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Montag, 23. Februar 2015
Montag, 23. Februar 2015
kuehnesmallworld, 09:11h
Alles Lernen oder was?
Das muss man wohl annehmen, wenn man sich die Erkenntnisse der Neuropsychologie anschaut. Ob wir schmecken, uns erinnern, hören, sehen, schreiben oder sonst was tun: Wir lernen. Besser: Unser Nervensystem lernt. Sogar der religiöse Begriff der Vergebung erscheint psychoneurologisch aus grosser Ferne wunderbar nah gerückt und zwar nicht etwa als Vergessen, sondern als Erinnerung an die letzte oder vorletzte oder vorvorletzte Erinnerung, im Fall der Vergebung an eine Sicht der Dinge, die nicht aufrechnet. Eine Art positiver Vorgang der Überschreibung. Nicht verstandesgesteuert sonden psychoneurologisch vernetzt. Und damit die stärkste Figur in Kultur und Geschichte. Denn im Überschreibungsvorgang, den das neuronale Netz von morgens bis abends und auch nachts noch ins Werk setzt, wird nicht vergessen, sondern neu und anders eingeordnet.
Dass alles Lernen ist und zunehmend wird, darauf deuten verschiedene Anzeichen hin: Die Vielzahl der Lernorte, die wir heute auch "Dritte Arbeitsorte" nennen, die All-Gegenwart des digitalen Zugreifen-könnens, die abnehmende Bedeutung des Gebundenseins des Lernens an die einzelne Lern-Institution, in der es stattfindet. Mittels dieser Anzeichen setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass es nicht nur eine sondern viele Lernarten gibt (vgl. Benedict Carey: Wie wir lernen Rowohlt 2014). Ob das Lernen wie einst durch Memorieren oder wie meist jetzt noch durch schrittweises jahrgangsweises Vorrücken in der Gruppe oder Klasse erfolgt, ob es durch Bestrafen ungewünschter und Verstärken gewünschter Verhaltensweisen geschieht, immer ist es nur eine von vielen aus der grossen Zahl der Lernweisen und -arten.
Gemeinsam ist der hier genannten Auswahl die Einschränkung des Wahrnehmungsspektrums, die Konzentration auf den Lernstoff. Das sind Umstände, die die Kontrolle des Verhaltens, nun Lernfortschritte genannt, nahelegen und erforderlich machen. Kontrolle und Konzentration begleiten diese Pädagogik. Die zynische Übernahme des Begriffs für die Lagereinrichtungen durch die Nazis ist nicht zufällig. Aber auch beim Begriff der Umerziehung handelt es sich um mittels staatlicher Gewalt umgesetzte Zwangsmassnahmen. Entschulungs- und antiautoritäre Ansätze nehmen sich dagegen harmlos aus. Zu tief stecken Lebenswelt-Reduzierung und Aufrichtung interner Hierarchien bereits in unserem Bild vom Lernen und lernenden Menschen.
Ihm auch noch abzusprechen, was er schon längst gelernt hat, wenn auch woanders und auf andere Weise, ist der traurige Gipfel einer reduzierenden Lern-Umwelt und eines reduzierten Lernbegriffs. Dass die Kindheit von Hänschen mehr zähle als das Leben von Hans, dass der Mensch ein Gewohnheitstier sei, sind in "Fleisch und Blut" übergegangene Gewissheiten. Aber Lernen ist Leben und je mehr sich unser Begriff von menschlichem Leben bspw. durch die Neurowissenschaften erweitert (Beobachtung hätts auch getan), weitet sich unsere Vorstellung von dem, was Lernen ist: Längst keine blosse Optimierung und Anpassung sondern Verarbeitung, Übertragung und Kombination zu neuen Einsichten und Verhaltensweisen. Ein Lernen, das Freiheit, mindestens Bewegungsfreiheit, voraussetzt. Ein komplexes Nervensysten, neben dem sich die Computerisierung ausnimmt, wie eine Spielzeugeisenbahn, wartet nur darauf, Anregungen und Vor-Bilder aufzunehmen um sie auf ganz eigene Art zu verknüpfen und zu entwickeln. Und wenn wir der Summe unserer Erfahrungen und Einsichten Glauben schenken dürfen, dann war genau dies das Erfolgsrezept, dass die Entwicklung des Menschen beflügelte.
Nachwort: Im Blog steckt das Bre4, also auch hier: Das Kreative und das Religiöse ist natürlich auch im lernenden Gesamtsystem Mensch inbegriffen. Das Lernen und Verändern so zum Schlüsselbegriff wird, hab ich nicht gewusst, als ich Lernen unabhängig vom pädagogischen System zu meinem Lebensthema gemacht hab. Warum? Weil es das wohl schon war. Bis in die letzten Jahre aber hing man letztlich der Vorstellung an, dass das Hirn Steuerungsfunktion hat, aber dass wir das Hirn sind, dämmert uns jetzt. Ersteinmal bleibt unsere Vorstellung von uns davon unberührt. Auch die Vorstellung vom Fahren um ein Beispiel zu nennen, hält halt so lange an einem Steuer fest, bis andere Mechanismen entwickelt sind, die das Steuer ersetzen oder kompensieren.
Jedenfalls erscheint dem lernenden Gesamtsystem Mensch eine umittelbare Reaktion wie Rache oder Hass oder Auge um Auge hauptsächlich geeignet zu sein, um das Gefühl der Kontrolle, um die Oberhand zu behalten. Viel angemessener kann es aber sein, seine Reaktion nicht direkt an den (Aggressions-) Auslöser zu binden. Weitergehende Verschaltungen und Vernetzung können das Erlebte ganz anders einbinden und darstellen, als wir uns das heute noch träumen lassen. Einer der Kerngedanken der Kreativität und einer der Kerngedanken der Religion. Genauso unangemessen und falsch wäre es aber diesen Gedanken auf hergebrachte Art zum Instrument, sagen wir einer neuen Weltsicht oder Konfliktlösungsstrategie zu machen. Wir sässen, um das Bild zu gebrauchen, sozusagen wieder am Steuer. Wir haben den Gedanken und das reicht, um das Wirklichkeitsspektrum, das wir im Visir haben, zu erweitern. Eine vom Tremolo der Überzeugung durchdrungene Meditation über das Gesamtsystem Mensch braucht es nicht. Aber es braucht das Denken und das ist ohne die Freiheit auch etwas anderes zu denken, es denkbar zu machen, schlechterdings nicht möglich. Alles andere ist Dummheit.
Das muss man wohl annehmen, wenn man sich die Erkenntnisse der Neuropsychologie anschaut. Ob wir schmecken, uns erinnern, hören, sehen, schreiben oder sonst was tun: Wir lernen. Besser: Unser Nervensystem lernt. Sogar der religiöse Begriff der Vergebung erscheint psychoneurologisch aus grosser Ferne wunderbar nah gerückt und zwar nicht etwa als Vergessen, sondern als Erinnerung an die letzte oder vorletzte oder vorvorletzte Erinnerung, im Fall der Vergebung an eine Sicht der Dinge, die nicht aufrechnet. Eine Art positiver Vorgang der Überschreibung. Nicht verstandesgesteuert sonden psychoneurologisch vernetzt. Und damit die stärkste Figur in Kultur und Geschichte. Denn im Überschreibungsvorgang, den das neuronale Netz von morgens bis abends und auch nachts noch ins Werk setzt, wird nicht vergessen, sondern neu und anders eingeordnet.
Dass alles Lernen ist und zunehmend wird, darauf deuten verschiedene Anzeichen hin: Die Vielzahl der Lernorte, die wir heute auch "Dritte Arbeitsorte" nennen, die All-Gegenwart des digitalen Zugreifen-könnens, die abnehmende Bedeutung des Gebundenseins des Lernens an die einzelne Lern-Institution, in der es stattfindet. Mittels dieser Anzeichen setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass es nicht nur eine sondern viele Lernarten gibt (vgl. Benedict Carey: Wie wir lernen Rowohlt 2014). Ob das Lernen wie einst durch Memorieren oder wie meist jetzt noch durch schrittweises jahrgangsweises Vorrücken in der Gruppe oder Klasse erfolgt, ob es durch Bestrafen ungewünschter und Verstärken gewünschter Verhaltensweisen geschieht, immer ist es nur eine von vielen aus der grossen Zahl der Lernweisen und -arten.
Gemeinsam ist der hier genannten Auswahl die Einschränkung des Wahrnehmungsspektrums, die Konzentration auf den Lernstoff. Das sind Umstände, die die Kontrolle des Verhaltens, nun Lernfortschritte genannt, nahelegen und erforderlich machen. Kontrolle und Konzentration begleiten diese Pädagogik. Die zynische Übernahme des Begriffs für die Lagereinrichtungen durch die Nazis ist nicht zufällig. Aber auch beim Begriff der Umerziehung handelt es sich um mittels staatlicher Gewalt umgesetzte Zwangsmassnahmen. Entschulungs- und antiautoritäre Ansätze nehmen sich dagegen harmlos aus. Zu tief stecken Lebenswelt-Reduzierung und Aufrichtung interner Hierarchien bereits in unserem Bild vom Lernen und lernenden Menschen.
Ihm auch noch abzusprechen, was er schon längst gelernt hat, wenn auch woanders und auf andere Weise, ist der traurige Gipfel einer reduzierenden Lern-Umwelt und eines reduzierten Lernbegriffs. Dass die Kindheit von Hänschen mehr zähle als das Leben von Hans, dass der Mensch ein Gewohnheitstier sei, sind in "Fleisch und Blut" übergegangene Gewissheiten. Aber Lernen ist Leben und je mehr sich unser Begriff von menschlichem Leben bspw. durch die Neurowissenschaften erweitert (Beobachtung hätts auch getan), weitet sich unsere Vorstellung von dem, was Lernen ist: Längst keine blosse Optimierung und Anpassung sondern Verarbeitung, Übertragung und Kombination zu neuen Einsichten und Verhaltensweisen. Ein Lernen, das Freiheit, mindestens Bewegungsfreiheit, voraussetzt. Ein komplexes Nervensysten, neben dem sich die Computerisierung ausnimmt, wie eine Spielzeugeisenbahn, wartet nur darauf, Anregungen und Vor-Bilder aufzunehmen um sie auf ganz eigene Art zu verknüpfen und zu entwickeln. Und wenn wir der Summe unserer Erfahrungen und Einsichten Glauben schenken dürfen, dann war genau dies das Erfolgsrezept, dass die Entwicklung des Menschen beflügelte.
Nachwort: Im Blog steckt das Bre4, also auch hier: Das Kreative und das Religiöse ist natürlich auch im lernenden Gesamtsystem Mensch inbegriffen. Das Lernen und Verändern so zum Schlüsselbegriff wird, hab ich nicht gewusst, als ich Lernen unabhängig vom pädagogischen System zu meinem Lebensthema gemacht hab. Warum? Weil es das wohl schon war. Bis in die letzten Jahre aber hing man letztlich der Vorstellung an, dass das Hirn Steuerungsfunktion hat, aber dass wir das Hirn sind, dämmert uns jetzt. Ersteinmal bleibt unsere Vorstellung von uns davon unberührt. Auch die Vorstellung vom Fahren um ein Beispiel zu nennen, hält halt so lange an einem Steuer fest, bis andere Mechanismen entwickelt sind, die das Steuer ersetzen oder kompensieren.
Jedenfalls erscheint dem lernenden Gesamtsystem Mensch eine umittelbare Reaktion wie Rache oder Hass oder Auge um Auge hauptsächlich geeignet zu sein, um das Gefühl der Kontrolle, um die Oberhand zu behalten. Viel angemessener kann es aber sein, seine Reaktion nicht direkt an den (Aggressions-) Auslöser zu binden. Weitergehende Verschaltungen und Vernetzung können das Erlebte ganz anders einbinden und darstellen, als wir uns das heute noch träumen lassen. Einer der Kerngedanken der Kreativität und einer der Kerngedanken der Religion. Genauso unangemessen und falsch wäre es aber diesen Gedanken auf hergebrachte Art zum Instrument, sagen wir einer neuen Weltsicht oder Konfliktlösungsstrategie zu machen. Wir sässen, um das Bild zu gebrauchen, sozusagen wieder am Steuer. Wir haben den Gedanken und das reicht, um das Wirklichkeitsspektrum, das wir im Visir haben, zu erweitern. Eine vom Tremolo der Überzeugung durchdrungene Meditation über das Gesamtsystem Mensch braucht es nicht. Aber es braucht das Denken und das ist ohne die Freiheit auch etwas anderes zu denken, es denkbar zu machen, schlechterdings nicht möglich. Alles andere ist Dummheit.
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Montag, 16. Februar 2015
Montag, 16. Februar 2015
kuehnesmallworld, 09:00h
Psychoneurologische Grundlagen der (Un-) Ordnung:
Die jüngsten Erkenntnisse der Neurowissenschaften werfen auch ein neues Licht auf das, was wir Ordnung oder Unordnung nennen, finde ich jedenfalls.
Unordnung ist gewachsen, sie entsteht, Ordnung dagegen wird geschaffen. Unordnung spiegelt das Leben, das Hin- und Her, auch das Chaos wider, alles, was sich noch nicht als eindeutige Tendenz, Trend herauskristallisiert hat. An der Unordnung ist die Entwicklung, die Entstehung ables bar. Unter Ordnung dagegen wird allzuleicht und oberflächlich das Durchsetzen eines Prinzips verstanden (Bücher geordnet, Vorgänge im Ablagesystem archiviert, Schreibtisch "aufgeräumt" usw.). Die Prinzipien sind oft anderen Bereichen entlehnt, wie das Prinzip der wirtschaftlichen Effizienz, des schnellen Zugriffs, oder das Prinzip übergeordneter philosophischer Kategorien (Chronologien, Sinn).
Aber entsprechen diese Ordnungen überhaupt der psychoneurologischen Struktur unseres Gehirns, muss ich mich angesichts meines Schreibtisches sehr wohl fragen. Sollte das Kurzzeitgedächtnis tatsächlich so total herrschen? Sollte es das Langzeitgedächtnis und die emotionale Zuordnung tatsächlich so dominieren? Sagt ene Staubschicht nicht viel mehr über das tatsächliche Beansprucht-werden durch aktuelle Aufgaben aus. als die perfekteste Ablage? Sollten wir nicht auch andere Aspekte unseses Lebens im Blick behalten, wie bspw. den ein Jahr alten Prospekt eines Besuchs im Museums, auch wenn wir ihn nicht wieder zur Hand genommen haben? Und: Bringt nicht gerade der Vorgang des Suchens immer wieder neue Klarheit darüber, was gerade jetzt erforderlich ist und was andererseits jetzt zurücktreten muss aber doch in Reichweite bleibt?
Kurz: Eine organische Ordnung macht Prioritäten sichtbar, macht deutlich, dass diese sich täglich, ja möglicherweise stündlich ändern. Prioritäten, die unseren Blick auf die Dinge und damit unser Verständnis, was Ordnung und Unordnung ist, permanent ändern. Ist nicht neuropsychologisch gesehen, die kreativ-produktive Leistung unseres Gehirns gerade das Suchen. Das Gehirn sucht ständig. Ist es übertrieben zu sagen, gerade das Suchen ist seine Aufgabe. Verbindungen schaffen, Zuordnungen vornehmen, ist die Aufgabe unserer Nervenzellen, sich immer neu zu Ordnungen und Gedächtnissen verbinden. Ordnung und Gedächtnis wären dann nur andere Bezeichnungen für Sinn. Abstrakte, fremde Ordnungssysteme stören diesen Prozess nur. Gewinnen wir neuen Respekt vor den Leistungen des Gehirns. Es ahnt, ja weiss: Da steckt etwas in diesem Stapel, was du brauchen könntest, jetzt, in diesem Moment.
Noch etwas: Aufkeimende Hoffnung wechselt ab mit Anwandlungen von Verzweiflung, entspannendes Lachen über die Vergeblichkeit und Komik menschlichen Tuns mit existentieller Anspannung. Wo eben noch distanzschaffende Komik war, herrscht jetzt allesbeanspruchender Ernst. Oder ist beides garnicht so voneinander getrennt und unterschieden, wie wir uns gern einbilden? Denn auch das leistet unser Gehirn, ohne dass es einer bestimmten Aufforderung bedarf: Den Wechsel, den switch, zwischen dem kritischen und dem mal humorigen Blick auf sich selbst.
Die jüngsten Erkenntnisse der Neurowissenschaften werfen auch ein neues Licht auf das, was wir Ordnung oder Unordnung nennen, finde ich jedenfalls.
Unordnung ist gewachsen, sie entsteht, Ordnung dagegen wird geschaffen. Unordnung spiegelt das Leben, das Hin- und Her, auch das Chaos wider, alles, was sich noch nicht als eindeutige Tendenz, Trend herauskristallisiert hat. An der Unordnung ist die Entwicklung, die Entstehung ables bar. Unter Ordnung dagegen wird allzuleicht und oberflächlich das Durchsetzen eines Prinzips verstanden (Bücher geordnet, Vorgänge im Ablagesystem archiviert, Schreibtisch "aufgeräumt" usw.). Die Prinzipien sind oft anderen Bereichen entlehnt, wie das Prinzip der wirtschaftlichen Effizienz, des schnellen Zugriffs, oder das Prinzip übergeordneter philosophischer Kategorien (Chronologien, Sinn).
Aber entsprechen diese Ordnungen überhaupt der psychoneurologischen Struktur unseres Gehirns, muss ich mich angesichts meines Schreibtisches sehr wohl fragen. Sollte das Kurzzeitgedächtnis tatsächlich so total herrschen? Sollte es das Langzeitgedächtnis und die emotionale Zuordnung tatsächlich so dominieren? Sagt ene Staubschicht nicht viel mehr über das tatsächliche Beansprucht-werden durch aktuelle Aufgaben aus. als die perfekteste Ablage? Sollten wir nicht auch andere Aspekte unseses Lebens im Blick behalten, wie bspw. den ein Jahr alten Prospekt eines Besuchs im Museums, auch wenn wir ihn nicht wieder zur Hand genommen haben? Und: Bringt nicht gerade der Vorgang des Suchens immer wieder neue Klarheit darüber, was gerade jetzt erforderlich ist und was andererseits jetzt zurücktreten muss aber doch in Reichweite bleibt?
Kurz: Eine organische Ordnung macht Prioritäten sichtbar, macht deutlich, dass diese sich täglich, ja möglicherweise stündlich ändern. Prioritäten, die unseren Blick auf die Dinge und damit unser Verständnis, was Ordnung und Unordnung ist, permanent ändern. Ist nicht neuropsychologisch gesehen, die kreativ-produktive Leistung unseres Gehirns gerade das Suchen. Das Gehirn sucht ständig. Ist es übertrieben zu sagen, gerade das Suchen ist seine Aufgabe. Verbindungen schaffen, Zuordnungen vornehmen, ist die Aufgabe unserer Nervenzellen, sich immer neu zu Ordnungen und Gedächtnissen verbinden. Ordnung und Gedächtnis wären dann nur andere Bezeichnungen für Sinn. Abstrakte, fremde Ordnungssysteme stören diesen Prozess nur. Gewinnen wir neuen Respekt vor den Leistungen des Gehirns. Es ahnt, ja weiss: Da steckt etwas in diesem Stapel, was du brauchen könntest, jetzt, in diesem Moment.
Noch etwas: Aufkeimende Hoffnung wechselt ab mit Anwandlungen von Verzweiflung, entspannendes Lachen über die Vergeblichkeit und Komik menschlichen Tuns mit existentieller Anspannung. Wo eben noch distanzschaffende Komik war, herrscht jetzt allesbeanspruchender Ernst. Oder ist beides garnicht so voneinander getrennt und unterschieden, wie wir uns gern einbilden? Denn auch das leistet unser Gehirn, ohne dass es einer bestimmten Aufforderung bedarf: Den Wechsel, den switch, zwischen dem kritischen und dem mal humorigen Blick auf sich selbst.
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Montag, 9. Februar 2015
Montag, 9. Februar 2015
kuehnesmallworld, 09:31h
Päpstlicher als der Papst. Ich sehe es schon vor mir. Der Papst beugt das Knie vor dem Leiter des Kindesschutzbundes und tut Busse für folgenden Satz:
"Einmal hörte ich in einem Treffen von Eheleuten einen Vater sagen: „Manchmal muss ich die Kinder ein bisschen schlagen - aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen.“ Wie schön: Er hat einen Sinn für Würde. Er muss bestrafen, er macht’s auf rechte Weise, und dann geht es normal weiter“ (zitiert nach: Billigt der Papst das Schlagen von Kindern? FAZ, 06.02.2015, von Thomas Holl).
Ein barockes Prachtgemälde, ein moderner Gang nach Canossa, wo "ohne die geringste Pracht zur Schau zu stellen, barfuss und nüchtern", wie es Lampert von Hersfeld beschrieb der Bussfertige sich geschlagen gab vor der moralischen Autorität. Nun aber der Papst vor dem Kaiser, der Investiturstreit andersherum. Nun aber die ältere Autorität vor der auch von ihr abgeleiteten jüngeren Umsetzung in Recht und Gesetz, "ohne Pracht", "barfuss".
So leicht fällt mir kein Bibelzitat ein, aber jetzt: "Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr verzehntet die Minze, Dill und Kümmel, und laßt dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Dies soll man tun und jenes nicht lassen. (Matthäus 23, 23).
Das ist kein Blankoscheck, aber genau die Antwort in dieser Situation: Der Geist steht vor Gericht, vor dem Gesetz, die moralische Macht vor der staatlichen. Die Beweise gegen die Werte-Schwätzer sind erdrückend: die Missbrauchsskandale der Priester, die Prügelpädagogik der Nonnen. Dass die Kirche für die Beründung von Gewalt noch die richtigen Bibelverse fand, ist längst nicht so lang her, wie sie Glauben machen will.
Doch die Situationen gleichen sich: Die moralische Instanz gerät in Begründungsnotstand gegenüber den Verantwortlichen, die für die Umsetzung dieser Massstäbe in Gebote und Verbote verantwortlich sind. Der Geist kapituliert vor dem Buchstaben. Die universalen Werte sehen verglichen mit ihrer jeweiligen landes- und religionstypischen Umsetzung schlecht aus. Der Wert der Würde gegenüber der Praxis nicht minder. Besonders heute ist das die Situation, unsere Situation: Mühevoll erarbeitete Regelwerke in allen möglichen Bereichen, vom Daten- bis zum Kinderschutz versuchen allen Eventualitäten gerecht zu werden und lassen einen vor der Intention der Werte und der Absichten doch nur als ein "Heuchler" dastehen. Diese Situation der Doppelmoral und der Doppelbödigkeit kennzeichnet heute alle gesellschaftlichen Bereiche.
Je intensiver die Regelungsabsicht, desto grösser die Lücken, die sich auftun. So honorig und unabweisbar die Gründe sind, sie münden in Heuchelei und Doppelbödigkeit, wird nicht eingestanden, dass sie das Übel sichtbar machen aber nicht abschaffen können, im Gegenteil, sie drücken es in weniger kontrollierte Bereiche. Ist psychischer Druck, In-die-Ecke-stellen, an den Pranger stellen etwa keine Gewalt? Ist das Kneifen am Arm statt des Schlagens etwa keine Gewalt? Und wie siehts mit dem Mobbing auf dem Schulhof aus? Was ist Gewalt? Und so schlägt die auf dieser Ebene durchaus gerechtfertigte Regelungsabsicht schnell um in einen neuen, faktischen, so unbeabsichtigten Ausschlusskatalog, der den Status-quo festschreibt. Genau dies kennzeichnet unsere Situation: Das Sämige, Doppelbödige, Verlogene, das uns an den Füssen klebt und Veränderungen kaum möglich macht. Aber gegen die Heuchelei liesse sich schon was machen.
"Einmal hörte ich in einem Treffen von Eheleuten einen Vater sagen: „Manchmal muss ich die Kinder ein bisschen schlagen - aber nie ins Gesicht, um sie nicht zu demütigen.“ Wie schön: Er hat einen Sinn für Würde. Er muss bestrafen, er macht’s auf rechte Weise, und dann geht es normal weiter“ (zitiert nach: Billigt der Papst das Schlagen von Kindern? FAZ, 06.02.2015, von Thomas Holl).
Ein barockes Prachtgemälde, ein moderner Gang nach Canossa, wo "ohne die geringste Pracht zur Schau zu stellen, barfuss und nüchtern", wie es Lampert von Hersfeld beschrieb der Bussfertige sich geschlagen gab vor der moralischen Autorität. Nun aber der Papst vor dem Kaiser, der Investiturstreit andersherum. Nun aber die ältere Autorität vor der auch von ihr abgeleiteten jüngeren Umsetzung in Recht und Gesetz, "ohne Pracht", "barfuss".
So leicht fällt mir kein Bibelzitat ein, aber jetzt: "Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr verzehntet die Minze, Dill und Kümmel, und laßt dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Dies soll man tun und jenes nicht lassen. (Matthäus 23, 23).
Das ist kein Blankoscheck, aber genau die Antwort in dieser Situation: Der Geist steht vor Gericht, vor dem Gesetz, die moralische Macht vor der staatlichen. Die Beweise gegen die Werte-Schwätzer sind erdrückend: die Missbrauchsskandale der Priester, die Prügelpädagogik der Nonnen. Dass die Kirche für die Beründung von Gewalt noch die richtigen Bibelverse fand, ist längst nicht so lang her, wie sie Glauben machen will.
Doch die Situationen gleichen sich: Die moralische Instanz gerät in Begründungsnotstand gegenüber den Verantwortlichen, die für die Umsetzung dieser Massstäbe in Gebote und Verbote verantwortlich sind. Der Geist kapituliert vor dem Buchstaben. Die universalen Werte sehen verglichen mit ihrer jeweiligen landes- und religionstypischen Umsetzung schlecht aus. Der Wert der Würde gegenüber der Praxis nicht minder. Besonders heute ist das die Situation, unsere Situation: Mühevoll erarbeitete Regelwerke in allen möglichen Bereichen, vom Daten- bis zum Kinderschutz versuchen allen Eventualitäten gerecht zu werden und lassen einen vor der Intention der Werte und der Absichten doch nur als ein "Heuchler" dastehen. Diese Situation der Doppelmoral und der Doppelbödigkeit kennzeichnet heute alle gesellschaftlichen Bereiche.
Je intensiver die Regelungsabsicht, desto grösser die Lücken, die sich auftun. So honorig und unabweisbar die Gründe sind, sie münden in Heuchelei und Doppelbödigkeit, wird nicht eingestanden, dass sie das Übel sichtbar machen aber nicht abschaffen können, im Gegenteil, sie drücken es in weniger kontrollierte Bereiche. Ist psychischer Druck, In-die-Ecke-stellen, an den Pranger stellen etwa keine Gewalt? Ist das Kneifen am Arm statt des Schlagens etwa keine Gewalt? Und wie siehts mit dem Mobbing auf dem Schulhof aus? Was ist Gewalt? Und so schlägt die auf dieser Ebene durchaus gerechtfertigte Regelungsabsicht schnell um in einen neuen, faktischen, so unbeabsichtigten Ausschlusskatalog, der den Status-quo festschreibt. Genau dies kennzeichnet unsere Situation: Das Sämige, Doppelbödige, Verlogene, das uns an den Füssen klebt und Veränderungen kaum möglich macht. Aber gegen die Heuchelei liesse sich schon was machen.
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