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Mittwoch, 9. Januar 2013
Mittwoch, 9. Januar 2013
kuehnesmallworld, 09:43h
Krebs. Auch so ein Wort. Kampf gegen den Krebs. Den Kampf gewinnen, den Kampf verlieren. Andere Krankheiten werden therapiert, erfolgreich behandelt oder nicht behandelt. Schon das Wort Krebs ist ein Bild. Und ein Sternzeichen. Kampf also. Der Kampf gegen den Tod, den letzten Kampf verliert jeder. Den kann man nur verlieren. Den kann man nur verlieren, wenn man ihn gewinnen will. Warum motzen wir die Krankheit Krebs zur Entscheidungsschlacht auf? Weil wir sonst meinen, unsere Kräfte nicht sammeln zu können? So bildlich die Diagnose, so sehr schiessen die Mutmassungen über die Auslöser von Krebs ins Kraut. Psyche? Gesellschaft? Lebensmut? Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Auch keine weitere Deutung. Wohl aber dies: Dass Krebs ein Wort ist , und zwar eins mit grossem Symbolgehalt. Ein Wort das sich schon allein genug ist. Und was als Kampf gegen den Krebs daherkommt eher die Vorstellung eines Drachentöters ist oder einen Wort-Exorzismus viel mehr darstellt als eine Behandlung. Aber die Entscheidung sich aufzugeben oder nicht, fällt ganz woanders als am Himmel der Projektionen. Ist genauso unsichtbar, wie der im Entstehen begriffene Krebs. Vielleicht macht das Angst. Angst, nicht genug zu tun.
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Dienstag, 8. Januar 2013
Dienstag, 8. Januar 2013
kuehnesmallworld, 09:26h
So geht das, so macht man das: Ein Rücktritt liegt in der Luft. Ein Kopf muss rollen. Über die Rollbahn des Willy-Brandt-Flughafens in Berlin, der einfach nicht abheben will. Der von Wowi-Wowereit. Aber wozu hat man denn verschiedene Hüte auf. So landet dann statt des Kopfes der Hut im Haifischbecken. Der Hut des Aufsichtsratsvorsitzenden. Wobei doch allen klar ist, dass der Hut des Aufsichtsratsvorsitzenden nur ein symbolisch-verantwortlicher ist. Aber das Wort Rücktritt liegt nun mal in der Luft. Sie schnappen nach dem Wort. Und kriegen es. Damit das Thema dann erledigt ist und nicht etwa der Hunger nach Rücktritt erst geweckt ist, wird gleich getauscht. Auch symbolisch. Symbolisch die Politik, symbolisch die Verantwortung, symbolisch der Rücktritt. Ein gefundenes Fressen für die Medien.
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Montag, 31. Dezember 2012
Montag, 31. Dezember 2012
kuehnesmallworld, 17:52h
Ob du ein Rezept im Internet suchst oder einen Job: du bekommst ihn nicht. Du bekommst 1547 Rezepte mit Kastanienpuree oder 22 895 Jobs im Personalwesen.
Auch wenn das meiste „Blech“ ist von den Suchergebnissen, Vervielfältigungen pflastern seinen Weg und potenzieren die Suchergebnisse. Dasselbe Rezept, derselbe Job zigmal. Die Bewerbungen inzwischen auch elektronisch verfügbar, x-mal versandt, an eigens dafür vorbereitete Postfächer und Briefkästen, sortiert von E-Bewerbungs-Management-Spezialisten. Wenigstens hier führt das Verfahren also zu neuen Berufen und Stellen. Gigantische Datenmenge müssen verwaltet, gesteuert und sortiert werden.
Allein das hat deine Suchgewohnheiten mit Sicherheit verändert: Angesichts der Masse werden alle Ergebnisse vergleichbar, müssen verglichen werden. Und das macht man mit den gleichen Mitteln, mit denen man sucht: Nämlich mit Suchmaschinen. Und zwar mit Kriterien die du eingibst und Algoritmen, die andere eingeben. Vergleichbarkeit ist das, was dann entsteht. Was sich verändert, sind deine Rezeptionsgewohnheiten. Du suchst nicht mehr, du rasterst. Und bekommst nicht ein Suchergebnis sondern ein Ranking vergleichbarer Ergebnisse. Wie gesagt, werden alle Ergebnisse vergleichbar. Auch die, die nicht vergleichbar sind. Dies liegt an den Kriterien, die du eingeben musstest, um die Ergebnisse zu bekommen.
So kann man sich das sehr nüchtern verständlich machen. Aber man kann weniger nüchtern auch schlicht von systemimmanenter Blödheit sprechen. Was die Blödheit verhindern konnte, fiel leider schon den Suchroutinen zum Opfer.
Auch wenn das meiste „Blech“ ist von den Suchergebnissen, Vervielfältigungen pflastern seinen Weg und potenzieren die Suchergebnisse. Dasselbe Rezept, derselbe Job zigmal. Die Bewerbungen inzwischen auch elektronisch verfügbar, x-mal versandt, an eigens dafür vorbereitete Postfächer und Briefkästen, sortiert von E-Bewerbungs-Management-Spezialisten. Wenigstens hier führt das Verfahren also zu neuen Berufen und Stellen. Gigantische Datenmenge müssen verwaltet, gesteuert und sortiert werden.
Allein das hat deine Suchgewohnheiten mit Sicherheit verändert: Angesichts der Masse werden alle Ergebnisse vergleichbar, müssen verglichen werden. Und das macht man mit den gleichen Mitteln, mit denen man sucht: Nämlich mit Suchmaschinen. Und zwar mit Kriterien die du eingibst und Algoritmen, die andere eingeben. Vergleichbarkeit ist das, was dann entsteht. Was sich verändert, sind deine Rezeptionsgewohnheiten. Du suchst nicht mehr, du rasterst. Und bekommst nicht ein Suchergebnis sondern ein Ranking vergleichbarer Ergebnisse. Wie gesagt, werden alle Ergebnisse vergleichbar. Auch die, die nicht vergleichbar sind. Dies liegt an den Kriterien, die du eingeben musstest, um die Ergebnisse zu bekommen.
So kann man sich das sehr nüchtern verständlich machen. Aber man kann weniger nüchtern auch schlicht von systemimmanenter Blödheit sprechen. Was die Blödheit verhindern konnte, fiel leider schon den Suchroutinen zum Opfer.
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Sonntag, den 30.Dezember 2012
kuehnesmallworld, 17:40h
Ich will möglichst viel für mein Angebot bekommen und möglichst wenig für die Angebote anderer bezahlen. Das ist schon fast alles, was zum Thema Geld und Moral zu sagen ist. Eben habe ich mich noch beklagt, dass ich nur sehr schwer meinen gerechtfertigten Preis durchsetzen kann und jetzt blättere ich schon in den Niedrigpreis- und Sonderangeboten der anderen. Sicher: Durch Appelle an mein soziales Gewissen und mein Umweltbewusstsein, lässt sich da und dort was ausgleichen, doch wehe es fehlt der Aufdruck, dann greife ich ungerührt zum Billigsten. Schliesslich habe ich mich und die meinen zu ernähren.
Da schlagen nicht zwei Herzen in meiner Brust, nein, ich bin zwei, ich bin Konsument und Anbieter. Bin beides. Habe zwei verschiedene Interessen, Grundlage aller Konflikte zwischen Moral und Geld, Geist und Materiellem, sogar Gut und Böse.
Auflösbar und lösbar ist der Konflikt nicht. Nicht durch die Diktatur der Moral, die nur die Verlogenheit der Schattenwirtschaft blühen lässt. Nicht durch eine gigantische Allmende, auf der wir uns wie im Paradies tummeln und nur einen Bogen ums Apfelbäumchen machen. Nicht durch die Herrschaft des „gesunden“ Eigeninteresses, deren „unsichtbare Hand“, ob nun der von Adam Smith oder anderer, uns in die Tasche greift, während wir noch am Menschenbild basteln.
Beide, der Homo Öconomicus wie der „wertgebundene“ Mensch scheitern allesamt am
Status quo, können allenfalls das Verhältnis zueinander neu arrangieren.
Da schlagen nicht zwei Herzen in meiner Brust, nein, ich bin zwei, ich bin Konsument und Anbieter. Bin beides. Habe zwei verschiedene Interessen, Grundlage aller Konflikte zwischen Moral und Geld, Geist und Materiellem, sogar Gut und Böse.
Auflösbar und lösbar ist der Konflikt nicht. Nicht durch die Diktatur der Moral, die nur die Verlogenheit der Schattenwirtschaft blühen lässt. Nicht durch eine gigantische Allmende, auf der wir uns wie im Paradies tummeln und nur einen Bogen ums Apfelbäumchen machen. Nicht durch die Herrschaft des „gesunden“ Eigeninteresses, deren „unsichtbare Hand“, ob nun der von Adam Smith oder anderer, uns in die Tasche greift, während wir noch am Menschenbild basteln.
Beide, der Homo Öconomicus wie der „wertgebundene“ Mensch scheitern allesamt am
Status quo, können allenfalls das Verhältnis zueinander neu arrangieren.
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Sonntag, 2. Dezember 2012
kuehnesmallworld, 17:36h
Vor Beliebigkeit wird gewarnt, meist seitens der Kirchen. Die Gefahr ist aber garnicht, dass alles möglich und beliebig ist. Den leicht vorwurfsvollen Ton kann man sich und uns sparen. Beliebig ist nur Illusion, alles sei beliebig. Die Auswahl sei grenzenlos.
Nix ist beliebig! Gar nix! Auch die Entscheidung, nicht zu wählen, sich auf die Eremitensäule zurückzuziehen. Die Entscheidung macht den Sinn. Im schlimmsten Fall auch die eingebildete Entscheidung. Der Sinn besteht darin, dass ich es bin, in dieser Situation mit dieser Vorgeschichte, der glaubt, eine Entscheidung getroffen zu haben.
Wenn dieses Bewusstsein dem Mensch verloren geht, wenn er seine Wahl für beliebig hält, dann wirds in der Tat gefährlich.
Nix ist beliebig! Gar nix! Auch die Entscheidung, nicht zu wählen, sich auf die Eremitensäule zurückzuziehen. Die Entscheidung macht den Sinn. Im schlimmsten Fall auch die eingebildete Entscheidung. Der Sinn besteht darin, dass ich es bin, in dieser Situation mit dieser Vorgeschichte, der glaubt, eine Entscheidung getroffen zu haben.
Wenn dieses Bewusstsein dem Mensch verloren geht, wenn er seine Wahl für beliebig hält, dann wirds in der Tat gefährlich.
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Montag, 22. Oktober 2012
kuehnesmallworld, 17:32h
Die Informationsgesellschaft (ich übernehme den Begriff hier einmal) schlägt um in die Fama-Gesellschaft. Wir hocken zu dicht aufeinander im digitalen Netz, kriegen alles mit, wie in einer mittelalterlichen Stadt, in der die Verleumdung, der Klatsch eine Todsünde war, für die man an den Pranger kam. Uns dagegen fehlt nicht nur der Datenschutz auch der Moralkodex fehlt. Ganz oben auf der Hitliste steht das Ab-hören, das in Zeiten der Digitalisierung ein Ab-Saugen des digitalen Datenverkehrs ist. Selbstverständlich ohne den geringsten Zweifel. Man bedient sich ja „nur“ der Technik. Und was beim Content gang und gäbe ist, kann das denn bei andern Daten Sünde sein? Der Ab-Hörer bleibt in der Unbestimmtheit und Grenzenlosigkeit des Raumes. Aus Hören wird Ab-Hören. Das Angstpotential ist ungebändigt. Wir werden eine paranoide Gesellschaft. Fühlen uns permanent belauscht, organisieren vom Schreibtisch aus Firewalls. Die Firewalls reflektieren auch unsere Aktivität, werfen sie zurück auf uns, lähmen sie. Meine Beobachtung, dass immer weniger geantwortet und kommuniziert wird, ist, denke ich, kein Zufall. Das macht ja schon die Technik für uns.
Die Tatsache, dass wir aus der totalen Spitzelgesellschaft der Nazi-Diktatur und der kommunistischen Diktatur kommen (an dieser Stelle durchaus vergleichbar) kann sich als Erfahrung auch positiv bemerkbar machen. Der Spitzel und der informelle Mitarbeiter steckt den Angehörigen der Generation 40plus noch in den Knochen. Das Wissen darum war kommunikatives Basiswissen. Schon damals war die Frage: Richte ich mich bis ins Unterbewusste daran aus oder ignoriere ich die ideologische Lauscher und den mithörenden Feind um meiner Freiheit willen. Wer sich damals geweigert hat, sich in das paranoide Angstgefängnis einsperren zu lassen, hat auch heute noch gute Karten.
Die Tatsache, dass wir aus der totalen Spitzelgesellschaft der Nazi-Diktatur und der kommunistischen Diktatur kommen (an dieser Stelle durchaus vergleichbar) kann sich als Erfahrung auch positiv bemerkbar machen. Der Spitzel und der informelle Mitarbeiter steckt den Angehörigen der Generation 40plus noch in den Knochen. Das Wissen darum war kommunikatives Basiswissen. Schon damals war die Frage: Richte ich mich bis ins Unterbewusste daran aus oder ignoriere ich die ideologische Lauscher und den mithörenden Feind um meiner Freiheit willen. Wer sich damals geweigert hat, sich in das paranoide Angstgefängnis einsperren zu lassen, hat auch heute noch gute Karten.
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Freitag, 21. September 2012
kuehnesmallworld, 17:28h
Spekulation ist auf Zeit angewiesen. Macht Zeit zu Geld. Lässt Vergangenheit und Zukunft erst zu Zeit gerinnen, die normierbar und investierbar ist. Dabei ist sie auch Substanz: Zeit verändert die Dinge, lässt sie verderben, reifen.
Wir brauchen Zeit
- um uns eine Geschichte zu erzählen,
- um uns Kausaltät zu erklären
- um das Neue in das Bestehende sinnvoll zu integrieren, damit das Gehirn Verbindungen und Lernprozesse schaffen und ausbalanzieren kann.
Haben wir Zeit sind wir Planende, lassen wir uns keine Zeit sind wir Getriebene, bloss Reagierende. Zeit erlaubt und fordert Sinn.
Wir brauchen Zeit
- um uns eine Geschichte zu erzählen,
- um uns Kausaltät zu erklären
- um das Neue in das Bestehende sinnvoll zu integrieren, damit das Gehirn Verbindungen und Lernprozesse schaffen und ausbalanzieren kann.
Haben wir Zeit sind wir Planende, lassen wir uns keine Zeit sind wir Getriebene, bloss Reagierende. Zeit erlaubt und fordert Sinn.
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Dienstag, 18.September 2012
kuehnesmallworld, 17:25h
Im Jahr 2000 implodierte der Neue Markt, die Internetblase platzte. Danach platzte 2008 die Immobilienblase in Amerika, die in Spanien 2012. Im Augenblick deutet sich das Platzen der Social Media Blase an, neu daran ist, dass diese Blase aus einer einzigen Firma besteht: Facebook. Vielleicht das erste schwarze Loch, das aus einem einzigen Unternehmen am Firmenfirmament implodiert. Nach der Spekulation gehts dann weiter "as usual" und statt des ambitionierten Himmelsstürmers breitet sich ein Barackenlager konkurrierender Teilanbieter in der Ebene aus.
Blasen kommen von der Spekulation. Spekulation ist das Rückrat des Kapitalismus. Auf diese Weise kann unvergleichlich viel Geld in kürzester Zeit organisiert werden. Lustig: Mit dem gleichen Fernrohr, durch das die Ankunft der spekulativ erwarteten Fracht aus den Kolonien erwartet wird, gerät auch die Erdkrümmung in den Blick. Die ganze Welt wird zur Blase, zum Erdball, zum Gegenstand der Spekulation. Das hat der Philosoph Sloterdijk fein beobachtet. Aber im sehnsüchtigen Blick in die Ferne steckt auch elementare, um nicht zu sagen verzweifelte Hoffnung. Eine Verzweiflung, in die wir uns selbst gebracht haben.
Sie erklärt, mit welcher Ausschliesslichkeit man der Spekulation folgte, derart unbedingt an den Erfolg glauben konnte. So unbedingt, dass es hinterher kaum oder garnicht erklärbar ist. Der Weg zum Erfolg war sonnenklar. Kein Zweifel. Ein Klima, in dem jedes Anzeichen zum Zeichen wurde, jeder Vogel die nahende Küste anzeigt. Ein Klima, in dem Information Teil der Spekulation wird und daraus seine Attraktivität bezieht. Das Zeitalter der ideologischen und wirtschaftlichen Blasen zieht auf. Es ist nicht die Hoffnung, die Kurs hält, sondern die Spekulation will Bestätigung, den Erfolg, das Wunder. Lustig: Kaum ist der ungeheuerbewachte Rand der Welt, über den die Wasser von der Scheibe stürzen, überschritten, wird das mittelalterliche Rad des Lebens vom ziel- und erfolgsorientierten Hamsterrad abgelöst. Das dreht sich endlos, wird von unserer Eigenbewegung am Laufen gehalten, speist auch die diversen Blasen, auch unseren Fortschrittsglauben und bringt uns der Verzweiflung näher. Glauben und Hoffnung gewinnen einen fanatischen Charakter, der durch die Unbedingtheit und „Alternativlosigkeit“ seines Handelns den Erfolg herbeizwingen will. In der Tat: Es geht immer rundherum, immer weiter, immer besser. So stürzen wir fortan nicht mehr vom Rand der Scheibe sondern werden in der Zentrifuge des eigenen Hamsterrades ermattet herumgeschleudert. Burn out.
Unter dem Eindruck der Spekulation nimmt nicht nur die Wirtschaft sondern das Leben und Erleben spekulativen Charakter an. Warten auf die Goldgrube. Das enervierende Alles-ist-möglich schlägt um in ein immer hektisches Auftürmen von Abraumhalden. Manisch-depressiv, heisst das Loch, in das man abwechselnd fällt und aus dem man eruptiv immer wieder herausgeschleudert wird. Das Unten- sein und Oben-auf-sein, wird zur zeitgenössischen Psycho-Symptomatik.Ausweg: Runter vom spekulativen Feldherrnhügel, dann kannst du deine larmoyante, pessimismusverliebte Kulturkritik, oder was das sein soll, ruhig stecken lassen.
Von den rutschigen Höhen der ideologischen Abraumhalden geht der Blick weit ins Land aber die Hoffnung bleibt auch dem, der auf der Erde bleibt. Aufbrechen, Veränderung, Fortschritt, Schritt für Schritt, ist auch in der Ebene beschränkter Horizonte möglich.
Blasen kommen von der Spekulation. Spekulation ist das Rückrat des Kapitalismus. Auf diese Weise kann unvergleichlich viel Geld in kürzester Zeit organisiert werden. Lustig: Mit dem gleichen Fernrohr, durch das die Ankunft der spekulativ erwarteten Fracht aus den Kolonien erwartet wird, gerät auch die Erdkrümmung in den Blick. Die ganze Welt wird zur Blase, zum Erdball, zum Gegenstand der Spekulation. Das hat der Philosoph Sloterdijk fein beobachtet. Aber im sehnsüchtigen Blick in die Ferne steckt auch elementare, um nicht zu sagen verzweifelte Hoffnung. Eine Verzweiflung, in die wir uns selbst gebracht haben.
Sie erklärt, mit welcher Ausschliesslichkeit man der Spekulation folgte, derart unbedingt an den Erfolg glauben konnte. So unbedingt, dass es hinterher kaum oder garnicht erklärbar ist. Der Weg zum Erfolg war sonnenklar. Kein Zweifel. Ein Klima, in dem jedes Anzeichen zum Zeichen wurde, jeder Vogel die nahende Küste anzeigt. Ein Klima, in dem Information Teil der Spekulation wird und daraus seine Attraktivität bezieht. Das Zeitalter der ideologischen und wirtschaftlichen Blasen zieht auf. Es ist nicht die Hoffnung, die Kurs hält, sondern die Spekulation will Bestätigung, den Erfolg, das Wunder. Lustig: Kaum ist der ungeheuerbewachte Rand der Welt, über den die Wasser von der Scheibe stürzen, überschritten, wird das mittelalterliche Rad des Lebens vom ziel- und erfolgsorientierten Hamsterrad abgelöst. Das dreht sich endlos, wird von unserer Eigenbewegung am Laufen gehalten, speist auch die diversen Blasen, auch unseren Fortschrittsglauben und bringt uns der Verzweiflung näher. Glauben und Hoffnung gewinnen einen fanatischen Charakter, der durch die Unbedingtheit und „Alternativlosigkeit“ seines Handelns den Erfolg herbeizwingen will. In der Tat: Es geht immer rundherum, immer weiter, immer besser. So stürzen wir fortan nicht mehr vom Rand der Scheibe sondern werden in der Zentrifuge des eigenen Hamsterrades ermattet herumgeschleudert. Burn out.
Unter dem Eindruck der Spekulation nimmt nicht nur die Wirtschaft sondern das Leben und Erleben spekulativen Charakter an. Warten auf die Goldgrube. Das enervierende Alles-ist-möglich schlägt um in ein immer hektisches Auftürmen von Abraumhalden. Manisch-depressiv, heisst das Loch, in das man abwechselnd fällt und aus dem man eruptiv immer wieder herausgeschleudert wird. Das Unten- sein und Oben-auf-sein, wird zur zeitgenössischen Psycho-Symptomatik.Ausweg: Runter vom spekulativen Feldherrnhügel, dann kannst du deine larmoyante, pessimismusverliebte Kulturkritik, oder was das sein soll, ruhig stecken lassen.
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