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Freitag, 18. Januar 2013
Freitag, 18. Januar 2013
kuehnesmallworld, 09:48h
Guter Cop - schlechter Cop, gute Welt - schlechte Welt. Der Kopf in den Wolken der Zukunft - nasse Füsse von der Eisabschmelzung. So siehts aus.
Eine grosse Müdigkeit hat uns befallen. Datenflut hier und Zukunftsprognosen dort überfordern und erschöpfen uns. Die Mühle dreht sich unablässig. Wir treten unablässig in die Pedale. Ende nicht absehbar. Burn out.
Burn out ist das richtige Bild, die zeitgemäss richtige Diagnose. Die Diagnose unserer Zeit. Jede Zeit bringt die Diagnose hervor, die zu ihr passt. Das Kaiserreich die Hysterie, die MultiTask-Gesellschaft das Burn out, das Ausgebrannt-sein. Unendlich, die Möglichkeiten und Anforderungen, unendlich gross die Müdigkeit.
Lustigerweise ist Burn Out-Syndrom ein Bild, das es mit Energie zu tun hat. Energie, die doch zur Neige geht. Früher oder später. Wir bräuchten erneuerbare Energie für uns, frische Quellen. Die sich erneuern aus dem, was wir tun und lassen.
Eine grosse Müdigkeit hat uns befallen. Datenflut hier und Zukunftsprognosen dort überfordern und erschöpfen uns. Die Mühle dreht sich unablässig. Wir treten unablässig in die Pedale. Ende nicht absehbar. Burn out.
Burn out ist das richtige Bild, die zeitgemäss richtige Diagnose. Die Diagnose unserer Zeit. Jede Zeit bringt die Diagnose hervor, die zu ihr passt. Das Kaiserreich die Hysterie, die MultiTask-Gesellschaft das Burn out, das Ausgebrannt-sein. Unendlich, die Möglichkeiten und Anforderungen, unendlich gross die Müdigkeit.
Lustigerweise ist Burn Out-Syndrom ein Bild, das es mit Energie zu tun hat. Energie, die doch zur Neige geht. Früher oder später. Wir bräuchten erneuerbare Energie für uns, frische Quellen. Die sich erneuern aus dem, was wir tun und lassen.
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Donnerstag, 17. Januar 2013
kuehnesmallworld, 09:37h
Die Schlecker-Frau hats nicht geschafft. Weder als Wort noch als Unwort des Jahres. Aber sie hats weit gebracht. Ist weit gekommen. Das Personal der Ex-Firmenkette Schlecker hat eine der vorderen Plätze unserer Aufmerksamkeit errungen. In den Wettbewerben ums Wort, die sich zumehmender Beliebtheit erfreuen: Ein Wort für das vergangene Jahr. Oder ein Unwort. Ein Wort, das das vergangene Jahr, nach Meinung und Erfahrung der in den Wettbewerben angehörten Menschen, charakterisiert. Sieh mal einer an: Das Wort.
Immerhin, die Schlecker-Frau hats in unsere Aufmerksamkeit geschafft. War einfach zu präsent, die Schlecker-Frau. Anders als die Quelle-Frau, beispielsweise, welche hinter den Mauern von Fabrikhallen und Bürogebäuden gearbeitet hat. Dagegen: Die Schlecker-Frau war im Laden anzutreffen, mitten im Ort. Wir haben sie beim Bestücken der Regale, an der Kasse, beim Bestellen von Waren, beim Disponieren gesehen. Oft als Einzige.
Warum sie so weit kam, aber es doch nicht geschafft hat auf Platz 1, beides lag an der Lust mit der man das Wort Schlecker ausspricht. Da muss man noch garnicht an Ed von Schleck denken, das verblichene Werbe-Männchen von Langnese-Eis. Die Lust am Doppeldeutigen, auch am sexistischen Unterton, der das Aussprechen lustvoll macht. Beim Firmenchef Anton hats nicht gestört, bei den Schlecker-Kindern auch nicht, aber in Zusammenhang mit Frau, spricht man "Schlecker" eher einmal zuviel oder einmal zuwenig aus. Je nachdem ob es um das Unwort geht oder um das Wort. Deswegen hat sie es nicht geschafft, die Schlecker-Frau, weder zum Wort noch zum Unwort des Jahres. Es sind ja fast alles Frauen, die nun den Namen ihres Chefs tragen. Seitdem er nicht mehr ihr Chef ist. Für mich ist das Wort „Schlecker-Frau“ näher am Unwort des Jahres 2011 „Döner-Mord“ dran, als uns lieb sein kann, genauso verdruckst, heimlichtuerisch chauvinistisch.
„Nach Angaben der Bundesagentur erschweren derzeit vor allem gesetzgeberische Hürden den Ausbildungsstart arbeitsloser Schlecker-Frauen. Die Fachschulausbildungen zur Erzieherin und zur Altenpflegerin dauerten drei Jahre. "Nach dem Sozialgesetzbuch III dürfen Arbeitsagenturen aber nur maximal zweijährige Ausbildungen fördern", erläuterte ein BA-Sprecher. Ausbildungswillige ehemalige Schlecker-Beschäftigte müssten also das dritte Jahr ihrer Ausbildung aus der eigenen Taschen bezahlen, wozu anscheinend nur wenige Frauen bereit seien.
Derzeit werde geklärt, ob unter Umständen die Bundesländer die Kosten für das dritte Ausbildungsjahr übernähmen. Dazu hätten sich bislang bereits drei Bundesländer - Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz - bereiterklärt. Zudem gibt es nach Angaben des BA-Sprechers Überlegungen, die von Fachschulen angebotenen dreijährigen Ausbildungen für bestimmte Bewerber auf zwei Jahre zu verkürzen. Diese neuen Ausbildungsgänge müssten aber erst noch von den Länder zertifiziert werden, bevor sie angeboten werden könnten“. Soweit die Financial Times Deutschland vom 2.10.2012.
Vielseitig, selbständig, belastbar war die Schlecker-Frau. Vor unser aller Augen. Hat ihr alles nichts genützt, entgegen der offiziellen Leistungsideologie. Hats nicht geschafft. Fiel dem Programm der Vernichtung von Qualifikation durch Bürokratie zum Opfer. Wird, wie bei uns üblich, so oft gesiebt, geprüft und beurteilt bis sich ihre Qualifikationen, die ja sichtbar waren vor aller Augen, in Luft aufgelöst haben. Der Akt der Vernichtung beginnt wie fogt: Wir gehen nicht davon aus, was gesehen, was bewiesen ist, sondern machen uns anheischig, die entscheidende Bewertungsinstanz zu sein, durch die das, was man kann, erst zur anerkannten Qualifikation wird. Wir schütteln sie so lange durch Prüfungen, Bewerbungen und Anerkennungsverfahren bis noch der letzte durch Raster fällt. Dabei haben sie längst bewiesen was sie können. Wie soll einer besser beweisen als durch seine (langjährige) Berufstätigkeit? Genau so machen wirs auch in der Pisa verdächtigten Schule. Wir selektieren, verwalten, setzen zurück oder lassen sitzenbleiben statt den einzelnen zu fördern. In Finnland ging das. Bei uns ist bei Pisa-Studien das einzige, was an Bildung erinnert, das Wort Pisa. Bildungs-Ranking klänge ja nicht so gut und hätte am Ende noch das Zeug zum Unwort des Jahres.
Immerhin, die Schlecker-Frau hats in unsere Aufmerksamkeit geschafft. War einfach zu präsent, die Schlecker-Frau. Anders als die Quelle-Frau, beispielsweise, welche hinter den Mauern von Fabrikhallen und Bürogebäuden gearbeitet hat. Dagegen: Die Schlecker-Frau war im Laden anzutreffen, mitten im Ort. Wir haben sie beim Bestücken der Regale, an der Kasse, beim Bestellen von Waren, beim Disponieren gesehen. Oft als Einzige.
Warum sie so weit kam, aber es doch nicht geschafft hat auf Platz 1, beides lag an der Lust mit der man das Wort Schlecker ausspricht. Da muss man noch garnicht an Ed von Schleck denken, das verblichene Werbe-Männchen von Langnese-Eis. Die Lust am Doppeldeutigen, auch am sexistischen Unterton, der das Aussprechen lustvoll macht. Beim Firmenchef Anton hats nicht gestört, bei den Schlecker-Kindern auch nicht, aber in Zusammenhang mit Frau, spricht man "Schlecker" eher einmal zuviel oder einmal zuwenig aus. Je nachdem ob es um das Unwort geht oder um das Wort. Deswegen hat sie es nicht geschafft, die Schlecker-Frau, weder zum Wort noch zum Unwort des Jahres. Es sind ja fast alles Frauen, die nun den Namen ihres Chefs tragen. Seitdem er nicht mehr ihr Chef ist. Für mich ist das Wort „Schlecker-Frau“ näher am Unwort des Jahres 2011 „Döner-Mord“ dran, als uns lieb sein kann, genauso verdruckst, heimlichtuerisch chauvinistisch.
„Nach Angaben der Bundesagentur erschweren derzeit vor allem gesetzgeberische Hürden den Ausbildungsstart arbeitsloser Schlecker-Frauen. Die Fachschulausbildungen zur Erzieherin und zur Altenpflegerin dauerten drei Jahre. "Nach dem Sozialgesetzbuch III dürfen Arbeitsagenturen aber nur maximal zweijährige Ausbildungen fördern", erläuterte ein BA-Sprecher. Ausbildungswillige ehemalige Schlecker-Beschäftigte müssten also das dritte Jahr ihrer Ausbildung aus der eigenen Taschen bezahlen, wozu anscheinend nur wenige Frauen bereit seien.
Derzeit werde geklärt, ob unter Umständen die Bundesländer die Kosten für das dritte Ausbildungsjahr übernähmen. Dazu hätten sich bislang bereits drei Bundesländer - Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz - bereiterklärt. Zudem gibt es nach Angaben des BA-Sprechers Überlegungen, die von Fachschulen angebotenen dreijährigen Ausbildungen für bestimmte Bewerber auf zwei Jahre zu verkürzen. Diese neuen Ausbildungsgänge müssten aber erst noch von den Länder zertifiziert werden, bevor sie angeboten werden könnten“. Soweit die Financial Times Deutschland vom 2.10.2012.
Vielseitig, selbständig, belastbar war die Schlecker-Frau. Vor unser aller Augen. Hat ihr alles nichts genützt, entgegen der offiziellen Leistungsideologie. Hats nicht geschafft. Fiel dem Programm der Vernichtung von Qualifikation durch Bürokratie zum Opfer. Wird, wie bei uns üblich, so oft gesiebt, geprüft und beurteilt bis sich ihre Qualifikationen, die ja sichtbar waren vor aller Augen, in Luft aufgelöst haben. Der Akt der Vernichtung beginnt wie fogt: Wir gehen nicht davon aus, was gesehen, was bewiesen ist, sondern machen uns anheischig, die entscheidende Bewertungsinstanz zu sein, durch die das, was man kann, erst zur anerkannten Qualifikation wird. Wir schütteln sie so lange durch Prüfungen, Bewerbungen und Anerkennungsverfahren bis noch der letzte durch Raster fällt. Dabei haben sie längst bewiesen was sie können. Wie soll einer besser beweisen als durch seine (langjährige) Berufstätigkeit? Genau so machen wirs auch in der Pisa verdächtigten Schule. Wir selektieren, verwalten, setzen zurück oder lassen sitzenbleiben statt den einzelnen zu fördern. In Finnland ging das. Bei uns ist bei Pisa-Studien das einzige, was an Bildung erinnert, das Wort Pisa. Bildungs-Ranking klänge ja nicht so gut und hätte am Ende noch das Zeug zum Unwort des Jahres.
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Montag, 14. Januar 2013
Montag, 14. Januar 2013
kuehnesmallworld, 12:59h
Mecedes Bunz beginnt ihr kleines kluges Buch „Die stille Revolution“ von 2012 über „schreibende Algorithmen“, die Filmkritiken verfassen, wenn sie mit den entsprechen Daten gefüttert werden. Diese suchen sie sich im Internet zusammen und schlussfolgern dann auf Grund der Vorgaben die kritische Einschätzung. Der Kritiker, der sich dessen bedient, muss den Film garnicht mehr gesehen haben. Im günstigsten Fall prüft er nach, ob er mit der Kritik einverstanden ist. Das grössere Problem allerdings sind die Menschen, die nicht merken, dass sie von einer Maschine bedient werden. Die mit einem Programm gefüttert statt mit einer persönlichen Meinung konfrontiert werden. Die einer Logik (S. 52) ausgeliefert seien, die durch die Automatisierung wesentlich befördert werde. Diese Logik, nicht die Maschine sei das Problem, soweit Merzedes Bunz. Und es ist diese Logik, die uns nah legt, uns mit solch leicht zugänglichen, leicht verallgemeinerbaren und leicht verdaubaren Informationen abspeisen zu lassen. Der informationsverarbeitende Verdaungsapparat lässt in Zeiten der Informationsüberflutung offenbar keine schwerere Kost zu, wäre meine Schlussfolgerung. Eine Logik, die durch die Automatisierung befördert werde aber für diese letztlich nicht ursächlich sei, behauptet Frau Bunz. Die Logik sei, darf ich daraus folgern, uns die Arbeit abzunehmen, und zwar eben auch beim Denken (hier: sichten und zusammenführen). Um die damit verbundenen Kapitalmittel zu Macht in einigen Händen weiter zu konzentrieren (S. 54). Für das Denken folgt daraus der nahliegende Zwang, es weiter zu rationalisieren und damit leichter nachvollziehbaren Gedankengängen zu folgen. Alles scheint naheliegend und selbstverständlich, eben logisch, schlussfolgere ich. So wie die Automatisierung während der industriellen Revolution uns den Arbeitstakt und die Zeitökonomie der Maschinen aufgezwungen haben, lese ich wieder bei Frau Bunz. Und zwar deswegen, weil sie niemand hin und wieder abgestellt hat. Diese Logik, dass die Maschine einfach läüft und weiterläuft, ist im Grunde unser Problem. Es ist garnicht nur der arme Mensch, der abgefüttert wird, weil er es nicht besser weiss. Es ist der Mitarbeiter, der Mitbürger, der aktiv mit in die Pedale tritt, mitdenkt, nachvollzieht, zustimmt, sich nur mühsam zum Abschalten der Maschine und zur Kritik aufrafft und damit Widerstände überwindet. Das heisst aber auch, dass sich der Zwang zunehmend nach innen verlagert, dass Widerstand dagegen zunehmend mehr Aufwand erfordert. Nicht nur, weil man bisweilen der einzige ist.
Frau Bunz zitiert dann Herrn Kant, es gehe darum, neue Begriffe und Regeln zu finden, die „aus keinen vorhergehenden Regeln und Beispielen“ abgeleitet werden können (S.58). An dieser Stelle kommt nicht nur Immanuel Kant ins Spiel, der von der Schwelle seiner philosophischen Studierstube aus kopfschüttelnd die Szenerie betrachten dürfte sondern auch der Experte, der aus unserer ach so modernen Welt nicht mehr wegzudenken ist. Jener erlebt durch die anschwellende Faktenmasse im digitalen Zeitalter in der Tat zunächst einen ungeahnten Aufschwung. Da ist Frau Bunz zu folgen. Differenzierung ohne Ende könnte die Folge sein, meint Herr Kühne. Genau das, was wir beim inneren Zwang, Filmkritiken zu lesen, eben noch so schmerzlich vermisst haben. Die andere Seite der Digitalisierung, die Differenzierung der Reaktionen und Antworten, könnte greifen. Der Experte also wäre tatsächlich unsere Hoffnung, wenn, ja, wenn nicht gegen das Expertenwissen ein Kraut gewachsen wäre, nämlich das, dass die Fakten und Erkenntnisse zunehmend schnell von neuen Fakten und Erkenntnissen überholt werden, muss Herr Kühne bei Frau Bunz lesen. Es wird nichts draus mit dem Absteigen vom Fahrrad. Die Mühle ist unerbittlicher und schneller. Eine Mühle die uns das Neue, Bahnbrechende ungeduldig erwarten lässt statt dem gerade erreichten Erkenntnisstand nachzudenken (vgl. S. 61). An dieser Stelle verlasse ich die Mühle mit der Erkenntnis, dass wir eine neue Stufe, Massen und massenhafte Reaktionen zu produzieren, erreicht haben (vgl. S 89 ff.). Und ich verlasse sie mit der Ahnung, dass wir neue subversive Formen des Widerstand, des Aussteigens, der Kritik brauchen, die sich nicht so einfach überholen lassen. Es reicht nicht, der Masse das Subjekt entgegenzusetzen (S. 101). Die Verfielfältigung, die wir vor einigen Tagen (31.12.12) auch schon bei den Jobanzeigen beobachtet haben, führt nur zu neuer Automatisierung bei den Suchvorgängen. Immer mehr meiner Arbeitskollegen lassen ihre Maschinen suchen, antworten und produzieren, haben sich aber längst erschöpft zurückgelehnt und das Kommunizieren eingestellt. Du bekommst immer weniger eine Antwort, weil du immer weniger angesprochen wirst. Du bist bloss gemeint, von dir ist bloss die Rede, du hast Freunde, die tun, was du tust. Du wirst aber nicht angesprochen. Aus dieser Passivität kannst du aufschrecken, wenn du Dir ansiehst, was als Konsequenz zumindest angedeutet wird: Nämlich den Bereich der digitalen Medien öffentlich-rechtlich zu organisieren (vgl. S. 140, 143) wie Radio und Fernsehen.
Das wird alles nichts, winkst du müde ab, der inneren Logik folgend. Trotzdem ist zu hoffen, dass sich der Stachel des dagegen löckenden Gedanken irgendwo festsetzt. „Subversive Formen“ des Widerstands, damit bin ich erstmal wieder beim Wort. Man kann sich gar nicht vorstellen, was in so ein Wort alles drinstecken kann. Das übersteigt die Menge an Giftstoffen, die in ein Hühnerei reingehen, aber nicht reingehören, bei weitem. Wenn wir den Widerstand gegen hirnlose Gedankenraserei anziehen wollen, brauchen wir Worte, die uns zu zu denken geben, in denen Gefühle stecken, Worte an denen wir hängenbleiben.
Dazu gehören auch Worte, die das Denken sprengen, Worte, mit denen man die jeweiligen Gedankengänge verlassen kann. Auch das kann das Wort leisten. Eben, weil es solch eine Vielfalt von Bezügen enthält. Inhaltliche Bezüge, emotionale Bezüge, soziale Bezüge. Eine unkontrollierbare Vielfalt. Es gibt Wortbomben, so wie es Samenbomben gibt, mit denen man das urbane Grün revitalisieren kann. Wir wissen oft nicht nur die Stelle auf derjenigen Seite, auf der wir das Wort einmal gelesen haben. Hören wir das Wort, hören wir es oft mit dem Klang der Stimme, die uns einmal mit diesem Wort angesprochen hat. Wir surfen auf dem Klang der Stimme, der vertrauten Stimme, der sachlich-klaren, der kalt-abweisenden Stimme.
So, wie uns Zeitung, Radio und Fernsehen eine (bürgerliche) Massen-Öffentlichkeit beschert haben, bescheren uns die digitalen Medien eine digitale Öffentlichkeit (113) des kollektiven Wissens und der sogenannten „Schwarmintelligenz“. Dahinter steht aber ein anderes, verändertes Bild von Masse, als es die Massenmedien des industriellen Zeitalters erzeugten. Tendierten jene zur Vereinfachung, zum kleinsten gemeinsamen Nenner, um möglichst viele zu erreichen, operieren diese mit exzentrischem Inhalten, um unser knappes Gut Aufmerksamkeit zu erregen.
Das mediale (Teil-) Archiv aller öffentlichen und veröffentlichten Inhalte folgt dem Prinzip der „semantischen Nische“ (120), statt der hierarchischen Gliederung nach Fachgebieten wie wir sie aus öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken gewohnt sind. Die sprachliche Nähe, was nicht anderes heisst als die Nähe zum Wort, ist ausschlaggebend. Das von Mercedes Bunz genannte Beispiel:
„Das Buch Sturz ins Lerre“ über einen Flugzeugabsturz in den Anden erlebte 10 Jahre nach seinem Erscheinen einen ungeahnten Publikumszuspruch nachdem Jon Krakauers Buch „In eisigen Höhen. Drama am Mount Everst“ ein Bestseller geworden war. Schuld waren die Empfehlungen in den Online-Buchshops, die einen nach „ähnlichen“ Titeln suchen liess. Berg, Eis Abenteuer dürften die Kriterien für die Suchalgorithmen gewesen sein, die vom Bestseller zum Lowseller führten und dessen Nischendasein schlagartig beendeten. Gibt man jetzt „Eisige Höhen“ ein, wirft die Suchmaschine im Wesentlichen den genannten Bestseller wie die ZDF-Serie Bergdoktor aus. Leitmotiv ist das tatsächliche oder vermeintliche Interesse der Sucher, nicht ein wie auch immer geartetes Kriterium der Wichtigkeit.
Diese „interessensgeleitete Aufmerksamkeitslogik“ (Bunz), auch über Empfehlung und Weiterleitung, meine ich, folgt einer Erregungs- und nicht selten auch einer Klatschlogik, ob diese nun zu einer Revolution oder öffentlichem Mobbing oder tödlich endenden Jagdszenen führt. Dabei sein, Teil dieser Öffentlichkeit sein, ist offensichtlich, was zählt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was wir (scheinbar) unmittelbar erleben, an dem wir (scheinbar) unmittelbar teilhaben, das halten wir intuitiv für wahr. Diese Unmittelbarkeit wird der neue Klebstoff für massenhaftes Verhalten im digitalen Zeitalter. Der reale Ort wird zweitrangig. Das Subjekt bekommt dadurch auch eine andere Reichweite und einen Charakter, denke ich, es nicht mehr in erster Linie in sich abgeschlossen und muss durch Aktivität die Beziehung zu andern erst herstellen. Es ‘atmet‘ durch die Membranen der digitalen Medien, durch die wir alles von allen mitkriegen. Es tritt anders mit der Öffentlichkeit, die sich auch verändert hat, in Beziehung. Auch dann, wenn es an dieser garnicht aktiv mitmischt. Wir sind nicht mehr die Privatleute des 19. Jahrhunderts (vgl. Habermas).
Die „Aufmerksamkeitslogik“ verändert auch unsere Rezeption und Wahrnehmung möchte ich folgern, wenn ich Walter Benjamin nach Merzedes Bunz zitiere: Nicht mehr die grosse gewaltsame Veränderung, sondern die geringfügige Veränderung befördere die Bildung einer neuen Gesellschaft (159). Was wohl auch heisst: Aufmerksamkeit wird anders errungen, eher durch den „kleinen“ aber signifikanten Unterschied als durch die langweilig gewordene Sensationskeule. Für mich ist das nichts anderes, als das Brechen einer Lanze für das Wort. Hellwach werden wir beim kabarettistischen Wortspiel. Wollen unbedingt die Pointe mitkriegen. Hellwach wird der Säugling, bei dem, frei nach dem Neuropsychologen Manfred Spitzer, das Muster des Eideidei plötzlich unterbrochen wird. Hellwach werden wir, die wir genauer hinhören, wenn jemand leiser spricht. Wenn an der Werbetrommel der Werbung nicht mehr soviel Geld zu verdienen ist, wird man sich anderer Methoden bedienen, um uns wach werden zu lassen.
Das Wort signalisiert, symbolisiert, verkörpert den Gedanken, das Erleben, die Sache. Ein Satz, ein Gedanke, eine Gedankenführung kann zusammenschnurren auf ein einziges Wort. Deswegen sind wir in solchen Momenten „ganz Ohr“. Deswegen sind wir auch hochgradig manipulierbar durch das Wort. „Asylant“ war so ein Wort vor einigen Jahren. Der Beutungszusammenhang schien definiert, der Klang und Gebrauch des Wortes waren negativ festgelegt. „Asylant“ war Beschimpfung geworden. Das Wort ist der Schlüssel zum Denken, zum Gehirn sagen Neuropsychologen. Das Gehirn, das sich ja durch Sprache erst zu dem entwickelt hat, was der Mensch heute daran hat. Gehirn ist Verknüpfung sagen die Neuropsychologen. Im Wort geschieht auch die Verknüpfung verschiedener Ebenen, der gegenständlichen, der bildlich-symbolischen, der abstrakt-theoretischen, der ironisch-distanzierenden etc. Für alles kann ein Wort der Träger sein. Nicht selten auch dasselbe Wort. Laut kann das Tier auch. Lautmalerei kann das Tier nicht, denn es hat keine innere Leinwand, auf der in diesem Moment ein Bild entsteht. Je mehr das Wort in Textwüsten, Contentkopien und Bilderwelten versackt, desto wichtiger wird das einzelne Wort. In die Sprechwolke der Donald Duck Comics hat Erika Fuchs unsäglich unangepasste, auch altertümliche Worte platziert. Worte, die diese Comics unvergesslich machen, gerade weil sie sich ihrer Bilderweltumgebung nicht anpassen. Meine auf Distanz bedachte Sprache, etwas akademisch und etwas altertümlich vornehm, ist genau richtig im Business-Kontakt am bisweilen distanzlosen Telefon. Ich komme gerade aus der Film Hannah Arendt. Ihre Provokation kam aus einem Wort: Banalität (des Bösen). Wenn wir alle Bilder gesehen haben, wenn alle Assoziationen abrufbar, alle Muster verfügbar sind, wird das Wort in uns arbeiten. Wir werden auf das einzelne Wort zurückkommen müssen, um überhaupt wieder etwas zu sagen. Mit dem Wort nämlich sagt jemand was, mit Bildern werden ganze Vorstellungswelten transportiert. Heute glauben Menschen tatsächlich, dass sie aus alten Spielfilmen etwas über die damalige Zeit lernen. Man lernt etwas über die Bilderwelten, die Technik, mit Hilfe derer wir uns diese Zeit vergegenwärtigen, den Klischees, die bis heute über sie existieren. Und sitzt diesen genauso auf, wie den Schlagern der Fünfzigern, wenn man diese für den Spiegel der Stimmung in diesen Jahren hält. Ganze Agenturen haben footage zu, Geschäftsmodell gemacht, jene Bilderschnipsel bis zu 10 Sekunden, die vom Tornado bis zum Eisbären so ziemlich alle atmosphärischen Füllsel vermarkten. Du weisst nie, welche Bilder du siehst. Nein, kein kultur- und zeitkritisches Seminar muss da her, es reicht für den Normalgebrauch schon etwas Skepsis. Wie sie in unserer Kultur gegenüber dem Bild durchaus angelegt ist. Täuschung, Verkleidung, der Wolf als Grossmutter, das alles läuft über das Bild viel besser als über die Sprache. Wir lassen uns von Details faszinieren, erliegen dem Gesamteindruck, ergänzen, was dem Bild an Detail oder Perspektive fehlt. Man muss schon Kreide auflegen, um in die Kinderstube des Menschen einzudringen, wo die sieben Geisslein die vertraute Stimme noch im Ohr haben.
Eine Neubewertung des Wortes ist unumgänglich, wenn wir Menschen persönlich ansprechen und ihre Antwort erhalten wollen. Wenn wir selbst antworten wollen. Wenn wir den Schlüssel zum Denken und zur Veränderung in der Hand behalten wollen. Das Wort provoziert die Distinktion, die Unterscheidungsfähigkeit. Das Bild musst du ganzheitlich in dich hineinlöffeln. Ein Wort unterscheidet sich vielleicht nur in einer Silbe, einem Buchstaben oder nur in der Betonung von einem andern. Wenn der Mensch durch Abweichung vom Muster überhaupt erst aufmerksam wird, dann wird klar, welche Macht im Wort steckt. Ein einziges Wort, das im Zusammenhang ungewöhnlich oder nur ungebräuchlich ist, lässt plötzlich aufmerken.
Frau Bunz zitiert dann Herrn Kant, es gehe darum, neue Begriffe und Regeln zu finden, die „aus keinen vorhergehenden Regeln und Beispielen“ abgeleitet werden können (S.58). An dieser Stelle kommt nicht nur Immanuel Kant ins Spiel, der von der Schwelle seiner philosophischen Studierstube aus kopfschüttelnd die Szenerie betrachten dürfte sondern auch der Experte, der aus unserer ach so modernen Welt nicht mehr wegzudenken ist. Jener erlebt durch die anschwellende Faktenmasse im digitalen Zeitalter in der Tat zunächst einen ungeahnten Aufschwung. Da ist Frau Bunz zu folgen. Differenzierung ohne Ende könnte die Folge sein, meint Herr Kühne. Genau das, was wir beim inneren Zwang, Filmkritiken zu lesen, eben noch so schmerzlich vermisst haben. Die andere Seite der Digitalisierung, die Differenzierung der Reaktionen und Antworten, könnte greifen. Der Experte also wäre tatsächlich unsere Hoffnung, wenn, ja, wenn nicht gegen das Expertenwissen ein Kraut gewachsen wäre, nämlich das, dass die Fakten und Erkenntnisse zunehmend schnell von neuen Fakten und Erkenntnissen überholt werden, muss Herr Kühne bei Frau Bunz lesen. Es wird nichts draus mit dem Absteigen vom Fahrrad. Die Mühle ist unerbittlicher und schneller. Eine Mühle die uns das Neue, Bahnbrechende ungeduldig erwarten lässt statt dem gerade erreichten Erkenntnisstand nachzudenken (vgl. S. 61). An dieser Stelle verlasse ich die Mühle mit der Erkenntnis, dass wir eine neue Stufe, Massen und massenhafte Reaktionen zu produzieren, erreicht haben (vgl. S 89 ff.). Und ich verlasse sie mit der Ahnung, dass wir neue subversive Formen des Widerstand, des Aussteigens, der Kritik brauchen, die sich nicht so einfach überholen lassen. Es reicht nicht, der Masse das Subjekt entgegenzusetzen (S. 101). Die Verfielfältigung, die wir vor einigen Tagen (31.12.12) auch schon bei den Jobanzeigen beobachtet haben, führt nur zu neuer Automatisierung bei den Suchvorgängen. Immer mehr meiner Arbeitskollegen lassen ihre Maschinen suchen, antworten und produzieren, haben sich aber längst erschöpft zurückgelehnt und das Kommunizieren eingestellt. Du bekommst immer weniger eine Antwort, weil du immer weniger angesprochen wirst. Du bist bloss gemeint, von dir ist bloss die Rede, du hast Freunde, die tun, was du tust. Du wirst aber nicht angesprochen. Aus dieser Passivität kannst du aufschrecken, wenn du Dir ansiehst, was als Konsequenz zumindest angedeutet wird: Nämlich den Bereich der digitalen Medien öffentlich-rechtlich zu organisieren (vgl. S. 140, 143) wie Radio und Fernsehen.
Das wird alles nichts, winkst du müde ab, der inneren Logik folgend. Trotzdem ist zu hoffen, dass sich der Stachel des dagegen löckenden Gedanken irgendwo festsetzt. „Subversive Formen“ des Widerstands, damit bin ich erstmal wieder beim Wort. Man kann sich gar nicht vorstellen, was in so ein Wort alles drinstecken kann. Das übersteigt die Menge an Giftstoffen, die in ein Hühnerei reingehen, aber nicht reingehören, bei weitem. Wenn wir den Widerstand gegen hirnlose Gedankenraserei anziehen wollen, brauchen wir Worte, die uns zu zu denken geben, in denen Gefühle stecken, Worte an denen wir hängenbleiben.
Dazu gehören auch Worte, die das Denken sprengen, Worte, mit denen man die jeweiligen Gedankengänge verlassen kann. Auch das kann das Wort leisten. Eben, weil es solch eine Vielfalt von Bezügen enthält. Inhaltliche Bezüge, emotionale Bezüge, soziale Bezüge. Eine unkontrollierbare Vielfalt. Es gibt Wortbomben, so wie es Samenbomben gibt, mit denen man das urbane Grün revitalisieren kann. Wir wissen oft nicht nur die Stelle auf derjenigen Seite, auf der wir das Wort einmal gelesen haben. Hören wir das Wort, hören wir es oft mit dem Klang der Stimme, die uns einmal mit diesem Wort angesprochen hat. Wir surfen auf dem Klang der Stimme, der vertrauten Stimme, der sachlich-klaren, der kalt-abweisenden Stimme.
So, wie uns Zeitung, Radio und Fernsehen eine (bürgerliche) Massen-Öffentlichkeit beschert haben, bescheren uns die digitalen Medien eine digitale Öffentlichkeit (113) des kollektiven Wissens und der sogenannten „Schwarmintelligenz“. Dahinter steht aber ein anderes, verändertes Bild von Masse, als es die Massenmedien des industriellen Zeitalters erzeugten. Tendierten jene zur Vereinfachung, zum kleinsten gemeinsamen Nenner, um möglichst viele zu erreichen, operieren diese mit exzentrischem Inhalten, um unser knappes Gut Aufmerksamkeit zu erregen.
Das mediale (Teil-) Archiv aller öffentlichen und veröffentlichten Inhalte folgt dem Prinzip der „semantischen Nische“ (120), statt der hierarchischen Gliederung nach Fachgebieten wie wir sie aus öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken gewohnt sind. Die sprachliche Nähe, was nicht anderes heisst als die Nähe zum Wort, ist ausschlaggebend. Das von Mercedes Bunz genannte Beispiel:
„Das Buch Sturz ins Lerre“ über einen Flugzeugabsturz in den Anden erlebte 10 Jahre nach seinem Erscheinen einen ungeahnten Publikumszuspruch nachdem Jon Krakauers Buch „In eisigen Höhen. Drama am Mount Everst“ ein Bestseller geworden war. Schuld waren die Empfehlungen in den Online-Buchshops, die einen nach „ähnlichen“ Titeln suchen liess. Berg, Eis Abenteuer dürften die Kriterien für die Suchalgorithmen gewesen sein, die vom Bestseller zum Lowseller führten und dessen Nischendasein schlagartig beendeten. Gibt man jetzt „Eisige Höhen“ ein, wirft die Suchmaschine im Wesentlichen den genannten Bestseller wie die ZDF-Serie Bergdoktor aus. Leitmotiv ist das tatsächliche oder vermeintliche Interesse der Sucher, nicht ein wie auch immer geartetes Kriterium der Wichtigkeit.
Diese „interessensgeleitete Aufmerksamkeitslogik“ (Bunz), auch über Empfehlung und Weiterleitung, meine ich, folgt einer Erregungs- und nicht selten auch einer Klatschlogik, ob diese nun zu einer Revolution oder öffentlichem Mobbing oder tödlich endenden Jagdszenen führt. Dabei sein, Teil dieser Öffentlichkeit sein, ist offensichtlich, was zählt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Was wir (scheinbar) unmittelbar erleben, an dem wir (scheinbar) unmittelbar teilhaben, das halten wir intuitiv für wahr. Diese Unmittelbarkeit wird der neue Klebstoff für massenhaftes Verhalten im digitalen Zeitalter. Der reale Ort wird zweitrangig. Das Subjekt bekommt dadurch auch eine andere Reichweite und einen Charakter, denke ich, es nicht mehr in erster Linie in sich abgeschlossen und muss durch Aktivität die Beziehung zu andern erst herstellen. Es ‘atmet‘ durch die Membranen der digitalen Medien, durch die wir alles von allen mitkriegen. Es tritt anders mit der Öffentlichkeit, die sich auch verändert hat, in Beziehung. Auch dann, wenn es an dieser garnicht aktiv mitmischt. Wir sind nicht mehr die Privatleute des 19. Jahrhunderts (vgl. Habermas).
Die „Aufmerksamkeitslogik“ verändert auch unsere Rezeption und Wahrnehmung möchte ich folgern, wenn ich Walter Benjamin nach Merzedes Bunz zitiere: Nicht mehr die grosse gewaltsame Veränderung, sondern die geringfügige Veränderung befördere die Bildung einer neuen Gesellschaft (159). Was wohl auch heisst: Aufmerksamkeit wird anders errungen, eher durch den „kleinen“ aber signifikanten Unterschied als durch die langweilig gewordene Sensationskeule. Für mich ist das nichts anderes, als das Brechen einer Lanze für das Wort. Hellwach werden wir beim kabarettistischen Wortspiel. Wollen unbedingt die Pointe mitkriegen. Hellwach wird der Säugling, bei dem, frei nach dem Neuropsychologen Manfred Spitzer, das Muster des Eideidei plötzlich unterbrochen wird. Hellwach werden wir, die wir genauer hinhören, wenn jemand leiser spricht. Wenn an der Werbetrommel der Werbung nicht mehr soviel Geld zu verdienen ist, wird man sich anderer Methoden bedienen, um uns wach werden zu lassen.
Das Wort signalisiert, symbolisiert, verkörpert den Gedanken, das Erleben, die Sache. Ein Satz, ein Gedanke, eine Gedankenführung kann zusammenschnurren auf ein einziges Wort. Deswegen sind wir in solchen Momenten „ganz Ohr“. Deswegen sind wir auch hochgradig manipulierbar durch das Wort. „Asylant“ war so ein Wort vor einigen Jahren. Der Beutungszusammenhang schien definiert, der Klang und Gebrauch des Wortes waren negativ festgelegt. „Asylant“ war Beschimpfung geworden. Das Wort ist der Schlüssel zum Denken, zum Gehirn sagen Neuropsychologen. Das Gehirn, das sich ja durch Sprache erst zu dem entwickelt hat, was der Mensch heute daran hat. Gehirn ist Verknüpfung sagen die Neuropsychologen. Im Wort geschieht auch die Verknüpfung verschiedener Ebenen, der gegenständlichen, der bildlich-symbolischen, der abstrakt-theoretischen, der ironisch-distanzierenden etc. Für alles kann ein Wort der Träger sein. Nicht selten auch dasselbe Wort. Laut kann das Tier auch. Lautmalerei kann das Tier nicht, denn es hat keine innere Leinwand, auf der in diesem Moment ein Bild entsteht. Je mehr das Wort in Textwüsten, Contentkopien und Bilderwelten versackt, desto wichtiger wird das einzelne Wort. In die Sprechwolke der Donald Duck Comics hat Erika Fuchs unsäglich unangepasste, auch altertümliche Worte platziert. Worte, die diese Comics unvergesslich machen, gerade weil sie sich ihrer Bilderweltumgebung nicht anpassen. Meine auf Distanz bedachte Sprache, etwas akademisch und etwas altertümlich vornehm, ist genau richtig im Business-Kontakt am bisweilen distanzlosen Telefon. Ich komme gerade aus der Film Hannah Arendt. Ihre Provokation kam aus einem Wort: Banalität (des Bösen). Wenn wir alle Bilder gesehen haben, wenn alle Assoziationen abrufbar, alle Muster verfügbar sind, wird das Wort in uns arbeiten. Wir werden auf das einzelne Wort zurückkommen müssen, um überhaupt wieder etwas zu sagen. Mit dem Wort nämlich sagt jemand was, mit Bildern werden ganze Vorstellungswelten transportiert. Heute glauben Menschen tatsächlich, dass sie aus alten Spielfilmen etwas über die damalige Zeit lernen. Man lernt etwas über die Bilderwelten, die Technik, mit Hilfe derer wir uns diese Zeit vergegenwärtigen, den Klischees, die bis heute über sie existieren. Und sitzt diesen genauso auf, wie den Schlagern der Fünfzigern, wenn man diese für den Spiegel der Stimmung in diesen Jahren hält. Ganze Agenturen haben footage zu, Geschäftsmodell gemacht, jene Bilderschnipsel bis zu 10 Sekunden, die vom Tornado bis zum Eisbären so ziemlich alle atmosphärischen Füllsel vermarkten. Du weisst nie, welche Bilder du siehst. Nein, kein kultur- und zeitkritisches Seminar muss da her, es reicht für den Normalgebrauch schon etwas Skepsis. Wie sie in unserer Kultur gegenüber dem Bild durchaus angelegt ist. Täuschung, Verkleidung, der Wolf als Grossmutter, das alles läuft über das Bild viel besser als über die Sprache. Wir lassen uns von Details faszinieren, erliegen dem Gesamteindruck, ergänzen, was dem Bild an Detail oder Perspektive fehlt. Man muss schon Kreide auflegen, um in die Kinderstube des Menschen einzudringen, wo die sieben Geisslein die vertraute Stimme noch im Ohr haben.
Eine Neubewertung des Wortes ist unumgänglich, wenn wir Menschen persönlich ansprechen und ihre Antwort erhalten wollen. Wenn wir selbst antworten wollen. Wenn wir den Schlüssel zum Denken und zur Veränderung in der Hand behalten wollen. Das Wort provoziert die Distinktion, die Unterscheidungsfähigkeit. Das Bild musst du ganzheitlich in dich hineinlöffeln. Ein Wort unterscheidet sich vielleicht nur in einer Silbe, einem Buchstaben oder nur in der Betonung von einem andern. Wenn der Mensch durch Abweichung vom Muster überhaupt erst aufmerksam wird, dann wird klar, welche Macht im Wort steckt. Ein einziges Wort, das im Zusammenhang ungewöhnlich oder nur ungebräuchlich ist, lässt plötzlich aufmerken.
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Donnerstag, 10. Januar 2013
Donnerstag, 10. Januar 2013
kuehnesmallworld, 20:43h
Ein Wort, in dem alles steckt: Krebs (siehe 9.1.2013). Negativprojektion, Diagnose, Behandlungschanche, Hoffnung. Mystik und Wissenschaft. Mit dem Wort ist sich auseinanderzusetzen, an dem Wort kommt keiner vorbei. An der Auseinandersetzung mit dem Wort: Gegnerschaft, Zustimmung oder Differenzierung. Angelpunkt bleibt für alles das Wort. Auch dann, wenn man sich für neue Begriffe entscheidet.
Nicht dazu gehören Wortsurrogate, die einen abspeisen, suggerieren, man sei schon satt. Oder Wortplacebos, mit Hilfe derer man sich die Lösung einbildet. Noch nicht mal in der schönen neuen Welt der Suchmaschinen kommt man am Wort vorbei. In Form des Binärcodes als Grundlage für die Verarbeitung digitaler Information, versteht sich.
Gibt man „Krebs“ ein, findet die Maschine a) das Sternzeichen b) die Krankheit d) das Tier. Gibt man „Krebse“ ein, kommt erstmal nur das Tier. Klar, die Symbolik ist raus. Das kann der Computer nicht, gibt man mir zu verstehen. Er wird es eines Tages aber können, lässt man mich hoffen. Solang ein Buchstabe den Unterschied macht, lass ich mich im Zweifel. „Krebs“ und „Krebse“ sind im Grunde zwei verschiedene Worte, hält man mir vor. Eben, halte ich dagegen.
Nicht dazu gehören Wortsurrogate, die einen abspeisen, suggerieren, man sei schon satt. Oder Wortplacebos, mit Hilfe derer man sich die Lösung einbildet. Noch nicht mal in der schönen neuen Welt der Suchmaschinen kommt man am Wort vorbei. In Form des Binärcodes als Grundlage für die Verarbeitung digitaler Information, versteht sich.
Gibt man „Krebs“ ein, findet die Maschine a) das Sternzeichen b) die Krankheit d) das Tier. Gibt man „Krebse“ ein, kommt erstmal nur das Tier. Klar, die Symbolik ist raus. Das kann der Computer nicht, gibt man mir zu verstehen. Er wird es eines Tages aber können, lässt man mich hoffen. Solang ein Buchstabe den Unterschied macht, lass ich mich im Zweifel. „Krebs“ und „Krebse“ sind im Grunde zwei verschiedene Worte, hält man mir vor. Eben, halte ich dagegen.
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