Donnerstag, 15. Januar 2015
Donnerstag, 15. Januar 2015
Bombardiert zu werden mit Umfragen und Prozentzahlen war vor Tagen hier mein Thema. Dieser ganze Blog beschäftigt sich mit Sprache. Jetzt kommt mir der Philosoph und Journalist Jürgen Werner zur Hilfe.

In den Firmen verkümmert die Sprache, sagt Jürgen Werner in seinem Buch Tagesrationen, über das er in einem Interview mit Christoph Schwarz von der Wirtschaftswoche spricht (zitiert nach dem Handelsblatt vom 4.1.2015.).
Und: "... die Zahlen dominieren inzwischen die Buchstaben", was dazu führe, "dass Buchstaben sich nicht mehr wie Buchstaben verhalten, sondern wie Zahlen“ und zwar mit einem "imperialistischen Anspruch" für Lebensbereiche, in denen ihre Stärke, die Genauigkeit, garnicht zum Zug kommen könne.

Wir dürfen dreimal raten, woran das liegen könnte und dürfen vermuten, dass die Binärcodes (z.B. 1/0), auf die alle digital vermittelten Worte und Bilder fussen, etwa so Pate stehen, wie das Sprechen vom "Druck" und "Dampfkessel" mit weiteren Bildern aus der Mechanik vor ca. 100 Jahren in der Sprache der Psychoanalyse um sich griff.

Werner weiter: Auch die Wirtschaft sei nicht nur in Zahlen darstellbar, vor allem nicht ihre Kraft, "etwas Neues zu schaffen, um qualitative Werte zu bilden." Zahlen, die ja Vergleichbares beinhalteten, stellten die Welt "beherrschbar und berechenbar" dar. Die Geschichte, die Entwicklung gehe dabei verloren.
"Sprachbilder aus der Mechanik", wie die "Stellschraube" seien an der Tagesordnung, die Botschaft: "Es muss nichts schiefgehen, solange man sich nur an wenige schlichte Regeln hält." ... "In der Sprache der Mechanik ist die vorherrschende Idee die der Kontrolle." Selbst Vertrauen erscheine herstellbar. Eine Wirklichkeitsfremdheit, die Werner als "strukturellen Zynismus" bezeichnet. In Wahrheit brächte diese Sprache die Angst zum Ausdruck.

Aber nicht nur Angst: Als Gegenwelt zum "strukturellen Zynismus" des Machbaren etabliert sich eine eigene Sprache, die der Werte und der Vertrautheit, die der Ethik in der Wirtschaft, als handele sich um eine extra eingeführte Dimension, die mit einem entsprechenden Nymbus heranrauscht. Und wieder wird die Trennung von Geist und Geld reproduziert: Zynismus hier, Ethik dort.
Und auch da ist längst noch nicht Schluss: Taube Ohren machen Prognostiker zu Apokalyptikern, die erlebte Zurückweisung teilt sich der Botschaft mit. Kassandra lässt grüssen.

Ob zwangsläufig negativ wie Kassandra oder visionär positiv wie Jürgen Werner, der Standpunkt kann schnell zur Insel werden, die der negativen oder positiven Festlandsmasse gegenüberliegt, durch den Festlandssockel aber miteinander auf eine Weise verbunden, die sich nicht auf den ersten Blick erschliesst: Insel und Festland brauchen einander. Faustregel: Je inseliger die Insel desto mainstreamiger das Festland. Nun aber wollen wir Herrn Werner nicht weiter davon abhalten, uns das stumpfgewordene Schwert der Sprache in der Wirtschaft vor Augen zu führen:

"All die Controlling-Routinen, die endlosen Dokumentationspflichten, Performance-Messungen, Feedback-Runden, Projektanträge, all diese mühseligen Aufgaben, die uns abhalten von dem, was beim Arbeiten Freude bereiten kann, dienen einem Zweck: der Absicherung." Der "Dauermodus der Rechtfertigung" türme "verschachtelte Satzungetüme" und "Leerformeln" auf, etwas, was Werner "leblose, sprachliche Neutralität" nennt, da helfe auch kein Storytelling. Im Gegenteil: "Führungsfähigkeit beruht auf Sprachfähigkeit. Und die wiederum verlangt überzeugende Haltungen. Erst so entstehen starke Geschichten, die sich zum Leben hin öffnen… ."

Nachdem Werner dann das weniger starke Beispiel von Steve Jobs gebracht hat, der meiner Meinung kulturelle und religiöse Symbole als Mainstream-Signale benutzt, statt mit der in ihnen steckenden Sprache zu arbeiten, endet er mit einem Zitat Ludwig Wittgensteins, dass die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt bedeuten.

Nimmt man das ernst, muss es mit dem Horizont unserer Wirtschaftsapostel nicht weit her sein - und mit dem möglichen wirtschaftlichen Erfolg auch nicht.
Wie aber bringt Sprache Führungsfähigkeit, Wirksamkeit, kurz: Leben in die Wirtschaft?
Geht das so, dass man so lange in der heimischen Badewanne tüftelt bis die Idee Limonade durch Vergärung von Malz zu Bionade zu machen, Schluck für Schluck zum Renner wird, der letzte Schluck war der von Oetker? Ist das Zufall, dass die zündende Ideen auch ad hoc eingängige Sprachbilder findet, die runtergehen wie Butter, Öl, Wasser oder Honig?

Ich greife auf meine Erfahrung zurück: Was man formulieren kann, in möglichst klare Worte fassen kann, hat eine weitere Realisierungsstufe erklommen. Im September 1989 auf einem Campingplatz auf Korsika schien mir die deutsche Einheit zum ersten Mal überhaupt denkbar.
Aber wie kommt man vom Denkbaren zum Machbaren?

Die Unangemessenheit der Sprache in Politik und Wirtschaft beginnt sehr oft mit einem Überfall der Zahlenkolonnen statt mit der Beobachtung einzelner Vorfälle durch einzelne Zeitgenossen. Der Beobachtung als unterste Ebene wäre sodann durch Gegenüberstellung anderer Beobachtungen zu begegnen. (1)

Nächste Ebene wäre dann die Zuordnung der Beobachtung zum Standort, Lebenssituation des Beobachters. Dies wäre immer auch ein Beitrag zur eigenen Standortbestimmung statt dem Betreffenden gleich von hoher politisch-philosphischer Metawarte auf den Leib zu rücken als da bspw. wären die Rede von der Monopolisierung des Kapitals oder Demokratisierung der Wirtschaft. (2)

Die Schlussfolgerung braucht dann zur allgemeinen Erleichterung nicht auf Zahlen verzichten, erfolgt über diese doch nicht nur Objektivierung sondern auch Relativierung. Jürgen Werner würde vom "Vergleich" sprechen. (3)

Unsere Sprache in Politik und Wirtschaft krankt daran, dass wir uns nicht zunächst auf der angesprochenen Ebene auseinander setzen, sondern diese stets von höherer Ebene zu toppen suchen. Das kann aber keinesfalls heissen, nicht zu Schlussfolgerungen zu kommen mit denen man mindestens einen Schritt weiterkommt.
(dazu auch: http://juergen-werner.com)

... link


Dienstag, 13. Januar 2015
Dienstag, 13. Januar 2015
Gesetz und Freiheit.
Der Freiheit kann man sich nicht nur über Kombinationen und Unberechenbarkeit nähern, wie ich das kürzlich hier getan habe, sondern auch von Seiten des Gesetzes. Gesetze sind unvermeidlich, Freiheit zu bewahren aber auch unvermeidlich unwirksam, dieweil sie zur Umgehung verleiten. Wirtschaftliches Handeln steht genauso in diesem Spannungsverhältnis.

Freiheit ist durch erlebte, erlittene Unfreiheit erst zu erobern und zu erfahren. Das Eroberte wird erst als Schutz erfahren, durch Gesetze gesichert, dann aber zunehmend als Unfreiheit erfahren. Der Tanz zwischen Gesetz und Freiheit geht von vorn los. Wir haben ein Wort dafür: Werte. Unter "Werte" findet man zuerst das, wofür man sich positiv entscheidet, bevor man schliesslich unsanft auf den harten Kern der Gebote und des kulturellen Kanon stösst, der sich darunter verbirgt.

Sodann schält sich die Persönlichkeit der Befreier und Befreiten aus der Masse der Opfer und Objekte heraus und zwar in ihrer Widerspruchsbereitschaft aber auch Widersprüchlichkeit also in ihrem persönlichen Charakter. Freiheit ist ja nicht einfach das Wegbrechen und Einreissen von Zäunen, sondern der Raum, der sich eröffnet. Ich kann jetzt verschiedene Richtungen einschlagen, kann und muss mich also entscheiden, da meine Kräfte nicht mehr durch den Widerstand gebunden werden,

Aus den Exodus-Mythos, folgt man der ZEIT vom 30.12.14, treten einem solche Charaktere entgegen. Der dort zitierte Micha Brumlik weist darauf hin, dass aus dem erstrittenen Monotheismus das Widerstandspotenzial gegen das Gewaltmonopol erwächst. Ein "Bund" tritt an die Stelle des Gottkönigtums, der Bund Gottes mit den Menschen aber auch der Bund der Menschen untereinander in Gestalt der Gesetze, unter anderen jene, die Mose vom Berge mitbrachte.

Mit Gesetzen hat es besonders das Judentum ja bis heute. Gesetze, wie sie uns aus dem Alten Testament und den Muslimen aus dem Koran wohlbekannt sind, Gesetze aber, die durch die Not der Verfolgung im Nacken und die Auswegslosigkeit vor Augen eine Unbedingtheit und Dringlichkeit erlangten, die Juden von den andern Völkern und Religionen unterschied. Bis heute. Bis heute ist der Exodus der Juden, das "gelobte Landes" vor Augen, Synonym und Sinnstiftung für die Menschheit. Auch die christliche Kultur ist längst nicht "aus dem Schneider" der Freiheit und der Gesetze.
Gesetze und Vorschriften haben die Eigenschaft sich zu vermehren, nicht nur Murphys Gesetz. Wie die Köpfe der Hydra wachsen neue Vorschriften, Gebote und damit Rituale und Stigmata immer neu nach.

Halbernst in der Befolgung, "irgendwas muss einen ja unterscheiden von den andern" einerseits, Beschränkung und Gefangenschaft andererseits werden als ambivalente Halbschatten zu ständigen Begleitern. Das Gesetz wird erlebt als Irgendwie-nicht-Rauskommen aus den verschiedenen Abhängigkeiten und Zwängen. Letztendlich haben wir es wieder mehr mit dem Gesetz als mit der Freiheit zu tun.

Während ich mich um der Gesellschaft willen an Gesetze halten muss, stehe ich als Person eines Tages unweigerlich vor der Frage: Buchstaben des Gesetzes oder Freiheit in Sinn und Geist. Ein bisschen Gesetz geht nicht. Aber ohne Exodus geht es auch nicht. Es reicht nicht in das gelobte Land der vollständigen Freiheit zu spähen. Ins Freie führen nur Schritte. Übrigens auch die Freiheit etwas zu "unternehmen": Meine Möglichkeiten zu entdecken und überhaupt Möglichkeiten zu entdecken. Dann wird auch die unternehmerische Freiheit mehr als Alibi, Lücken zu finden, sondern macht den humanen Kern der Befreiung offenbar.

... link


Montag, 12. Januar 2015
Montag, 12. Januar 2015
Zwei Brüder und ein Cousin
sind die die Täter des Überfalls auf eine Zeitungsreaktion und einen Supermarkt in Paris in den letzten Tagen. Wenn man herausbekommen will, ob Leute aus ihren Kreisen herausgekommen sind, sind Verwandtschaftsbeziehungen ein naheliegendes und aus naheliegenden Gründen gern übergangenes Zeichen. Die Geschlossenheit und Hermetik der Milieus und Kreise schlägt uns oft genug als abgestandener Geruch entgegen. Ist das der Charakter der Verhältnisse in denen wir leben?
Über unseren Köpfen halten wir das Plakat der Bekenntnisse hoch und unter unseren Füssen passen wir auf, dass wir nicht aus der Spur unserer Beziehungen geraten? Mehr Neues, mehr Fremdes ist nicht?

Überall, und gerade in überzeugungsstarken Milieus,
in denen es besonders auffällt, weil gern von Minderheitspositionen die Rede ist: Dynastien, das Auftauchen gleicher Namen. Was ist das für eine Freiheit, die uns in so ähnliche Verhältnisse führt?

Nicht nur die Zuneigung auch der Hass ist in Familien am stärksten. Kanalisieren wir in unserer Anhänglichkeit an Herkunft und Beziehungen Gefühle des Wir? Bestärken wir uns damit in der Frontstellung gegen die anderen?

Auch die Boston-Attentäter waren Brüder. Man kann komplexe Gründe und Hintergründe rekonstruieren und analysieren. Man kann auch sagen: Sie waren Brüder.

... link