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Donnerstag, 5. Februar 2015
Donnerstag, 5. Februar 2015
kuehnesmallworld, 09:23h
Sprechen, Sehen, Schmecken. Neuro-Wissenschaft trifft Kunst.
Jonah Lehrer über Getrude Stein, Cezanne und Proust: Prousts Madeleine Hirnforschung für Kreative. München Zürich 2007
Sprechen: Getrude Stein, Zeitgenossin und Förderin von u.a. Hemmingway, hat sich zuerst mit Medizin und Sprachstrukur befasst. Die Struktur der Sprache ist im Gehin verankert, so ihr wissenschaftliches Fazit und so ihre künstlerische Praxis, die diese Struktur ohne Rücksicht auf unser Sinn- und ästhetisches Empfinden sichtbar machen will. Eines der dabei zur Sprache kommenden Phänomene war die "schläfrige Zustimmung" zum Text ( William James), die solage besteht, bis ein in diesen Zusammenhang nicht passender Begriff auftaucht, und mir der Satz förmlich um die Ohren fliegt. Warum wohl? Begriffe sind keine messerscharfen Definitionen sondern "schillernde" Gebilde, die weniger den Gegenstand beschreiben, als viel mehr den Sprachgebrauch. "Wir codieren unsere Wahrnehmungen ständig neu ...", formuliert der Psychologe George Miller (227), statt dass wir Wörter aneinander fügen.
Mein Beispiel aus unsere schönen neuen Wissenschaftswelt: Da ist vom "process-owner" die Rede. Der Owner/Besitzer kommt als Vorstellung aber aus einer ganz anderen Welt als der Prozess. Zumindest im Deutschen, wo er ja sein denglisches Unwesen treibt. Der Owner/Besitzer zeigt Besitzverhältnisse dessen an, der den Arbeitsplatz und die Position innehat. Die Verbindung von Process und Owner entlarvt die Verbindung heterogener Vorstellungen zu einem homogenen "Verbund".
Sehen: Cezannes klobige Gebilde entsprechen viel mehr den Endrücken des Sehens im Gehirn als die pixelgenau Abbildung der Aussenwelt auf der Netzhaut oder das impressionistische Ineinanderfliessen von Formen und Farben. Die fotographiegenaue Abbildung stellt die letzte Verarbeitungsstufe des Gesehenen im Gehirn dar, die reizüberflutende Impression eine Stufe davor. Die elementare Stufe aber sind die Balken und Flächen, die "taches und touches", das was der erste flüchtige Eindruck 'aus den Augenwinkeln' oder beim schnellen Drehen des Kopfes liefert. Die Horizontlinien, ob nun die der Montagnes Victoires bei Cezanne oder die der Vogesen bei Büchners Lenz strukturieren und reduzieren das (Landschafts-) Bild. Cezanne hat genauer gesehen, Wahrnehmungen einbezogen, über die andere hinweggingen. Und damit hat Cezanne die "Ausrichtung von Linien", die "Kontraste", "Kanten und Kurven" erfasst wie sie Neuronen übermitteln, bevor "das Gehirn noch dabei ist, den Sehnerv zu aktivieren" (157). Aus den "Kanten" entwickeln sich erst die Formen (158). Unsere Inflation codierter Bilder wird sich böse rächen, sie wird uns Phantasie und Perspektiven kosten. Immer mehr werden wir Gefangene unserer Vorstellungen, während die elementareren Wahrnehmungen an der Peripherie des Zufälligen "vibrieren" (162) und schimmern, wie bei Gertrude Stein zu sehen war. Unsere scheinbare Präzision der Wissenschaftssprache enttarnt sich als Sprach-Fast-Food, bei dem die Zutaten in Prozentzahlen genau beziffert sind, der Prozess der Zusamensetzung aber vor lauter Verarbeitung unkenntlich geworden ist. Die Langeweile, die uns überkommt, wenn wir diese Abhandlungen lesen, sagt alles.
Schmecken: Und dann Marcel Proust und dann die stattsam bekannten Madeleines. Und dann die weniger sattsam bekannte Kombination von "Langeweile" und "Extase" (118), die Gegensätze, die die Erinnerungsspuren aufweisen. Sind doch Geruchs- und Geschmmackssinn direkt an den Hippocampus angeschlossen, dort, wo das Langzeitgedächtnis ruht (123). Und so kann so ein harmloser spontaner Geschmackseindruck plötzlich eine ganze Erinnerungswelt lostreten. Und das ohne, dass händeringend nach Deutung gesucht werden muss. Etwas Umfassenderes nämlich ist passiert: Die Zeit wurde gefunden, Die Zeit, die irgendwo verloren gegangen ist in den Tiefen unserer Nervenzellen. Nervenzellen, die Leerstellen, Spalten brauchen, um Vorstellungen zu bilden! Die letzte Erinnerung verändert alle vorangegangenen, überschreibt sie. Ein religiöser Begriff wie Vergeben bekommt plötzlich eine neuronale Basis und wird als dem Gefängnis des blossen Willensaktes befreit. Und wieder sinds die "Ränder" (132), von denen das Vibrieren, das Schimmern (s.o) ausgeht, an denen diese Erinnerungen bearbeitet und überarbeitet werden. Wie entsteht Erinnerung, wie verändert sie sich? Der Sinneseindruck setzt die Neuronen in Bewegung: "Und genau an diesen winzigen Verbindungsstellen werden unsere Erinnerungen gebildet ...." Erinnerungen ist ein anders Wort für Vorstellung.
Auch Oberflächen, um meinerseits heute domiante Vorstellungen und Wahrnehmungen aufzurufen, sind keine Oberflächen. Ihr Verhältnis zum Stoff, zur Struktur ist ein vielfältiges, wenn auch kein einfach linear ableitbares. Vielfach gebrochen, vermiitelt, geschönt, getäuscht. Diese Oberflächen werden einen anderen Eindruck hinterlassen als die homogenen, die so homogen auch nicht waren. Einen vielfältigen Eindruck. Die von neuen Verbundstoffen erzeugte Illusion von Holz, Metall etc. wird keinesfalls halten, sondern bestenfalls Ambivalenz, Unsicherheit oder das Gefühl des Getäuscht-werdens zurücklassen bis sich an den neuen stofflichen Oberflächen adäquate Wahrnehmungen gebildet haben. Die Retro-Sehnsucht nach Echtheit wirds jedenfalls nicht tun.
Wie jedenfalls gehen wir mit "Innovationen" um? Sehen wir in Ihnen nur das entdeckte Neue oder ist uns klar, dass diese Erfindung und Wahrnehmung angebahnt wurde durch eine Vielzahl an vorangegangenen Eindrücken und Erfahrungen aus ganz verschiedenen Bereichen, die sich zu einem Bild zusammenfügen.
Jonah Lehrer über Getrude Stein, Cezanne und Proust: Prousts Madeleine Hirnforschung für Kreative. München Zürich 2007
Sprechen: Getrude Stein, Zeitgenossin und Förderin von u.a. Hemmingway, hat sich zuerst mit Medizin und Sprachstrukur befasst. Die Struktur der Sprache ist im Gehin verankert, so ihr wissenschaftliches Fazit und so ihre künstlerische Praxis, die diese Struktur ohne Rücksicht auf unser Sinn- und ästhetisches Empfinden sichtbar machen will. Eines der dabei zur Sprache kommenden Phänomene war die "schläfrige Zustimmung" zum Text ( William James), die solage besteht, bis ein in diesen Zusammenhang nicht passender Begriff auftaucht, und mir der Satz förmlich um die Ohren fliegt. Warum wohl? Begriffe sind keine messerscharfen Definitionen sondern "schillernde" Gebilde, die weniger den Gegenstand beschreiben, als viel mehr den Sprachgebrauch. "Wir codieren unsere Wahrnehmungen ständig neu ...", formuliert der Psychologe George Miller (227), statt dass wir Wörter aneinander fügen.
Mein Beispiel aus unsere schönen neuen Wissenschaftswelt: Da ist vom "process-owner" die Rede. Der Owner/Besitzer kommt als Vorstellung aber aus einer ganz anderen Welt als der Prozess. Zumindest im Deutschen, wo er ja sein denglisches Unwesen treibt. Der Owner/Besitzer zeigt Besitzverhältnisse dessen an, der den Arbeitsplatz und die Position innehat. Die Verbindung von Process und Owner entlarvt die Verbindung heterogener Vorstellungen zu einem homogenen "Verbund".
Sehen: Cezannes klobige Gebilde entsprechen viel mehr den Endrücken des Sehens im Gehirn als die pixelgenau Abbildung der Aussenwelt auf der Netzhaut oder das impressionistische Ineinanderfliessen von Formen und Farben. Die fotographiegenaue Abbildung stellt die letzte Verarbeitungsstufe des Gesehenen im Gehirn dar, die reizüberflutende Impression eine Stufe davor. Die elementare Stufe aber sind die Balken und Flächen, die "taches und touches", das was der erste flüchtige Eindruck 'aus den Augenwinkeln' oder beim schnellen Drehen des Kopfes liefert. Die Horizontlinien, ob nun die der Montagnes Victoires bei Cezanne oder die der Vogesen bei Büchners Lenz strukturieren und reduzieren das (Landschafts-) Bild. Cezanne hat genauer gesehen, Wahrnehmungen einbezogen, über die andere hinweggingen. Und damit hat Cezanne die "Ausrichtung von Linien", die "Kontraste", "Kanten und Kurven" erfasst wie sie Neuronen übermitteln, bevor "das Gehirn noch dabei ist, den Sehnerv zu aktivieren" (157). Aus den "Kanten" entwickeln sich erst die Formen (158). Unsere Inflation codierter Bilder wird sich böse rächen, sie wird uns Phantasie und Perspektiven kosten. Immer mehr werden wir Gefangene unserer Vorstellungen, während die elementareren Wahrnehmungen an der Peripherie des Zufälligen "vibrieren" (162) und schimmern, wie bei Gertrude Stein zu sehen war. Unsere scheinbare Präzision der Wissenschaftssprache enttarnt sich als Sprach-Fast-Food, bei dem die Zutaten in Prozentzahlen genau beziffert sind, der Prozess der Zusamensetzung aber vor lauter Verarbeitung unkenntlich geworden ist. Die Langeweile, die uns überkommt, wenn wir diese Abhandlungen lesen, sagt alles.
Schmecken: Und dann Marcel Proust und dann die stattsam bekannten Madeleines. Und dann die weniger sattsam bekannte Kombination von "Langeweile" und "Extase" (118), die Gegensätze, die die Erinnerungsspuren aufweisen. Sind doch Geruchs- und Geschmmackssinn direkt an den Hippocampus angeschlossen, dort, wo das Langzeitgedächtnis ruht (123). Und so kann so ein harmloser spontaner Geschmackseindruck plötzlich eine ganze Erinnerungswelt lostreten. Und das ohne, dass händeringend nach Deutung gesucht werden muss. Etwas Umfassenderes nämlich ist passiert: Die Zeit wurde gefunden, Die Zeit, die irgendwo verloren gegangen ist in den Tiefen unserer Nervenzellen. Nervenzellen, die Leerstellen, Spalten brauchen, um Vorstellungen zu bilden! Die letzte Erinnerung verändert alle vorangegangenen, überschreibt sie. Ein religiöser Begriff wie Vergeben bekommt plötzlich eine neuronale Basis und wird als dem Gefängnis des blossen Willensaktes befreit. Und wieder sinds die "Ränder" (132), von denen das Vibrieren, das Schimmern (s.o) ausgeht, an denen diese Erinnerungen bearbeitet und überarbeitet werden. Wie entsteht Erinnerung, wie verändert sie sich? Der Sinneseindruck setzt die Neuronen in Bewegung: "Und genau an diesen winzigen Verbindungsstellen werden unsere Erinnerungen gebildet ...." Erinnerungen ist ein anders Wort für Vorstellung.
Auch Oberflächen, um meinerseits heute domiante Vorstellungen und Wahrnehmungen aufzurufen, sind keine Oberflächen. Ihr Verhältnis zum Stoff, zur Struktur ist ein vielfältiges, wenn auch kein einfach linear ableitbares. Vielfach gebrochen, vermiitelt, geschönt, getäuscht. Diese Oberflächen werden einen anderen Eindruck hinterlassen als die homogenen, die so homogen auch nicht waren. Einen vielfältigen Eindruck. Die von neuen Verbundstoffen erzeugte Illusion von Holz, Metall etc. wird keinesfalls halten, sondern bestenfalls Ambivalenz, Unsicherheit oder das Gefühl des Getäuscht-werdens zurücklassen bis sich an den neuen stofflichen Oberflächen adäquate Wahrnehmungen gebildet haben. Die Retro-Sehnsucht nach Echtheit wirds jedenfalls nicht tun.
Wie jedenfalls gehen wir mit "Innovationen" um? Sehen wir in Ihnen nur das entdeckte Neue oder ist uns klar, dass diese Erfindung und Wahrnehmung angebahnt wurde durch eine Vielzahl an vorangegangenen Eindrücken und Erfahrungen aus ganz verschiedenen Bereichen, die sich zu einem Bild zusammenfügen.
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Donnerstag, 15. Januar 2015
Donnerstag, 15. Januar 2015
kuehnesmallworld, 09:27h
Bombardiert zu werden mit Umfragen und Prozentzahlen war vor Tagen hier mein Thema. Dieser ganze Blog beschäftigt sich mit Sprache. Jetzt kommt mir der Philosoph und Journalist Jürgen Werner zur Hilfe.
In den Firmen verkümmert die Sprache, sagt Jürgen Werner in seinem Buch Tagesrationen, über das er in einem Interview mit Christoph Schwarz von der Wirtschaftswoche spricht (zitiert nach dem Handelsblatt vom 4.1.2015.).
Und: "... die Zahlen dominieren inzwischen die Buchstaben", was dazu führe, "dass Buchstaben sich nicht mehr wie Buchstaben verhalten, sondern wie Zahlen“ und zwar mit einem "imperialistischen Anspruch" für Lebensbereiche, in denen ihre Stärke, die Genauigkeit, garnicht zum Zug kommen könne.
Wir dürfen dreimal raten, woran das liegen könnte und dürfen vermuten, dass die Binärcodes (z.B. 1/0), auf die alle digital vermittelten Worte und Bilder fussen, etwa so Pate stehen, wie das Sprechen vom "Druck" und "Dampfkessel" mit weiteren Bildern aus der Mechanik vor ca. 100 Jahren in der Sprache der Psychoanalyse um sich griff.
Werner weiter: Auch die Wirtschaft sei nicht nur in Zahlen darstellbar, vor allem nicht ihre Kraft, "etwas Neues zu schaffen, um qualitative Werte zu bilden." Zahlen, die ja Vergleichbares beinhalteten, stellten die Welt "beherrschbar und berechenbar" dar. Die Geschichte, die Entwicklung gehe dabei verloren.
"Sprachbilder aus der Mechanik", wie die "Stellschraube" seien an der Tagesordnung, die Botschaft: "Es muss nichts schiefgehen, solange man sich nur an wenige schlichte Regeln hält." ... "In der Sprache der Mechanik ist die vorherrschende Idee die der Kontrolle." Selbst Vertrauen erscheine herstellbar. Eine Wirklichkeitsfremdheit, die Werner als "strukturellen Zynismus" bezeichnet. In Wahrheit brächte diese Sprache die Angst zum Ausdruck.
Aber nicht nur Angst: Als Gegenwelt zum "strukturellen Zynismus" des Machbaren etabliert sich eine eigene Sprache, die der Werte und der Vertrautheit, die der Ethik in der Wirtschaft, als handele sich um eine extra eingeführte Dimension, die mit einem entsprechenden Nymbus heranrauscht. Und wieder wird die Trennung von Geist und Geld reproduziert: Zynismus hier, Ethik dort.
Und auch da ist längst noch nicht Schluss: Taube Ohren machen Prognostiker zu Apokalyptikern, die erlebte Zurückweisung teilt sich der Botschaft mit. Kassandra lässt grüssen.
Ob zwangsläufig negativ wie Kassandra oder visionär positiv wie Jürgen Werner, der Standpunkt kann schnell zur Insel werden, die der negativen oder positiven Festlandsmasse gegenüberliegt, durch den Festlandssockel aber miteinander auf eine Weise verbunden, die sich nicht auf den ersten Blick erschliesst: Insel und Festland brauchen einander. Faustregel: Je inseliger die Insel desto mainstreamiger das Festland. Nun aber wollen wir Herrn Werner nicht weiter davon abhalten, uns das stumpfgewordene Schwert der Sprache in der Wirtschaft vor Augen zu führen:
"All die Controlling-Routinen, die endlosen Dokumentationspflichten, Performance-Messungen, Feedback-Runden, Projektanträge, all diese mühseligen Aufgaben, die uns abhalten von dem, was beim Arbeiten Freude bereiten kann, dienen einem Zweck: der Absicherung." Der "Dauermodus der Rechtfertigung" türme "verschachtelte Satzungetüme" und "Leerformeln" auf, etwas, was Werner "leblose, sprachliche Neutralität" nennt, da helfe auch kein Storytelling. Im Gegenteil: "Führungsfähigkeit beruht auf Sprachfähigkeit. Und die wiederum verlangt überzeugende Haltungen. Erst so entstehen starke Geschichten, die sich zum Leben hin öffnen… ."
Nachdem Werner dann das weniger starke Beispiel von Steve Jobs gebracht hat, der meiner Meinung kulturelle und religiöse Symbole als Mainstream-Signale benutzt, statt mit der in ihnen steckenden Sprache zu arbeiten, endet er mit einem Zitat Ludwig Wittgensteins, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten.
Nimmt man das ernst, muss es mit dem Horizont unserer Wirtschaftsapostel nicht weit her sein - und mit dem möglichen wirtschaftlichen Erfolg auch nicht.
Wie aber bringt Sprache Führungsfähigkeit, Wirksamkeit, kurz: Leben in die Wirtschaft?
Geht das so, dass man so lange in der heimischen Badewanne tüftelt bis die Idee Limonade durch Vergärung von Malz zu Bionade zu machen, Schluck für Schluck zum Renner wird, der letzte Schluck war der von Oetker? Ist das Zufall, dass die zündende Ideen auch ad hoc eingängige Sprachbilder findet, die runtergehen wie Butter, Öl, Wasser oder Honig?
Ich greife auf meine Erfahrung zurück: Was man formulieren kann, in möglichst klare Worte fassen kann, hat eine weitere Realisierungsstufe erklommen. Im September 1989 auf einem Campingplatz auf Korsika schien mir die deutsche Einheit zum ersten Mal überhaupt denkbar.
Aber wie kommt man vom Denkbaren zum Machbaren?
Die Unangemessenheit der Sprache in Politik und Wirtschaft beginnt sehr oft mit einem Überfall der Zahlenkolonnen statt mit der Beobachtung einzelner Vorfälle durch einzelne Zeitgenossen. Der Beobachtung als unterste Ebene wäre sodann durch Gegenüberstellung anderer Beobachtungen zu begegnen. (1)
Nächste Ebene wäre dann die Zuordnung der Beobachtung zum Standort, Lebenssituation des Beobachters. Dies wäre immer auch ein Beitrag zur eigenen Standortbestimmung statt dem Betreffenden gleich von hoher politisch-philosphischer Metawarte auf den Leib zu rücken als da bspw. wären die Rede von der Monopolisierung des Kapitals oder Demokratisierung der Wirtschaft. (2)
Die Schlussfolgerung braucht dann zur allgemeinen Erleichterung nicht auf Zahlen verzichten, erfolgt über diese doch nicht nur Objektivierung sondern auch Relativierung. Jürgen Werner würde vom "Vergleich" sprechen. (3)
Unsere Sprache in Politik und Wirtschaft krankt daran, dass wir uns nicht zunächst auf der angesprochenen Ebene auseinander setzen, sondern diese stets von höherer Ebene zu toppen suchen. Das kann aber keinesfalls heissen, nicht zu Schlussfolgerungen zu kommen mit denen man mindestens einen Schritt weiterkommt.
(dazu auch: http://juergen-werner.com)
In den Firmen verkümmert die Sprache, sagt Jürgen Werner in seinem Buch Tagesrationen, über das er in einem Interview mit Christoph Schwarz von der Wirtschaftswoche spricht (zitiert nach dem Handelsblatt vom 4.1.2015.).
Und: "... die Zahlen dominieren inzwischen die Buchstaben", was dazu führe, "dass Buchstaben sich nicht mehr wie Buchstaben verhalten, sondern wie Zahlen“ und zwar mit einem "imperialistischen Anspruch" für Lebensbereiche, in denen ihre Stärke, die Genauigkeit, garnicht zum Zug kommen könne.
Wir dürfen dreimal raten, woran das liegen könnte und dürfen vermuten, dass die Binärcodes (z.B. 1/0), auf die alle digital vermittelten Worte und Bilder fussen, etwa so Pate stehen, wie das Sprechen vom "Druck" und "Dampfkessel" mit weiteren Bildern aus der Mechanik vor ca. 100 Jahren in der Sprache der Psychoanalyse um sich griff.
Werner weiter: Auch die Wirtschaft sei nicht nur in Zahlen darstellbar, vor allem nicht ihre Kraft, "etwas Neues zu schaffen, um qualitative Werte zu bilden." Zahlen, die ja Vergleichbares beinhalteten, stellten die Welt "beherrschbar und berechenbar" dar. Die Geschichte, die Entwicklung gehe dabei verloren.
"Sprachbilder aus der Mechanik", wie die "Stellschraube" seien an der Tagesordnung, die Botschaft: "Es muss nichts schiefgehen, solange man sich nur an wenige schlichte Regeln hält." ... "In der Sprache der Mechanik ist die vorherrschende Idee die der Kontrolle." Selbst Vertrauen erscheine herstellbar. Eine Wirklichkeitsfremdheit, die Werner als "strukturellen Zynismus" bezeichnet. In Wahrheit brächte diese Sprache die Angst zum Ausdruck.
Aber nicht nur Angst: Als Gegenwelt zum "strukturellen Zynismus" des Machbaren etabliert sich eine eigene Sprache, die der Werte und der Vertrautheit, die der Ethik in der Wirtschaft, als handele sich um eine extra eingeführte Dimension, die mit einem entsprechenden Nymbus heranrauscht. Und wieder wird die Trennung von Geist und Geld reproduziert: Zynismus hier, Ethik dort.
Und auch da ist längst noch nicht Schluss: Taube Ohren machen Prognostiker zu Apokalyptikern, die erlebte Zurückweisung teilt sich der Botschaft mit. Kassandra lässt grüssen.
Ob zwangsläufig negativ wie Kassandra oder visionär positiv wie Jürgen Werner, der Standpunkt kann schnell zur Insel werden, die der negativen oder positiven Festlandsmasse gegenüberliegt, durch den Festlandssockel aber miteinander auf eine Weise verbunden, die sich nicht auf den ersten Blick erschliesst: Insel und Festland brauchen einander. Faustregel: Je inseliger die Insel desto mainstreamiger das Festland. Nun aber wollen wir Herrn Werner nicht weiter davon abhalten, uns das stumpfgewordene Schwert der Sprache in der Wirtschaft vor Augen zu führen:
"All die Controlling-Routinen, die endlosen Dokumentationspflichten, Performance-Messungen, Feedback-Runden, Projektanträge, all diese mühseligen Aufgaben, die uns abhalten von dem, was beim Arbeiten Freude bereiten kann, dienen einem Zweck: der Absicherung." Der "Dauermodus der Rechtfertigung" türme "verschachtelte Satzungetüme" und "Leerformeln" auf, etwas, was Werner "leblose, sprachliche Neutralität" nennt, da helfe auch kein Storytelling. Im Gegenteil: "Führungsfähigkeit beruht auf Sprachfähigkeit. Und die wiederum verlangt überzeugende Haltungen. Erst so entstehen starke Geschichten, die sich zum Leben hin öffnen… ."
Nachdem Werner dann das weniger starke Beispiel von Steve Jobs gebracht hat, der meiner Meinung kulturelle und religiöse Symbole als Mainstream-Signale benutzt, statt mit der in ihnen steckenden Sprache zu arbeiten, endet er mit einem Zitat Ludwig Wittgensteins, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten.
Nimmt man das ernst, muss es mit dem Horizont unserer Wirtschaftsapostel nicht weit her sein - und mit dem möglichen wirtschaftlichen Erfolg auch nicht.
Wie aber bringt Sprache Führungsfähigkeit, Wirksamkeit, kurz: Leben in die Wirtschaft?
Geht das so, dass man so lange in der heimischen Badewanne tüftelt bis die Idee Limonade durch Vergärung von Malz zu Bionade zu machen, Schluck für Schluck zum Renner wird, der letzte Schluck war der von Oetker? Ist das Zufall, dass die zündende Ideen auch ad hoc eingängige Sprachbilder findet, die runtergehen wie Butter, Öl, Wasser oder Honig?
Ich greife auf meine Erfahrung zurück: Was man formulieren kann, in möglichst klare Worte fassen kann, hat eine weitere Realisierungsstufe erklommen. Im September 1989 auf einem Campingplatz auf Korsika schien mir die deutsche Einheit zum ersten Mal überhaupt denkbar.
Aber wie kommt man vom Denkbaren zum Machbaren?
Die Unangemessenheit der Sprache in Politik und Wirtschaft beginnt sehr oft mit einem Überfall der Zahlenkolonnen statt mit der Beobachtung einzelner Vorfälle durch einzelne Zeitgenossen. Der Beobachtung als unterste Ebene wäre sodann durch Gegenüberstellung anderer Beobachtungen zu begegnen. (1)
Nächste Ebene wäre dann die Zuordnung der Beobachtung zum Standort, Lebenssituation des Beobachters. Dies wäre immer auch ein Beitrag zur eigenen Standortbestimmung statt dem Betreffenden gleich von hoher politisch-philosphischer Metawarte auf den Leib zu rücken als da bspw. wären die Rede von der Monopolisierung des Kapitals oder Demokratisierung der Wirtschaft. (2)
Die Schlussfolgerung braucht dann zur allgemeinen Erleichterung nicht auf Zahlen verzichten, erfolgt über diese doch nicht nur Objektivierung sondern auch Relativierung. Jürgen Werner würde vom "Vergleich" sprechen. (3)
Unsere Sprache in Politik und Wirtschaft krankt daran, dass wir uns nicht zunächst auf der angesprochenen Ebene auseinander setzen, sondern diese stets von höherer Ebene zu toppen suchen. Das kann aber keinesfalls heissen, nicht zu Schlussfolgerungen zu kommen mit denen man mindestens einen Schritt weiterkommt.
(dazu auch: http://juergen-werner.com)
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Dienstag, 13. Januar 2015
Dienstag, 13. Januar 2015
kuehnesmallworld, 08:49h
Gesetz und Freiheit.
Der Freiheit kann man sich nicht nur über Kombinationen und Unberechenbarkeit nähern, wie ich das kürzlich hier getan habe, sondern auch von Seiten des Gesetzes. Gesetze sind unvermeidlich, Freiheit zu bewahren aber auch unvermeidlich unwirksam, dieweil sie zur Umgehung verleiten. Wirtschaftliches Handeln steht genauso in diesem Spannungsverhältnis.
Freiheit ist durch erlebte, erlittene Unfreiheit erst zu erobern und zu erfahren. Das Eroberte wird erst als Schutz erfahren, durch Gesetze gesichert, dann aber zunehmend als Unfreiheit erfahren. Der Tanz zwischen Gesetz und Freiheit geht von vorn los. Wir haben ein Wort dafür: Werte. Unter "Werte" findet man zuerst das, wofür man sich positiv entscheidet, bevor man schliesslich unsanft auf den harten Kern der Gebote und des kulturellen Kanon stösst, der sich darunter verbirgt.
Sodann schält sich die Persönlichkeit der Befreier und Befreiten aus der Masse der Opfer und Objekte heraus und zwar in ihrer Widerspruchsbereitschaft aber auch Widersprüchlichkeit also in ihrem persönlichen Charakter. Freiheit ist ja nicht einfach das Wegbrechen und Einreissen von Zäunen, sondern der Raum, der sich eröffnet. Ich kann jetzt verschiedene Richtungen einschlagen, kann und muss mich also entscheiden, da meine Kräfte nicht mehr durch den Widerstand gebunden werden,
Aus den Exodus-Mythos, folgt man der ZEIT vom 30.12.14, treten einem solche Charaktere entgegen. Der dort zitierte Micha Brumlik weist darauf hin, dass aus dem erstrittenen Monotheismus das Widerstandspotenzial gegen das Gewaltmonopol erwächst. Ein "Bund" tritt an die Stelle des Gottkönigtums, der Bund Gottes mit den Menschen aber auch der Bund der Menschen untereinander in Gestalt der Gesetze, unter anderen jene, die Mose vom Berge mitbrachte.
Mit Gesetzen hat es besonders das Judentum ja bis heute. Gesetze, wie sie uns aus dem Alten Testament und den Muslimen aus dem Koran wohlbekannt sind, Gesetze aber, die durch die Not der Verfolgung im Nacken und die Auswegslosigkeit vor Augen eine Unbedingtheit und Dringlichkeit erlangten, die Juden von den andern Völkern und Religionen unterschied. Bis heute. Bis heute ist der Exodus der Juden, das "gelobte Landes" vor Augen, Synonym und Sinnstiftung für die Menschheit. Auch die christliche Kultur ist längst nicht "aus dem Schneider" der Freiheit und der Gesetze.
Gesetze und Vorschriften haben die Eigenschaft sich zu vermehren, nicht nur Murphys Gesetz. Wie die Köpfe der Hydra wachsen neue Vorschriften, Gebote und damit Rituale und Stigmata immer neu nach.
Halbernst in der Befolgung, "irgendwas muss einen ja unterscheiden von den andern" einerseits, Beschränkung und Gefangenschaft andererseits werden als ambivalente Halbschatten zu ständigen Begleitern. Das Gesetz wird erlebt als Irgendwie-nicht-Rauskommen aus den verschiedenen Abhängigkeiten und Zwängen. Letztendlich haben wir es wieder mehr mit dem Gesetz als mit der Freiheit zu tun.
Während ich mich um der Gesellschaft willen an Gesetze halten muss, stehe ich als Person eines Tages unweigerlich vor der Frage: Buchstaben des Gesetzes oder Freiheit in Sinn und Geist. Ein bisschen Gesetz geht nicht. Aber ohne Exodus geht es auch nicht. Es reicht nicht in das gelobte Land der vollständigen Freiheit zu spähen. Ins Freie führen nur Schritte. Übrigens auch die Freiheit etwas zu "unternehmen": Meine Möglichkeiten zu entdecken und überhaupt Möglichkeiten zu entdecken. Dann wird auch die unternehmerische Freiheit mehr als Alibi, Lücken zu finden, sondern macht den humanen Kern der Befreiung offenbar.
Der Freiheit kann man sich nicht nur über Kombinationen und Unberechenbarkeit nähern, wie ich das kürzlich hier getan habe, sondern auch von Seiten des Gesetzes. Gesetze sind unvermeidlich, Freiheit zu bewahren aber auch unvermeidlich unwirksam, dieweil sie zur Umgehung verleiten. Wirtschaftliches Handeln steht genauso in diesem Spannungsverhältnis.
Freiheit ist durch erlebte, erlittene Unfreiheit erst zu erobern und zu erfahren. Das Eroberte wird erst als Schutz erfahren, durch Gesetze gesichert, dann aber zunehmend als Unfreiheit erfahren. Der Tanz zwischen Gesetz und Freiheit geht von vorn los. Wir haben ein Wort dafür: Werte. Unter "Werte" findet man zuerst das, wofür man sich positiv entscheidet, bevor man schliesslich unsanft auf den harten Kern der Gebote und des kulturellen Kanon stösst, der sich darunter verbirgt.
Sodann schält sich die Persönlichkeit der Befreier und Befreiten aus der Masse der Opfer und Objekte heraus und zwar in ihrer Widerspruchsbereitschaft aber auch Widersprüchlichkeit also in ihrem persönlichen Charakter. Freiheit ist ja nicht einfach das Wegbrechen und Einreissen von Zäunen, sondern der Raum, der sich eröffnet. Ich kann jetzt verschiedene Richtungen einschlagen, kann und muss mich also entscheiden, da meine Kräfte nicht mehr durch den Widerstand gebunden werden,
Aus den Exodus-Mythos, folgt man der ZEIT vom 30.12.14, treten einem solche Charaktere entgegen. Der dort zitierte Micha Brumlik weist darauf hin, dass aus dem erstrittenen Monotheismus das Widerstandspotenzial gegen das Gewaltmonopol erwächst. Ein "Bund" tritt an die Stelle des Gottkönigtums, der Bund Gottes mit den Menschen aber auch der Bund der Menschen untereinander in Gestalt der Gesetze, unter anderen jene, die Mose vom Berge mitbrachte.
Mit Gesetzen hat es besonders das Judentum ja bis heute. Gesetze, wie sie uns aus dem Alten Testament und den Muslimen aus dem Koran wohlbekannt sind, Gesetze aber, die durch die Not der Verfolgung im Nacken und die Auswegslosigkeit vor Augen eine Unbedingtheit und Dringlichkeit erlangten, die Juden von den andern Völkern und Religionen unterschied. Bis heute. Bis heute ist der Exodus der Juden, das "gelobte Landes" vor Augen, Synonym und Sinnstiftung für die Menschheit. Auch die christliche Kultur ist längst nicht "aus dem Schneider" der Freiheit und der Gesetze.
Gesetze und Vorschriften haben die Eigenschaft sich zu vermehren, nicht nur Murphys Gesetz. Wie die Köpfe der Hydra wachsen neue Vorschriften, Gebote und damit Rituale und Stigmata immer neu nach.
Halbernst in der Befolgung, "irgendwas muss einen ja unterscheiden von den andern" einerseits, Beschränkung und Gefangenschaft andererseits werden als ambivalente Halbschatten zu ständigen Begleitern. Das Gesetz wird erlebt als Irgendwie-nicht-Rauskommen aus den verschiedenen Abhängigkeiten und Zwängen. Letztendlich haben wir es wieder mehr mit dem Gesetz als mit der Freiheit zu tun.
Während ich mich um der Gesellschaft willen an Gesetze halten muss, stehe ich als Person eines Tages unweigerlich vor der Frage: Buchstaben des Gesetzes oder Freiheit in Sinn und Geist. Ein bisschen Gesetz geht nicht. Aber ohne Exodus geht es auch nicht. Es reicht nicht in das gelobte Land der vollständigen Freiheit zu spähen. Ins Freie führen nur Schritte. Übrigens auch die Freiheit etwas zu "unternehmen": Meine Möglichkeiten zu entdecken und überhaupt Möglichkeiten zu entdecken. Dann wird auch die unternehmerische Freiheit mehr als Alibi, Lücken zu finden, sondern macht den humanen Kern der Befreiung offenbar.
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