Mittwoch, 25. März 2020
Corona VIVA
Zwei Reaktionstypen begegnen einem auf dem ärztlich empfohlenen Spaziergang in Zeiten cholerischer Pandemie:
Die einen, die intuitiven kommen einem locker entgegen, sie haben die erweiterte Watschendistanz (1,5m) verinnerlicht. Zum sowieso existenten Reflex (Sicherheitsabstand) kommt noch ein Corona-Zuschlag hinzu. Die Entgegenkommenden weiträumig zu umfahren ist auch nicht so schwierig. Man sieht sie kommen, sie sehen einen. Schwierig sind die Bewegungen, die einem in Fleisch und Blut übergegangen sind: Das Drängeln beim Einsteigen in Bus und Bahn, das Anstellen an der Kasse im Supermarkt. Da kann es zu Pannen kommen, bis ich mich zurücknehme.

Den andern sieht man, wenn sie einem entgegenkommen, schon an, dass sie das Gesetz im Anwendungsfall sind. Alles an ihnen ist kontrolliert. Mit dem Blick haben sie schon die Entfernung abgemessen, fusslauefig machen sie eine Ausweichbewegung, auch wenn diese gar nicht erforderlich ist, mit den aufgerissenen Augen, dem Schrei von Munch nicht unähnlich, signalisieren sie extremen Ausnahmezustand. Ihr Verhalten demonstriert: Alle Vorschriften sind präsent und sie werden peinlich genau – hier passt das Wort peinlich – eingehalten. Die Regelungen sind strafbewehrt

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Montag, 23. März 2020
Scherzverwandtschaften
Burkina Faso, Land der ethnischen und religiösen Gegensätze (Reihe von Stämmen, Muslime und Christen), aber auch Land des friedlichen Nebeneinander.Dort halten sich seit Jahrhunderten Bräuche mit psychohygienischem und Rollenspiel-Charakter:

„Zwischen gewissen ethnischen Gruppen (z.B. Gurunsi/Bissa, Samo/Mossi, Fulbe/Bobo etc.) wird eine Kommunikationsform gepflegt, die in Burkina Faso unter der Bezeichnung "Rakiiré", französisch "Parenté à plaisanterie" (übersetzt "Scherzverwandtschaft" oder "joking relationship") bekannt ist. Bei solchen rituellen Komödien geht es darum, den anderen herabzusetzen bzw. sein Gegenüber als negatives Stereotyp seiner Volksgruppe zu verspotten, um sich zum Schluss über ihn zu stellen. Im "Gespräch" zwischen Angehörigen scherzverwandter Ethnien kommt es oft zu rituellem Beschimpfen und Beleidigen bis hin zu ausschüttendem Lachen. Neben einem mitunter hohen Unterhaltungswert trägt diese Art verbaler Rivalität dazu bei, Spannungen abzubauen und den sozialen Frieden in der multi-ethnischen Gesellschaft Burkina Fasos zu sichern. Ein Schuhputzer darf in diesem Spiel einen hohen Boss der scherzverwandten Ethnie beleidigen und die soziale Ungleichheit für einen Moment humorvoll aufheben. Ursprung der Scherzverwandtschaft zwischen Ethnien, die Beleidigungen bei Hochzeits- und Beerdigungsriten vorschreibt aber gleichzeitig beide Ethnien zu unbedingter Hilfeleistung und Solidarität verpflichtet, sind oft über 500 Jahre alte Friedensverträge zwischen den Ethnien und die Einsicht, dass kein Stamm den anderen physisch dominieren kann.

Quelle: https://www.liportal.de/burkina-faso/gesellschaft/

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Donnerstag, 19. März 2020
Old School contra Neuro
Henning Beck ist Neurowissenschaftler und sagt: Wir lernen falsch. In seinem neuen Buch beschreibt er, wie es anders gehen könnte: Das neue Lernen heißt Verstehen. (2020)

Es liest sich, als hätte just die Trend-Disziplin Neurowissenschaft all das, was sich über hunderte von Jahren als Lernerfahrungen angesammelt hatte, die Aufgabe dies zu erhärten. Entgegen der optimierten Paste und Copy - Manie von Leuten, die Computer mit ihrem Kopf verwechseln.

Ich befasse mich auf diesem Blog wiederholt mit Lernen. Die Haupt-Thesen des Interview von Nadja Schlüter mit Henning Beck
in: JETZT (SZ-Partner) vom 15.03.2020 gebe ich hier wieder.

These: Es bleibt nur hängen, was wir wirklich verstanden haben.

-Beck hält es „nicht für erstrebenswert, „Computerhirne“ zu haben.
-Es gibt die Fähigkeit, mit der Sprache umzugehen, sich also in Grammatiken, semantische Zusammenhänge und sprachlichen Ausdruck reindenken zu können, die nicht verloren geht.
-Das Gehirn wird oft mit einer Festplatte verglichen. Du schreibst in deinem Buch, es sei eher wie ein Orchester. Wie meinst du das?
-Gedanken und Informationen liegen nicht irgendwo im Gehirn, sondern entstehen, weil Nervenzellen zusammenspielen. Wie bei einem Orchester, in dem die Musik auch erst entsteht, wenn die Leute miteinander spielen.
-Das heisst , dass dieses Zusammenspiel bedeutet, dass man für echtes Wissen etwas „verstehen“ muss und nicht nur „lernen“. Klassisches (Auswendig-) Lernen heisst, sich Informationen reinzuhauen, um sie dann irgendwann fehlerfrei abzurufen
-„Im Internet ist überhaupt kein Wissen verfügbar – für Wissen braucht es das Gehirn“
-Wenn Menschen einen „Aha-Moment“ haben, wenn sie sagen: „Ah, jetzt habe ich es verstanden“, sind in diesem Moment ganz andere Areale im Gehirn aktiv als beim Lernen,
-Areale, die Wortbedeutungen verarbeiten oder räumliches Vorstellungsvermögen produzieren.
-Verstehen bedeutet, die Art zu ändern, wie man denkt, sodass auch neue Probleme bearbeitet werden können.
-Wissen ist also die Fähigkeit, mit Informationen umzugehen, damit einen Sinn zu erreichen oder ein Problem zu lösen.
-Und die Annahme, im Internet sei alles Wissen der Welt immer und überall verfügbar, ist, falsch?
-Im Internet ist überhaupt kein Wissen verfügbar, sondern nur Datensätze und bestenfalls Informationen.
-Damit aus beidem Wissen wird, muss jemand aktiv darüber nachdenken. Und dafür braucht es ein menschliches Gehirn.
Demnach ist es auch gar nicht erstrebenswert ein „Computerhirn“ zu haben?
- Um Gottes Willen, nein! Erstens sind Computer extrem schlecht darin, mit wenig Energie schnell zu einer Lösung zu kommen.
„Jetzt hat es Klick gemacht, ich hab’s kapiert!“ – das können Computer nicht.
-Zweitens speichern Computer viel und dann dauert es auch lange, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden.
- „Man versteht eine Antwort immer besser, wenn man selbst eine Frage gestellt hat“
-Nicht auf Lerntechniken verlassen, die angeblich dafür sorgen, dass das Gelernte besser „abgespeichert“ wird, wie Wiederholung, Unterstreichungen, Eselsbrücken.
-Stattdessen: Nicht versuchen, Informationen wiederzugeben, sondern sie erstmal in Schaubildern veranschaulichen und sich Fragestellungen überlegen, um sie anzuwenden.
-Auch: Wir sollten mehr Selbstgespräche führen.
- Wer am wenigsten weiß, kann am besten Fragen stellen!
- Man versteht eine Antwort besser, wenn man eine Frage stellt.
Was bedeutet deine These für das Bildungssystem?
-Das Problem ist, dass dort und ganz generell in unserem Leben versucht wird, Unklarheit zu vermeiden.
-Denn in den heutigen Medien wird uns alles möglichst eingängig in Häppchen erklärt.
-Das ist eine sehr bekloppte Idee, dass man Wissen so effizient vermitteln kann – denn Wissen entsteht nur, wenn aus Unklarheit Klarheit wird, wenn wir ein Rätsel lüften.
-Gute Wissensvermittlung ist darum immer etwas ineffizient.
-Erst wenn sich Menschen aktiv mit etwas beschäftigen, verstehen sie es.
-„Einige Sachen muss man auswendig lernen, um geistige Werkzeuge zu haben – zum Beispiel das kleine Einmaleins“
-Aufgabe von Bildung: Dass Menschen aktiv Probleme lösen.
-Das heisst, ich muss Menschen Freiheiten geben, Dinge auszuprobieren.
-Man muss (wieder) lernen, mit der Hand zu denken.
-Mit dem Stift, nicht der Tastatur.
-Nach „Lerntypen“ zu differenzieren, ist kompletter Schwachsinn.
-Wenn beim Lerntypen-Test rauskommt, dass ich gerne lese, sollte ich nicht lesen, sondern alle anderen Kanäle benutzen.
-Genau solcher Quatsch, wie bei Nahrung. Abwechslungsreiche Ernährung gilt bei geistiger Ernährung genauso.(Methodenmix)
-Sprache und Motorik sollte man in jungen Jahren lernen. Bei vielen anderen Dingen ist das aber nicht der Fall.
-Das Gehirn ist also niemals fertig – und es ist auch niemals voll.

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