Dienstag, 6. Oktober 2015
Dienstag, 6. Oktober 2015
Der Bildungsbiografie zweiter Teil: Bildung ist ein Land.

Unerreichbare Bildung und Schule als Druckmittel machte mich renitent und dickfellig, verstärkte auch ungewollt das Gefühl der Überlegenheit. Die Bildung meines Vaters dagegen war Einwanderungsland. Aus einer Familie der Aus- und Einwanderer kam er,
Verheissung und Orientierungslosigkeit hielten sich die Waage. Um die Bildung herum kein Land nirgends oder: vermint, kleinkariert, ablehnend.

Bildung dagegen positives Erwartungsland. Ich las in einem seiner Briefe als Antwort auf Klagen über mich, dass ich es schwer habe, so allein, in der ersten Klasse des Gymnasiums, er war krank, Der Ton war verständnisvoll, aber blieb auf Bildung beschränkt.

In seinen Krankenhaus- und Sanatoriumsurlauben bekam ich mit seinem verbliebenen Arm bei jeder falschen Lateinvokabel einen Knuff, bis mir der ganze Oberarm wehtat und ich eine Note besser wurde. Nachhilfe war Lebenshilfe.

Bildung ist für mich Raum zum Leben, Spielraum, Konflikt, Entfaltung. Mir fiel partout nicht ein, was ich werden sollte, weil ich es schon hatte: Leben, begreifen, vermitteln. Nicht das Ziel, sondern Weg war Bildung für mich. Deshalb taucht auch Pädagogik und Pädagogisches immer wieder in unterschiedlichen oft "unprofessionellen" Formen bei mir auf.

... link


Mittwoch, 30. September 2015
Mittwoch, 30. September 2015
Bildung und Biografie gehören auch bei mir mehr zusammen, als ich bisher dachte, meine Erinnerungen belegen das.

In der Vorstellung werden Bildung und Biografie als verschiedene Sphären gedacht: Die Biografie ist unser Leben, ihre Wurzeln reichen bis ins Innerste unser Motivation, unseres Antriebs. Bildung ist in unserer Vorstellung Äusseres, die Instanzen der Bildung, die wir absolvieren, differieren von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Umgebung zu Umgebung. Auch die gefühlte Trennung der Sphären ist gelernt, aber das macht sie nicht weniger real.

Bei mir sind schon frühe Erfahrungen gerade auch in der Familie Bildungserfahrungen:
- Hänsel und Gretel, der erste Film mit vier, fünf Jahren. Ich war schwer beeindruckt. Noch heute meine ich bestimmte Szenen zu erinnern. Meine Mutter war schwer enttäuscht: Die sangen ja. Das hatte sie nicht erwartet, Humperdinck kannte sie nicht.
- Ein Film mit Freddy. Liebe und Steppenbrand in Brasilien, ich war acht, neun Jahre und das erstemal allein im Kino. Meine Mutter dachte, sie hatte mich in eine Art „Die Wüste lebt“ geschickt. Brasilien war auch eine Art Brücke zur väterlichen Verwandschaft, die dorthin ausgewandert waren. Sie schämte sich. Sie schämte sich vor mir.

Die Kluft tat sich zum ersten Mal auf, zwischen ihr, die nie verwunden hat, dass sie wegen der vielen Umzüge der Familie faktisch nur bis zur Hauptschule und zur Ausbildung zur Krankenschwester gekommen war und mir, dem sie das zukommen lassen wollte, was für sie Bildung war. Aus Kluft wird Bruch. Zunehmend misstrauisch wird sie alles, was ausserhalb, in der Schule passiert, betrachten.

- In der letzten Klasse der Grundschule, die für die meisten Volksschule war und blieb, fand sie in meiner Schultasche 27 alte Hefte. „Siebenundzwanzig“, diese Zahl wurde so oft wiederholt bis sie eine Chiffre war, eine Chiffre für unnütz, unangemessen, inadäquat. „Siebenundzwanzig“. Ihre Stimme war schrill vor Empörung.
- Dann war die Schönschrift dran. Die Schrift des Aufsatzes war meiner Mutter nicht schön genug, beim ersten Mal nicht, beim zweiten Mal nicht und beim dritten Mal sagte ich „nein. Mit dem Rücken zur Wand.
- Dann waren die Kopfnoten dran. die die anderen Noten in den Schatten stellten.
- Dann waren es die blauen Briefe, die Versetzung sei gefährdet, die meine Mutter das Weihnachtsfest mit migräneartigen Anfällen bettlägerig erleben liess. Ich arbeite mir Ausgleich, der Brief sei eine Formsache, dies Argument zählte nicht.

Kindliche Erlebnisse und Erfahrungen sind Bildungserfahrungen, sind elementare Erlebnisse, nicht weil sie in der Elementarschule erworben werden, sondern weil Erfahrungen von Wissen, Lernen und Können elementare Erfahrungen sind. In der Theorie ist uns das klarer als in der Praxis: Während wir noch nach den Auslösern für unsere Bildungsbiografie suchen, hat sie schon längst begonnen.

... link


Donnerstag, 24. September 2015
Donnerstag, 24. September 2015
Bilder machen Deutung (Teil II)
Tagesfrisch auf den Tisch: Das Software-Betrugsdesaster von VW bei den Abgaswerten:
Spontanreaktion: Alles Betrüger; es geht nur ums Geld (Bild: Geldsack, Wort: Betrug).
Zweitreaktion: Sind die „da oben“ dumm! (Bild: dummer Bonze, Wort: „oben“).

Beide Deutungen stellen unmittelbare Verbindungen her, aber die entscheidende Frage ist: Ist das überhaupt nachvollziehbar, das, was so unglaublich klingt, nämlich Betrügerei und Betrugsabsicht angesichts der Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung und der Höhe des Schadens. Ist es nicht, aber die Schnellschuss-Deutung soll dies Unglaublichkeit überspielen, uns gar nicht erst ins Grübeln kommen lassen. Ausserdem gäbe es dafür längst nicht so eingängige Bilder.

Mit der unverzüglichen Deutung steht auf Seiten der Gewinner, der Durchblicker, ohne aber dafür verantwortlich gemacht werden zu können. Hinterher
immer zur Stelle mit der Erklärung, warum etwas so ist, wie es kommen musste und vorher nie in der Lage, vorherzusagen, warum es so und nicht anders kam. Dies macht die Deutung zu Teilhabern und Verbündeten der Angst und der Verleumdung. Deutungen sind die Zivilisationsfolger der Macht. Ich rede hier nicht selteneren Fällen das Wort, in denen Deutungen das Spektrum öffnen hin zum ganzen Spektrum der Möglichkeiten, sondern den häufigeren Fällen, in denen Deutung eine Version nahelegt und damit die Tür der Erwägungen schliesst.

Der Ablauf, das Kurzschlüssige der Deutung trotz der nachdenklichen Pose, die Rodins Denker alle Ehre macht, macht uns hilf- und wehrlos. Selbst dann, wenn Gegenbilder und -strategien zur Hand sind. An diese sind wir dann nicht selten genauso gebunden, wie an die auslösenden Deutungen und Bilder. Das sei dem gesagt, der sich fragt, warum er denn so überzeugt und fraglos anderer, gegenteiliger Meinung sei. So stehen wir denn im Nachhinein immer wieder völlig verständnislos unserer Zustimmung oder Ablehnung von gestern gegenüber, können sie beim besten Willen nicht nachvollziehen. Und greifen zur nächsten Deutung wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm. Verzweifeln vor lauter Zweifel, Ertrinken im Meer nicht mehr zu erkennenden Sinns, das wäre schlimmer als ein brüchiges Floss zusammen gezimmert aus den Resten des letzten Schiffbruchs.

Diese Hilf- und Wehrlosigkeit ist es, die uns, so meine Deutung, im Bild vom ertrunkenen Jungen am Strand am meisten schachmatt setzt. Eine Deutung, die ich vergleichsweise guten Gewissens über die Lippen bringe, weil meine inneren Bilder dies abnicken und ich selbst dadurch ein Stück weiter an mich selbst herankomme, ohne dass ich mich unbehaglich fühle in einer Deutungsrüstung von der Stange, die zwickt und zwackt.Hilf- und Wehrlosigkeit hat ja etwas von Loslassen, aber hier ist der richtige Zeitpunkt für Angst schon verpasst, liegt hinter einem. Man hört noch das leise Klickern der Steine in den Wellen aber das wars.

Will ich die eine Deutung durch eine andere, angemessenere ablösen, wirds die Vernuft allein nicht richten, es braucht andere, treffendere Bilder und Vorstellungen, um Vor-Urteile sich buchstäblich in
„in Luft auflösen“ zu lassen. Das tun sie nämlich, auch unverzüglich. Der Rassismus der Hautfarbe verblasst just in dem Moment, in dem mein Leben vom Charakter des Betreffenden abhängt. Nein, nicht der so gern zelebrierte zähe Kampf gegen das Vorurteil, sondern das angemessenere Urteil macht das Vor-Urteil überflüssig.

Bis dahin jagt uns die Deutung von einer Schreckensvision in die andere, herrschen Gerüchte und Bilder, fegen Shitstorms über die Szenerie. Sie standen schon vor den Häusern, bereit zum Progrom, zum Steinwurf, herbeigerufen von den Medien, die wir die „sozialen“ nennen.

... link