1 meiner aktuellen Hitliste die Wendesatz-Kampagne der SwissLife. Aus dieser ein Beispiel: Es läuft hervorragend in der Firma haben wir jetzt Kurzarbeit.
Meine Wahl fällt auf diesen Satz und zwar nicht, weil gewendet wird, sondern weil ein Thema von zwei Seiten aus sichtbar wird. Besser: Zwei Meinungen zu dem Thema werden hörbar. Noch besser: Sie werden ausgesprochen.
Meinungen, die die meisten Leser und Hörer selbst haben und hatten. Sozial mehr oder weniger erwünschte Fakten, die dadurch, dass ich sie ausspreche zur Meinung werden. Sie bereitwillig oder weniger bereitwillig ausspreche.
In dem Moment, in dem ich diesen Satz mit seinen zwei Meinungen lese oder höre, weiss ich, dass ich für beide Seiten Verständnis habe und hatte. Die Zustimmung in mir zu diesen zwei Meinungen sagt es mir. Aktuell mache ich mir den einen oder anderen Satz zu eigen, ohne dem anderen Satz seine Berechtigung abzusprechen. Das gilt auch, wenn ich inzwischen "drüberstehe" und eine Meta-Haltung einnehme etwa nach dem Motto: Beide Sätze, verbunden mit ihrer jeweiligen sozialen Akzeptanz wurden uns "in den Mund gelegt", es sind garnicht unsere eigenen Worte. Die lauteten anders, fänden wir sie denn.
Trotzdem, es bleibt dabei: Die Meinungsänderung ist in beide Richtungen ablesbar und abnehmbar. Ganz im Gegenteil zur hundertprozentigen Überzeugungspauke, auf Werber so gern hauen. Daher sollte dieser Satz auch nicht Wendesatz sondern Umkehrsatz oder Umkippsatz heissen. In Abwandlung der Umkippbilder, in denen man zuerst das eine Bild, dann das andere Bild unzweifelhaft erkennt. Entweder das eine oder das andere und doch beide.
Die einfachste und gleichzeitig deutlichste Form der Meinungsäusserung ist das Ausschliessen: Was auf gar keinen Fall geht, ist.... . Meinung wird bezogen, es wird sich festgelegt, aber nur in einem oder zwei Punkten. Insgesamt sieht das oft deutlicher aus, als es ist. Aber es ist glaubwürdig durch seine exemplarische Festlegung. Auch wenn die nicht unbedingt allzu viel kostet.
Die gebräuchlichere Form ist: Sich auf die "richtige" Seite zu stellen. Durch Formulierungen, emotionale Duftmarken und Signale welcher Seite/Partei man zuzurechnen sei. So machen wir das gemeinhin. Dabei bleibt sehr viel im Ungefähren, das der Meinungsschirm vermeintlich abdeckt. Die Stunde der Mitläufer, der atmosphärischen Profiteure schlägt. Der Schritt zur Heuchelei ist ein kleiner, nur dann entdeckter, wenn es "zum Schwur kommt": Ja oder nein. Bevor es dazu kommt, hat der Wendehals meist schon, den Manövrierspielraum genutzt für eine Kehrtwendung, meist verbunden mit gerechtem Zorn und gerechtfertigter Empörung.
Deutlicher da schon der Meinungsstarke, der "Ich-meine-Sager". Meist allerdings bezieht sich seine Meinung auf die weniger entscheidenen Punkte. Man äussert Meinungen, will aber in der gedachten Verlängerung die Koordinaten eines Standpunkts nur andeuten, um es sich mit keinem potentiellen Meinungsteiler zu verscherzen.
"Ich stehe auf dem Standpunkt" kann man hören, aber oft ist es mehr Meinung als ein Standpunkt, der ja etwas ist, was von mehreren Seiten aus betrachtet, stabil und verankert erscheint. Es sollte etwas kosten einen Standpunkt zu beziehen oder ihn aufzugeben. Dazu darf er nicht zu allgemein sein, dürfen sich die Meinungslinien nicht in allzu grosser Entfernung schneiden.
Möglichst bestimmt im Unverhandelbaren, möglichst präzise im Wahren, Richtigen und Guten, möglichst differenziert in der Meinung und möglichst persönlich durchgerechnet in den Standpunkten, so lässt sich, was es heisst, Meinung zu zeigen und Standpunkt zu beziehen, am ehesten auszahlen in wahrer Münze.
Soweit zum Bemühen, Meinung und Meinungsmache, Meinungs-Imponiergehabe auseinander zu halten.
In gewohnter Manier hier wieder ein Schwenk zur Werbung von mir. Hier erwartet man am allerwenigsten ein gutes, d.h. transparentes und stimmiges Beispiel für Meinung und geänderte Meinung. Bitteschööön:
Auf Platz 1 meiner aktuellen Hitliste die Wendesatz-Kampagne der SwissLife. Aus dieser ein Beispiel: Es läuft hervorragend in der Firma haben wir jetzt Kurzarbeit.
Meine Wahl fällt auf diesen Satz und zwar nicht, weil gewendet wird, sondern weil ein Thema von zwei Seiten aus sichtbar wird. Besser: Zwei Meinungen zu dem Thema werden hörbar. Noch besser: Sie werden ausgesprochen.
Meinungen, die die meisten Leser und Hörer selbst haben und hatten. Sozial mehr oder weniger erwünschte Fakten, die dadurch, dass ich sie ausspreche zur Meinung werden. Sie bereitwillig oder weniger bereitwillig ausspreche.
In dem Moment, in dem ich diesen Satz mit seinen zwei Meinungen lese oder höre, weiss ich, dass ich für beide Seiten Verständnis habe und hatte. Die Zustimmung in mir zu diesen zwei Meinungen sagt es mir. Aktuell mache ich mir den einen oder anderen Satz zu eigen, ohne dem anderen Satz seine Berechtigung abzusprechen. Das gilt auch, wenn ich inzwischen "drüberstehe" und eine Meta-Haltung einnehme etwa nach dem Motto: Beide Sätze, verbunden mit ihrer jeweiligen sozialen Akzeptanz wurden uns "in den Mund gelegt", es sind garnicht unsere eigenen Worte. Die lauteten anders, fänden wir sie denn.
Trotzdem, es bleibt dabei: Die Meinungsänderung ist in beide Richtungen ablesbar und abnehmbar. Ganz im Gegenteil zur hundertprozentigen Überzeugungspauke, auf Werber so gern hauen. Daher sollte dieser Satz auch nicht Wendesatz sondern Umkehrsatz oder Umkippsatz heissen. In Abwandlung der Umkippbilder, in denen man zuerst das eine Bild, dann das andere Bild unzweifelhaft erkennt. Entweder das eine oder das andere und doch beide.
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Sonntag, 23. November 2014
Sonntag, 23. November 2014
kuehnesmallworld, 11:24h
Ja sagen und Nein-sagen.
„Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“ Das sagte Kurt Tucholsky.
Ich habe ein Nein
- zur Bespitzelung im Internet, die wehrlos macht
- zu Kriegsszenarien, für die keine Sprache gibt
- zum Klimawandel, vor dem schon kapituliert wurde
- zum System der Benachteiligung in Bildung, Beruf.
Da hören die Neins nicht mehr auf und beginnen zu verschmelzen zu einem einzigen Nein. Ein Nein, das nicht verhandelbar ist. Ein Nein ohne Wenn und Aber, weil die Essentials berührt sind. Weil ich weiss, dass man da nicht drüber weg geht ohne Gefahr für sich und andere, Lebensgefahr.
Ein Nein das sich folgenlosen Lamentieren verbietet oder verschwörungstheoretisches Fingerzeigen verbittet. Auch kein resignatives Nein des Es-wird-alles-immer-schlechter. Mein Nein.
Tucholsky hatte gegenüber den Neins auch ein "Ja":
„Nun haben wir auf 225 Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen.... ." schreibt er 1929 in einer gemeinsamen Veröffentlichung mit dem Grafiker John Heartfield von dem ihm vieles unterschied.
Ich habe gegenüber dem einen NEIN auch viele JAs. Mit meinen Neins und meinem Ja kann ich mich irren. Tucholsky irrte politisch, er irrte menschlich.
„Aber im Falle Oss (Ossietzky) bin ich einmal nicht gekommen, ich habe damals versagt, es war ein Gemisch aus Faulheit, Feigheit, Ekel, Verachtung – und ich hätte doch kommen sollen." schreibt er an Hedwig Müller 1935.
Bei Tucholsky wars vielleicht ein überforderndes Nein, dem Selbstverachtung folgte. In schlechter Gesellschaft derer ist er da, die ihm Irrtum, Versagen, charakterliche Schwäche nicht vergessen werden, schon um sich im Nachhinein und symbolisch auf die richtige Seite zu stellen.
Es muss an der Person Tucholsky liegen, an der man Irrtum und Schwäche so leicht vorführen meint. Personen, bei denen der Brustton der Überzeugung von Nebengeräusche begleitet ist, wie dem Räuspern des Zweifels und dem asthmatischen Pfeifen, dem es zu eng wird in der Brust. Personen, denen man ansieht, dass sie auch anders können. Personen, die es überhaupt nötig haben, Überzeugungen zu haben. Denn die Überzeugung riecht förmlich nach Zweifel. Und mit zunehmender Lautstärke riecht man auch die Angst. Die Angst, den Kürzeren zu ziehen.
Tucholskys Tiger, Panther + Co. stand während der Pubertät in meinem Bücherregal, ohne dass ich allzuviel davon verstehen konnte, um was es ging. Was ich verstand, war die Lust am Widerspruch.
Der Brustston der Überzeugung, der weniger einer des Widerspruchs ist, lässt auch Überzeugungen zu Wirtschaft, Werbung, Markt und Marketing hohl klingen. Die Welt der Fakten und des Erfolgs scheint
reserviert zu sein für Hundertprozentiges.
Man hört ihn laut pfeifend im dunklen Wald und glaubt ihn vor sich zu sehen, wie er sich an seiner eigenen Entschlossenheit aufrichtet, wo Suchen und Experimentierten viel angebrachter wären. Das gilt auch für meine Neins zu Beginn des Beitrags. Aber Neins bleiben sie.
„Nichts ist schwieriger und nichts erfordert mehr Charakter, als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“ Das sagte Kurt Tucholsky.
Ich habe ein Nein
- zur Bespitzelung im Internet, die wehrlos macht
- zu Kriegsszenarien, für die keine Sprache gibt
- zum Klimawandel, vor dem schon kapituliert wurde
- zum System der Benachteiligung in Bildung, Beruf.
Da hören die Neins nicht mehr auf und beginnen zu verschmelzen zu einem einzigen Nein. Ein Nein, das nicht verhandelbar ist. Ein Nein ohne Wenn und Aber, weil die Essentials berührt sind. Weil ich weiss, dass man da nicht drüber weg geht ohne Gefahr für sich und andere, Lebensgefahr.
Ein Nein das sich folgenlosen Lamentieren verbietet oder verschwörungstheoretisches Fingerzeigen verbittet. Auch kein resignatives Nein des Es-wird-alles-immer-schlechter. Mein Nein.
Tucholsky hatte gegenüber den Neins auch ein "Ja":
„Nun haben wir auf 225 Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen.... ." schreibt er 1929 in einer gemeinsamen Veröffentlichung mit dem Grafiker John Heartfield von dem ihm vieles unterschied.
Ich habe gegenüber dem einen NEIN auch viele JAs. Mit meinen Neins und meinem Ja kann ich mich irren. Tucholsky irrte politisch, er irrte menschlich.
„Aber im Falle Oss (Ossietzky) bin ich einmal nicht gekommen, ich habe damals versagt, es war ein Gemisch aus Faulheit, Feigheit, Ekel, Verachtung – und ich hätte doch kommen sollen." schreibt er an Hedwig Müller 1935.
Bei Tucholsky wars vielleicht ein überforderndes Nein, dem Selbstverachtung folgte. In schlechter Gesellschaft derer ist er da, die ihm Irrtum, Versagen, charakterliche Schwäche nicht vergessen werden, schon um sich im Nachhinein und symbolisch auf die richtige Seite zu stellen.
Es muss an der Person Tucholsky liegen, an der man Irrtum und Schwäche so leicht vorführen meint. Personen, bei denen der Brustton der Überzeugung von Nebengeräusche begleitet ist, wie dem Räuspern des Zweifels und dem asthmatischen Pfeifen, dem es zu eng wird in der Brust. Personen, denen man ansieht, dass sie auch anders können. Personen, die es überhaupt nötig haben, Überzeugungen zu haben. Denn die Überzeugung riecht förmlich nach Zweifel. Und mit zunehmender Lautstärke riecht man auch die Angst. Die Angst, den Kürzeren zu ziehen.
Tucholskys Tiger, Panther + Co. stand während der Pubertät in meinem Bücherregal, ohne dass ich allzuviel davon verstehen konnte, um was es ging. Was ich verstand, war die Lust am Widerspruch.
Der Brustston der Überzeugung, der weniger einer des Widerspruchs ist, lässt auch Überzeugungen zu Wirtschaft, Werbung, Markt und Marketing hohl klingen. Die Welt der Fakten und des Erfolgs scheint
reserviert zu sein für Hundertprozentiges.
Man hört ihn laut pfeifend im dunklen Wald und glaubt ihn vor sich zu sehen, wie er sich an seiner eigenen Entschlossenheit aufrichtet, wo Suchen und Experimentierten viel angebrachter wären. Das gilt auch für meine Neins zu Beginn des Beitrags. Aber Neins bleiben sie.
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Donnerstag, 20. November 2014
Donnerstag, 20. November 2014
kuehnesmallworld, 10:05h
Das Private ist nicht privat sondern gesellschaftlich vermittelt.
Es reicht nicht, einfach ein Fenster aufzumachen um andere teilhaben zu lassen an seinem Innenleben. Es reicht nicht, einfach durch ein Fenster zu spähen, um Innenleben und Absichten eines Menschen zu erkunden. Man wird nur Akten füllen und Protokolle schreiben, die dokumentieren, dass man draussen geblieben ist. Man kann das nachlesen in den Akten, wie weit draussen die informelle Beobachter waren.
Im Privatleben und der (abgestuften) Abgrenzung zum Öffentlichen vermittelt sich der Mensch dagegen in seinen komplexen gesellschaftlichen Funktionen.
So vermittelte er sich in der Vergangenheit
- als Herrscher in der Kontrolle seiner Räume
- als Bauer in der Gebundenheit an die Scholle
- als Bürger in der Trennung von Beruf und privat.
Der Soziologe Norbert Elias hat diesen Prozess als Prozess der Zivilisation, der Abschirmung, der Separierung geschildert. Was separiert wird, ist damit keineswegs "weg" sondern vermittelt sich neu in Symbolik und gesellschaftlicher Funktion und wird dadurch letztendlich in komplexerer Form wiederum öffentlich.
So wanderte im Prozess der Zivilisation alles, was mit Verwundung, Blut und Aggression, so das Zerlegen des Tieres, von der gemeinschaftlichen Tafel in die Küche.
Ein Prozess, der von Interesse ist auch für das Marketing, weil es die Frage berührt, wen ich denn da anspreche. Ist da wirklich nur der Privatmensch oder der Berufsmensch angesprochen? Welches Selbst- und Rollenverständnis im einen wie im andern Falle schwingt da mit?
- Ist wirklich nur der Manager angesprochen, dem ein Führungskräfte-Training in exklusivem Ambiente angeboten wird?
- Ist wirklich nur der IT-Youngster, der sein Seelenfreud und -leid 1:1 in die Welt bläst, mit einem Multi-Media-Design-Kurs angesprochen?
Hinter den Mustern und Rollen befindet sich ein hinter die Kulissen verlegtes Selbstverständnis. U.a. die Darstellungen des bürgerlichen Wohnraums in der Malerei des 16. Jahrhunderts (Vermeer) holt es da raus.
Die Öffnung betrifft nicht nur die Darstellung sondern auch die Künstler:
Die "Malweiber" des ausgehenden 18. Jahrhunderts und die Damenakademie München nach dem Vorbild der Königlich Bayerischen Akademie der Künste waren erste Formen eigenständiger beruflicher Existenz von Frauen. Auch heute bieten Künstlerexistenzen vielfach das, was die Berufslaufbahnen nicht bieten: Die Möglichkeit zu experimentieren und sich zu irren, Grenzen zu überschreiten, Kombinationen auszuprobieren.
In der Gegenwart ist die Multifunktionalität in das Design der Räume und Gebrauchsgegenstände eingewandert und spielt mit Zweck und Zweckentfremdung. Damit variiert der Mensch in vielfältigen Kombinationen sein Verständnis dessen, was es heisst, sich einerseits als privates andererseits als soziales Wesen zu verstehen und mit Kombinationen beider Seiten zu experimentieren.
Durch die virtuelle Realität eröffnet sich noch eine weitere Dimension. Virtuellen Welten sind nämlich prinzipiell unbegrenzt, das Agieren in ihnen in seinen Auswirkungen deshalb nicht absehbar. Aber so wie uns im Öffentlichgemachten der Boden wegsackt, so wird auch das Private virtuell und grenzenlos. An die Stelle des räumlichen Rückzugs tritt das Hin- und Her-Switchen zwischen dem Bewusstsein einerseits öffentlich zu handeln, andererseits für sich zu sein.
Was sich bei allem stringent durchzieht, ist: Einen Unterschied zu machen in meinem Handeln und Verhalten. Ob nun in dem, was ich mitteile (in Abstufungen) oder für mich behalte. Den Unterschieden, die ich mache, folgen die Schamgrenzen, die diese Unterschiede markieren.
Man sehe sich nur an, wie sorgsam der Sitznachbar sein Smartphone vor meinem Blick abschirmt. Die ganze Welt kann mitlesen, die angeklickte Seite ist Tausenden zugänglich, du aber kommst ihm zu nah.
Denn im Moment der Betrachtung baut sich eine einmalige Verbindung zwischen gerade diesem Betrachter und gerade dieser Webseite auf. In diesem Moment ist dein Nachbar höchst privat. Was privat ist oder nicht, hat sich in den Kommunikationsprozess verlagert. Im nächsten Moment klingelt das Smartphone und dein geschätzter Nachbar gibt alles Welt zu verstehen, welches ganz und gar intimes Verhältnis er zum Anrufer hat. Er ist es, der dosiert, der zuteilt, und darin sehr privat ist.
So variabel, wie mit Öffentlichem und Privatem jongliert wird, so variabel verlaufen die Schamgrenzen. Ein Nacktphoto im Internet stört das Schamempfinden wenig, sich vor Nachbarn nackt zu zeigen, kann die Schamgrenze erheblich mobilisieren. Entscheidend für das Empfinden von Scham ist die Art der Kommunikation. Welche Folgen muss ich erwarten oder befürchten? Stosse ich auf Verständnis oder auf Ablehnung, auf Kälte oder sogar Gewalt? Nacktheit ist eine Chiffre für Verletzbarkeit.
Viel spricht dafür, Privatheit in Zukunft durch Switchen zu erzeugen. Die Spur soll nicht verfolgbar, vor allem nicht vorhersehbar sein. Flippige, unberechenbare Lebensstile haben Konjunktur. Eine ganz andere Frage ist, ob der Mensch trotz allem berechenbar ist. Aber es ist eine Frage, noch nicht die Antwort.
Menschen haben sich der Fremdbestimmung immer wieder entzogen und dafür neue Widerstandsformen ersonnen. Wenn sich facebook als Raum dazu nicht mehr eignet, wird man nach neuen Räumen suchen. Im Eindruck wehrlos zu sein, liegt die wirkliche Gefahr für die Demokratie. Darin, Unterschiede zu machen, behauptet sich der Mensch in seiner Autonomie ebenso wie als sozial teilhabendes Wesen. Das handelsübliche Marketing stellt dies vor die unerquickliche Alternative einer Massenansprache, die nur Trends sieht oder einer "individuellen" Ansprache, die das Anders-sein mit unzähligen Accessoires versieht, welche käuflich zu erwerben sind. Im Alltag des sich des Problems bewussten Marketers heisst das, gerade die Momente und Elemente anzusprechen, die für diesen Adressaten den Unterschied machen, statt lärmend das "einzig Wahre" oder das "einzig Billige" anzupreisen. Ein derartiges Marketing kann sehr sorgfältig im Detail und sehr leise sein. Wer die Aufmerksamkeit "gespitzter" Ohren seines Auditoriums gewinnen will, muss leise werden.
Es reicht nicht, einfach ein Fenster aufzumachen um andere teilhaben zu lassen an seinem Innenleben. Es reicht nicht, einfach durch ein Fenster zu spähen, um Innenleben und Absichten eines Menschen zu erkunden. Man wird nur Akten füllen und Protokolle schreiben, die dokumentieren, dass man draussen geblieben ist. Man kann das nachlesen in den Akten, wie weit draussen die informelle Beobachter waren.
Im Privatleben und der (abgestuften) Abgrenzung zum Öffentlichen vermittelt sich der Mensch dagegen in seinen komplexen gesellschaftlichen Funktionen.
So vermittelte er sich in der Vergangenheit
- als Herrscher in der Kontrolle seiner Räume
- als Bauer in der Gebundenheit an die Scholle
- als Bürger in der Trennung von Beruf und privat.
Der Soziologe Norbert Elias hat diesen Prozess als Prozess der Zivilisation, der Abschirmung, der Separierung geschildert. Was separiert wird, ist damit keineswegs "weg" sondern vermittelt sich neu in Symbolik und gesellschaftlicher Funktion und wird dadurch letztendlich in komplexerer Form wiederum öffentlich.
So wanderte im Prozess der Zivilisation alles, was mit Verwundung, Blut und Aggression, so das Zerlegen des Tieres, von der gemeinschaftlichen Tafel in die Küche.
Ein Prozess, der von Interesse ist auch für das Marketing, weil es die Frage berührt, wen ich denn da anspreche. Ist da wirklich nur der Privatmensch oder der Berufsmensch angesprochen? Welches Selbst- und Rollenverständnis im einen wie im andern Falle schwingt da mit?
- Ist wirklich nur der Manager angesprochen, dem ein Führungskräfte-Training in exklusivem Ambiente angeboten wird?
- Ist wirklich nur der IT-Youngster, der sein Seelenfreud und -leid 1:1 in die Welt bläst, mit einem Multi-Media-Design-Kurs angesprochen?
Hinter den Mustern und Rollen befindet sich ein hinter die Kulissen verlegtes Selbstverständnis. U.a. die Darstellungen des bürgerlichen Wohnraums in der Malerei des 16. Jahrhunderts (Vermeer) holt es da raus.
Die Öffnung betrifft nicht nur die Darstellung sondern auch die Künstler:
Die "Malweiber" des ausgehenden 18. Jahrhunderts und die Damenakademie München nach dem Vorbild der Königlich Bayerischen Akademie der Künste waren erste Formen eigenständiger beruflicher Existenz von Frauen. Auch heute bieten Künstlerexistenzen vielfach das, was die Berufslaufbahnen nicht bieten: Die Möglichkeit zu experimentieren und sich zu irren, Grenzen zu überschreiten, Kombinationen auszuprobieren.
In der Gegenwart ist die Multifunktionalität in das Design der Räume und Gebrauchsgegenstände eingewandert und spielt mit Zweck und Zweckentfremdung. Damit variiert der Mensch in vielfältigen Kombinationen sein Verständnis dessen, was es heisst, sich einerseits als privates andererseits als soziales Wesen zu verstehen und mit Kombinationen beider Seiten zu experimentieren.
Durch die virtuelle Realität eröffnet sich noch eine weitere Dimension. Virtuellen Welten sind nämlich prinzipiell unbegrenzt, das Agieren in ihnen in seinen Auswirkungen deshalb nicht absehbar. Aber so wie uns im Öffentlichgemachten der Boden wegsackt, so wird auch das Private virtuell und grenzenlos. An die Stelle des räumlichen Rückzugs tritt das Hin- und Her-Switchen zwischen dem Bewusstsein einerseits öffentlich zu handeln, andererseits für sich zu sein.
Was sich bei allem stringent durchzieht, ist: Einen Unterschied zu machen in meinem Handeln und Verhalten. Ob nun in dem, was ich mitteile (in Abstufungen) oder für mich behalte. Den Unterschieden, die ich mache, folgen die Schamgrenzen, die diese Unterschiede markieren.
Man sehe sich nur an, wie sorgsam der Sitznachbar sein Smartphone vor meinem Blick abschirmt. Die ganze Welt kann mitlesen, die angeklickte Seite ist Tausenden zugänglich, du aber kommst ihm zu nah.
Denn im Moment der Betrachtung baut sich eine einmalige Verbindung zwischen gerade diesem Betrachter und gerade dieser Webseite auf. In diesem Moment ist dein Nachbar höchst privat. Was privat ist oder nicht, hat sich in den Kommunikationsprozess verlagert. Im nächsten Moment klingelt das Smartphone und dein geschätzter Nachbar gibt alles Welt zu verstehen, welches ganz und gar intimes Verhältnis er zum Anrufer hat. Er ist es, der dosiert, der zuteilt, und darin sehr privat ist.
So variabel, wie mit Öffentlichem und Privatem jongliert wird, so variabel verlaufen die Schamgrenzen. Ein Nacktphoto im Internet stört das Schamempfinden wenig, sich vor Nachbarn nackt zu zeigen, kann die Schamgrenze erheblich mobilisieren. Entscheidend für das Empfinden von Scham ist die Art der Kommunikation. Welche Folgen muss ich erwarten oder befürchten? Stosse ich auf Verständnis oder auf Ablehnung, auf Kälte oder sogar Gewalt? Nacktheit ist eine Chiffre für Verletzbarkeit.
Viel spricht dafür, Privatheit in Zukunft durch Switchen zu erzeugen. Die Spur soll nicht verfolgbar, vor allem nicht vorhersehbar sein. Flippige, unberechenbare Lebensstile haben Konjunktur. Eine ganz andere Frage ist, ob der Mensch trotz allem berechenbar ist. Aber es ist eine Frage, noch nicht die Antwort.
Menschen haben sich der Fremdbestimmung immer wieder entzogen und dafür neue Widerstandsformen ersonnen. Wenn sich facebook als Raum dazu nicht mehr eignet, wird man nach neuen Räumen suchen. Im Eindruck wehrlos zu sein, liegt die wirkliche Gefahr für die Demokratie. Darin, Unterschiede zu machen, behauptet sich der Mensch in seiner Autonomie ebenso wie als sozial teilhabendes Wesen. Das handelsübliche Marketing stellt dies vor die unerquickliche Alternative einer Massenansprache, die nur Trends sieht oder einer "individuellen" Ansprache, die das Anders-sein mit unzähligen Accessoires versieht, welche käuflich zu erwerben sind. Im Alltag des sich des Problems bewussten Marketers heisst das, gerade die Momente und Elemente anzusprechen, die für diesen Adressaten den Unterschied machen, statt lärmend das "einzig Wahre" oder das "einzig Billige" anzupreisen. Ein derartiges Marketing kann sehr sorgfältig im Detail und sehr leise sein. Wer die Aufmerksamkeit "gespitzter" Ohren seines Auditoriums gewinnen will, muss leise werden.
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