Montag, 18. Mai 2015
Montag, 18. Mai 2015
Roboter, Monster und Co.: Viel spricht dafür, dass auf dem jeweiligen Stand der Gesellschaft und der Technik auch entsprechende Nachbildungen entwickelt werden. Nachbildungen, Varianten, die für utopische Menschenbilder gehalten werden.

So, der Zauberlehrling Goethes, der die Kräfte und Mächte nicht dirigieren kann. Das "Wort vergessen", heisst, den Marschbefehl nicht wieder aus der Welt zu kriegen.

So der Golem, einer der jüdischen Varianten des Schöpfungsmythos, auch aus Lehm, wie Adam, aber nicht fertig, meist fehlt die Zungenfertigkeit, die Sprache. Er diente in Zeiten der Verfolgung als eine Art Avatar, nicht verletzbar wie ein Mensch, aber ihn schützend, seine Handlungen und Funktionen ausübend. Auch der Golem kann aus dem Ruder laufen, Befehle ohne Verstand wiederholen und daher vernichtend wirken. Mit Erlöschen der Verfolgungssituation erlischt auch Auftrag und Daseinberechtigung des stummen Dieners.

Während bei Goethe das Ausleben der Macht und Selbstermächtigung des Menschen die Pointe ist, hat der Golem des 16. Jahrhunderts, zu Zeiten der beginnenden Aufklärung, eine dem humanen Zweck dienende Funktion, das Gefahrenpotential aber bleibt erhalten.

Schierer Wissensdurst lässt schliesslich Frankenstein im wissensdurstigen 19. Jahrhundert zu dem werden, als was er in die Literatur und den Film eingegangen ist: Ein Hybrid aus Fleisch und Technik schon mit einem allerdings rudimentären Ich (ohne moralische Steuerung).

Avatare aller Couleur, Gemütsverfassung und sittlichen Devianz bevölkern unsere Gegenwart, technisch jeweils auf der Höhe der Zeit, so fragwürdig und vielgestaltig wie ihre menschlichen Pendants.

Disney Pixars WALL·E aus dem Film "WALL·E Der Letzte räumt die Erde auf" steht bislang am fantasierten Ende der technischen Entwicklung, verfügt über ein entwicklungsfähiges Ich, ist der Gefühle, ja der Liebe fähig und findet in EVE seine Partnerin. WALL-E ist ein herziges Wesen, das uns die Angst vor der Technik nehmen will, frei nach dem Motto "ich will doch nur spielen".

Noch mehr Grund, freundlich zu sein und sich nützlich zu machen, haben japanische Kuschel- und Altenpflege-Roboter, wie die Kuschelrobbe "Paro" oder der Roboter-Hund AIBO von Sony. Mit dem Fortschritt, die Animation und Identifikation machen, rennt der Hund oder die Robbe einem nicht aufholbaren Legitimationsdefizit hinterher: Die Technik ist dem Nutzen immer einen Schritt voraus.

Das also ist die Angst vor dem mit der Technik zum Verwechseln ähnlichen Wesen: Aus dem dienstbaren Geist der Aufklärung und dem Unhold der ersten technisch-mechanischen Revolution, dessen Haut sich nur mühsam über Zahnräder und Metall spannt, ist der glatte, um Akzeptanz nachsuchende Roboter der digitalen Revolution geworden. Er beherrscht uns, indem er uns die Arbeit abnimmt, das macht ihn nicht mehr oder weniger aber anders gefährlich als seine Kompagnons.

Der Roboter, den wir nicht mehr unterscheiden können von einem Menschen, der uns gleicht, dem Hybrid von Chip und Hirn, kommt in Reichweite, der Radius wird indes von der Angst diktiert: Je näher er uns kommt, desto gefährlicher und unbeherrschbarer wird er.

Eines wird aber auch deutlich: Ein gerüttelt Mass an Projektion steht da in jedem unserer nachgemachten Artgenossen drin, beileibe nicht nur Vision.

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Mittwoch, 6. Mai 2015
Mittwoch, 6. Mai 2015
„Jeder Mann hat die Pflicht, in seinem Leben den Platz zu suchen, von dem aus er seiner Generation am besten dienen kann.“
Gut, das sagte der überaus talentierte und priviligierte Alexander von Humboldt.
Auffallend an dem Ausspruch sind zwei Worte: "Platz" und "suchen", als ob AvH es nötig gehabt hätte, sich einen Platz zu suchen.

Aber wenn der Wissenschaftsjournalist Benedict Careys (Neues Lernen, 2015) davon spricht, dass "das von nomadischer Lebensweise auf das Herstellen einer innereren Landkarte trainierte Gehirn auf ständige Aktualisierung seiner Orientierung programmiert" ist und eine demgemäss angepasste Form des Lernens entwickelt, wird man ihm wohl abnehmen, dass Raum und die Bewegung im Raum wesentliche Indizien des Lernens und der Bildung sind.

Die Konkurrenz um Räume, die Verteidigung des "Angestammten" dagegen, sind Tribute an den Standort, den Standort, das Erbe. Das Abstecken des Raumes, der Bewegungsmöglichkeiten in ihm sagt mithin etwas über zurückgelegte Strecken, über Veränderung, Lernen, Bildung. Gerade auch das Internet erlaubt raumgreifende Recherche und weites Abstecken des Territoriums, Voraussetzungen für wirkliches Lernen und wirkliche Bildung.

Lernen und Raum und Bewegung, das ist eine andere Dimension als die systematisierende Unterscheidung in Lernen als Nachahmung, durch Fortbildung, durch Einprägung, mittels Transformation usw., alles theoriegeleitete und abstrahierende Begriffe.

Woher jemand gekommen ist, wohin er sich bewegt, welche Entfernungen er zurückgelegt hat, das ist die Dimension des "Gehens", die auch in der Sprache Elementares ausdrückt, und so elementar ist auch Lernen, immer. Und das ganze nur, weil ich am Samstag in Arzberg war: Wandern an der Röslau und auf Infotafeln lesen, dass AvH dort war. Sag ich doch: Reisen bildet.

Und was hat Lernen und Bildung mit Marketing und Wirtschaft zu tun? Alles, aber wenns beruhigt:
Aktuell kommt der Begriff der Marketing-Moocs auf, welcher Lern-Einheiten im Internet meint und zwar insbesondere solche, mit denen man auf vernetzte Partner und gemeinsame Aktionen aufmerksam macht. Im Internet ist halt auch die Grenze zwischen Lehr-/Lernabsicht, Selbstdarstellung und Aussendarstellung so löchrig geworden, dass sie Löcher bisweilen für den Durchblick sorgen.

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Montag, 13. April 2015
Montag, 13. April 2015
Knollennasen, ob von Männchen oder Weibchen, wurden zum Erkennungszeichen des Vico von Bülow, genannt Loriot.

Ob Bach, Beethoven oder Bismark, an seiner Knollennase war jeder Promi zu erkennen.

Was bleibt anders übrig in einem Land, in dem Höflichkeit verpönt, Abstammung verschwiegen und jeder so tut, als sei ihm der Atem des Geschichte oder der Weltgeist in einem originären Schöpfungsakt persönlich eingehaucht worden.

Da bleibt uns nur die Knollennase, die Abstammung und Geblüt markiert. Bis dann endlich und unvermeidlich klar wird, dass der Kumpel, Kollege und Wegbegleiter garnicht kumpeliger, kollegialer, sondern durchaus namhafter Herkunft ist. Jetzt kann er es ja sagen.

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