Sonntag, 22. Mai 2011
Sonntag, 22. Mai 2011
Es war also der überaus robuste Bezug zur robusten Arbeitswelt, der unserem Aschenputtel (19. 05.) sehr genaue Kenntnisse vermittelte, wie das Schuhwerk beschaffen sein muss. Damit hatten die Luxusgeschöpfe, die sich zur Fete mit dem Prinzen rüsteten, nichts zu tun. Die brauchten nur einige Runden des Balls bei Hofe überstehen und das wars dann. Da ist doch unser Aschenputtel ganz anders geerdet. Man sieht es richtig vor sich, das grobe Schuhwerk, das nicht einfach nur passen sondern auch „sitzen“ muss. Wobei keinerlei Hindernis zum Rollentausch mit der Dancing-Queen bestand oder besteht. Im Gegenteil: Allein schon die Möglichkeit zum Wechsel zwischen Arbeit und gesellschaftlicher Präsentation bedeutet Freiheit. Bewegungsfreiheit, Freiheit auch zur Anpassung, die dann ja immer (nur) eine partielle ist. Allein schon das schiere Vorhandensein von Arbeit bedeutet Kriterien zu haben ausserhalb der Sphäre von Glamour und Status, die der Urteilsfähigkeit zugute kommen. Es macht also Sinn, sich nicht die Arbeit, und sei es die „Drecksarbeit“, „abkaufen“ zu lassen. Die Arbeitswelt, auch die hinter oder im Computer, ist die einzige Welt die der Welt der gesellschaftlichen Repräsentation Paroli bieten kann. Nicht nur weil sie existenzsichernd ist. Das kann die Arbeit von Paparazzis auch sein. Sondern weil sie andere Kriterien transportiert. Als Gegenwelt.

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Donnerstag, 19. Mai 2011
Donnerstag, 19. Mai 2011
Hinterhältig spät rückt das Leben bisweilen mit der Fremdheit heraus. Wiegt einem bis dahin in dem Glauben, man passe dahin und dazu. Angepasst wie der Schuh, der, läuft man eine Weile darin herum, dann doch nicht passen will. Hatte es zunächst den Anschein, dass er passt, wie angegossen sogar, bot dann aber doch keinen Spielraum für die Bewegung. Blut im Schuh. Schuhkundin Aschenputtel war meist mit groben, niederen Arbeiten beschäftigt, da braucht man grobes Schuhwerk, dass gerade ihr das Schuhchen vom italienischen Designer passte für die Gala, darauf wäre niemand gekommen. Es wäre ja auch niemand drauf gekommen, sie einzuladen für die Gala. Rat kam von den Vorfahren, vom Haselstrauch auf dem Grab ihrer toten leiblichen Mutter (der Haselbusch scheint sich als Auslöser von Allergien für das Übermitteln sensibler Botschaften besonders zu eignen). Die Toten haben einen Rat für die Nachkommen: Der Rat lautet: Der Schuh sucht sich seinen Träger. Normalerweise wird umgekehrt ein Schuh draus. Da muss man viele Schuhe anprobieren, bis einem einer passt. Vor allem, wenn die identitätsstiftende Kommunikation mit den Vorfahren unterbrochen wurde. Märchen haben es gern mit langen Zeiträumen zu tun. Auch in der zweiten und dritten Generation der Zuwanderer ist diese unvergessen. Du musst auch keinem ansehen, wie fremd er ist. Spät erst zeigen sich die Spätfolgen steter Anpassunganstrengung: Distanz.

Es sind Eisenbahnwege, die im Fall meiner rückgewanderten Grosseltern nachzufahren sind. Räume, europäische Räume sind zu durchmessen. Alles mit der Eisenbahn. Von Russland nach England, von England in die Schweiz und dann nach Deutschland. Keinen Rückhalt, kein engmaschiges Verwandtschaftsnetz im Kreuz. Der Fremdheit verdächtig. Am meisten Probleme mit dem Fremden hat die vorgebliche Heimat. Dort lässt man keinen Vertrauensbeweis, kein Signal der Wiedererkennung aus, um lebenslang alles Fremde aus sich auszutreiben. Und ist irritiert davon, sowenig Beweise und Anhaltspunkte in Händen zu halten, sei es für die Fremdheit, sei es fürs Bekannt-sein des Zugereisten. Allein das hält den Verdacht am Leben. Und der Fremde macht das Falsche: Er eliminiert das Exotische, Fremde aus seinem Leben, anstatt Einheimischen deren Fremdheit zu demonstrieren. Irgendwann wird er selbst die eigene Fremdheit nicht mehr fühlen. Nur die Füsse schmerzen.

Der Aus- und Rückwanderer durchmisst Räume. Ich muss die Eisenbahn nehmen, um in in meine Geschichte zu kommen. Die Erinnerungsorte liegen an der Strecke, sind Station. Muss zurück in die Antiquiertheit. Muss warten bis sich der Dampf verzieht. Das veranschaulicht die Distanzen und hat was Heilsames. Noch keine Oberleitung.

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Mittwoch, 18. Mai 2011
Mittwoch, 18. Mai 2011
Ich wandere gern an Kanälen und ehemaligen Bahnstrecken entlang, die zu Fusswegen wurden, heute Rail-Trails genannt.

Ich hab dann mehr von der Landschaft, sehe sie mit anderen Augen, suche nicht die unberührte Natur, sondern die anderen Augen, den anderen Blickwinkel, unter dem diese heutigen Freizeitwege einmal gesehen worden sind.

Was wäre, wenn auf dem alten König-Ludwig-Kanal plötzlich ein Lastkahn die Schleusentreppe hinabführe, das Schleusenhaus besetzt wäre, wie heute noch in Frankreich bisweilen? Wie wäre es, wenn an dem früheren Haltepunkt, an dem ich auf einer Bank sitze, sich plötzlich ein Zug sich die Steigung hochquälen würde. Allein schon das Wissen um die frühere Nutzung ändert meinen Blick auf die Landschaft. Ich nehme die Steigung, das Gefälle wahr, das die Verkehrswege überwinden mussten. Ich denke darüber nach, warum dieser Kanal, diese Eisenbahn gebaut wurde. Aus welchem wirtschaftlichen Kalkül, mit welchen Erwartungen. Mit welch anderen Augen die Landschaft gesehen wurde.

Ich sehe überhaupt etwas, denn zum Sehen, Erkennen und Unterscheiden braucht man Distanz. Ich sehe, wie Schifffahrtswege und Eisenbahnen das Relief der Landschaft nutzten. Dass sie genau an dieser Stelle den Weg übers Gebirge nahmen, sich ein Tal zu Nutze machten, Städte und Regionen miteinander verbanden. Verbindungen, die heute gar keinen Sinn mehr machen, weil die wirtschaftlichen Gründe entfallen sind: Der Transport von Zuckerrüben, von Holz, findet mit dem LKW statt, die Versorgung von Hochöfen, die hier mal gestanden haben, mit Kohle ist seit Jahrhunderten kein Thema mehr. Der idyllische Waldsee, an dem ich heisse Sommertage verbringe, war im Mittelalter das Speicherbecken für die wasserkraftbetriebene Schmiede. Und der nicht weitentfernte im sumfigen Gelände gelegene Weiher? Auch künstlich angelegt. Als Karpfenteich für die mal 50 km, mal 100 km entfernten Güter der Fürstbischöfe. Dabei hätte mich der Weg um den See, ein Pfad eher, der auf der seeabgekehrten Seite erheblich stärker abfiel als auf der Seeseite warnen müssen: Von wegen Natur!

Ich fahre die Sinnwege anderer Zeiten ab und switche so zwischen der heutigen Freizeitlandschaft und der Arbeitswelt früherer Zeiten. Und füge meinen recht eindimensionalen Kriterien „wie idyllisch ist die Landschaft?, „wie gut sind die Wanderwege ausgeschildert? ganz neue Bewertungen hinzu. Das verleiht einer sonst eher unspektakulären, die auch nicht besonders schön sein muss, ungewöhnliche Reize. Zu den üblichen Krititerien „schön“ und „nicht schön“ kommen viele weitere Gesichtspunkte, die mich nicht nur als Wandertouristen sprechen und sehen lassen, sondern als Nachfahren, für den andere Gesichtspunkte federführend sind. Nicht nur „heute“ im Kontrast zu „früher“ (das führt allzugern nur zur Idealisierung) sondern gerade das Switchen, erlaubt das räumliche Sehen, lässt den Zeitraum und die Landschaft als Raum plastisch vor dem Auge entstehen.

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