Mittwoch, 18. Mai 2011
Mittwoch, 18. Mai 2011
Ich wandere gern an Kanälen und ehemaligen Bahnstrecken entlang, die zu Fusswegen wurden, heute Rail-Trails genannt.

Ich hab dann mehr von der Landschaft, sehe sie mit anderen Augen, suche nicht die unberührte Natur, sondern die anderen Augen, den anderen Blickwinkel, unter dem diese heutigen Freizeitwege einmal gesehen worden sind.

Was wäre, wenn auf dem alten König-Ludwig-Kanal plötzlich ein Lastkahn die Schleusentreppe hinabführe, das Schleusenhaus besetzt wäre, wie heute noch in Frankreich bisweilen? Wie wäre es, wenn an dem früheren Haltepunkt, an dem ich auf einer Bank sitze, sich plötzlich ein Zug sich die Steigung hochquälen würde. Allein schon das Wissen um die frühere Nutzung ändert meinen Blick auf die Landschaft. Ich nehme die Steigung, das Gefälle wahr, das die Verkehrswege überwinden mussten. Ich denke darüber nach, warum dieser Kanal, diese Eisenbahn gebaut wurde. Aus welchem wirtschaftlichen Kalkül, mit welchen Erwartungen. Mit welch anderen Augen die Landschaft gesehen wurde.

Ich sehe überhaupt etwas, denn zum Sehen, Erkennen und Unterscheiden braucht man Distanz. Ich sehe, wie Schifffahrtswege und Eisenbahnen das Relief der Landschaft nutzten. Dass sie genau an dieser Stelle den Weg übers Gebirge nahmen, sich ein Tal zu Nutze machten, Städte und Regionen miteinander verbanden. Verbindungen, die heute gar keinen Sinn mehr machen, weil die wirtschaftlichen Gründe entfallen sind: Der Transport von Zuckerrüben, von Holz, findet mit dem LKW statt, die Versorgung von Hochöfen, die hier mal gestanden haben, mit Kohle ist seit Jahrhunderten kein Thema mehr. Der idyllische Waldsee, an dem ich heisse Sommertage verbringe, war im Mittelalter das Speicherbecken für die wasserkraftbetriebene Schmiede. Und der nicht weitentfernte im sumfigen Gelände gelegene Weiher? Auch künstlich angelegt. Als Karpfenteich für die mal 50 km, mal 100 km entfernten Güter der Fürstbischöfe. Dabei hätte mich der Weg um den See, ein Pfad eher, der auf der seeabgekehrten Seite erheblich stärker abfiel als auf der Seeseite warnen müssen: Von wegen Natur!

Ich fahre die Sinnwege anderer Zeiten ab und switche so zwischen der heutigen Freizeitlandschaft und der Arbeitswelt früherer Zeiten. Und füge meinen recht eindimensionalen Kriterien „wie idyllisch ist die Landschaft?, „wie gut sind die Wanderwege ausgeschildert? ganz neue Bewertungen hinzu. Das verleiht einer sonst eher unspektakulären, die auch nicht besonders schön sein muss, ungewöhnliche Reize. Zu den üblichen Krititerien „schön“ und „nicht schön“ kommen viele weitere Gesichtspunkte, die mich nicht nur als Wandertouristen sprechen und sehen lassen, sondern als Nachfahren, für den andere Gesichtspunkte federführend sind. Nicht nur „heute“ im Kontrast zu „früher“ (das führt allzugern nur zur Idealisierung) sondern gerade das Switchen, erlaubt das räumliche Sehen, lässt den Zeitraum und die Landschaft als Raum plastisch vor dem Auge entstehen.

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Dienstag, 17. Mai 2011
Dienstag, 17. Mai 2011
Am Vortag hatte ich diese Sätze geschrieben. Heute hat sich eines meiner Anliegen bereits gelöst. Denn das ist auch eine Erfahrung: Zeitbegriffe kommen durcheinander. Bagatellen türmen sich zu Problemgebirgen auf, fast Unmögliches wird sofort erledigt.

Beim Wandern ist es auch so. Mit Blick auf die Karte hatte ich vermutet, was schnell zu erreichen, was sich möglicherweise hinziehen würde. Die Parameter, die mir zur Verfügung standen, waren zur Einschätzung der Strecke einfach nicht genau genug. Hätte mir die Höhenunterschiede genau angesehen, wäre ich zu anderem Schluss gekommen. Mit Google-Earth und Weiss-was-Map wäre das nicht passiert, sagt der Datengläubige. Wäre es doch, sagt die Erfahrung. Dann eben an einer anderen Stelle.
Es lässt sich eben nicht alles 1:1 umsetzen in eine entsprechende Vorstellung. Wieviel Höhenmeter zu überwinden waren, hatte ich schon gewusst, aber Weg und Steg waren dann doch anders (schwieriger, leichter) als gedacht. Und das Wetter? Das hatte vom Weg nicht mehr viel übriggelassen.

Andere Erfahrungen und damit Zeitbegriffe hatten bei der Route eine Rolle gespielt, die ich vorher nicht einkalkuliert hatte. Und unversehends (auch schneller als gedacht) bin ich bei der Marketing- und Buisinessplanung. Die Vorstellung, wie begehrt ein Produkt in einem Markt ist, hat wenig mit der tatsächlichen Resonnanz zu tun. Viele, zuviele Faktoren und damit auch individuelle Erfahrungen, unkalkulierbar auch in der Wirkung aufeinander, spielen eine Rolle. Man zieht sich dann gern zurück auf die Vorstellung von der Manipulierbarkeit oder auf die berühmten „Laborbedingungen“ unter denes es geklappt hätte, wenn. Das Ziel wäre gut erreichbar gewesen, wenn nichts dazwischen gekommen wäre, aber genau darum geht es.

Genau genommen nämlich ist Arbeitszeit nichts anderes als die Zeit, aus der alles andere entfernt und herausgerechnet wurde. Arbeitszeit ist die vollständig ökonomisierte Zeit.
Und das zu einer Zeit, in der immer mehr private Ressourcen, wie bspw. das Home-Office eingesetzt werden, die Arbeitsmittel PC, Drucker, Smart-Phone nicht mehr nach ihrem Einsatz in der Arbeit oder Freizeit einsetzbar sind und last not least unablässig an unsere persönliche Kreativität appeliert wird, um zu neuen überraschenden Lösungen zu kommen.

Ein Blick auf die „Road-Map“ zeigt: Das kann nicht klappen. In der Realität mischen sich mehr Zeit und Erfahrungssorten als je zuvor. Die einzige Welt in der es so funktioniert, wie berechnet, ist die virtuelle Welt der Software. Sie spielt mit der grossen Illusion der sofortigen völligen Umsetzbarkeit. Und führt erstmal dazu, dass jeder denkt, er könne das, weil es die Software kann. Eine Vereinfachung, die sich als Verdummung entpuppt.

Wer Innovationen, neue Wege finden will, muss nachdenken, rumprobieren, Irrwege in Kauf nehmen. Die Zeitvorstellung weitet sich. Und er muss eine Sprache benutzen, die so viel wie möglich Erfahrungen vorstellbar macht. Und da rächt sich, dass die Marketing- und Businesssprache nicht nur anglizistisch sondern klingonisch, eine virtuelle „interstellare“ Kunstsprache ist. Aus dieser sind alle anderen Erfahrungen und Zeitbegriffe herausgerechnet. Dabei gehörten sie doch gerade hinein. Arbeit und „privat“ muss sich weiter mischen, als sich weiter zu separieren.

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Montag, 16. Mai 2011
Montag, 16. Mai 2011
Spricht mir etwas aus der Seele und jemand soll es hören, dann braucht es Anschauung, die sich mitteilt. Anschauungen, die ich mit anderen teile, damit sich mitteilt, was ich denke. Für mich dagegen, überprüfe ich mein Denken durch verschiedene Formulierungen an der Realität. Passt sie dazu? Stimmen die Bilder, stimmen die Vergleiche? Oder fehlt was? Alles subjektiv, ohne Beweiskraft, muss ich zugeben. Aber doch ist die Sprache ein erster Massstab der Überprüfung. Sind Worthülsen, funktionslose Schnörkel, schiefe Bilder? Straft die Sprache mich Lügen oder kommt sie mir zu Hilfe. Sie weiss mehr wie ich. Wir sind gebrannte Kinder durch Propagandalügen zuhauf. Denen wir allzu gern aufgesessen sind. Trauen der Sprache nicht mehr wirklich. Trotzdem kann sie mir bei dieser Selbstüberprüfung helfen. Oder ist sie ist nichts als Bebilderung. Woher kommt die Sicherheit
dass dieser Ausdruck genau so und nicht anders passt, an dieser Stelle so gut wie an keiner anderen?

Anschauliches, Sinnliches, wie z. B. ein „Hund“ befördert Aussenwelt in den Text. Der Hund schläft, jault, kommt in den den Text, ist nass, schüttelt sich, müffelt. Müffelt gefällt mir besser als „stinkt“. Das scheint mir zu stark, irgendwie unpassend zu sein. In „müffeln“ steckt auch was Vertrautes. „Riecht“ wäre zu nichtsagend. Ausserdem liessen sich die Leute, die Hunde nicht riechen können, damit auch nicht besänftigen. Ich habe ja den Verdacht, dass der Gedanke ans Geld (s. o.) den Hund überhaupt erst auf den Plan gerufen hat. Und ist er schon mal da, muss er ja irgendwas sein oder tun. Da das Geld versucht nicht zu stinken, ist es naheliegend, dass der Hund zumindest riecht. Es treiben sich öfters Hunde in meinen Texten herum. Gegenüber einem Hund muss man sich verhalten. Ein Hund nur als Sinnbild meiner Gefühle, ist kein Hund sondern nur ein Bild. Und sei es für meine Gleichgültigkeit. Ein Hund schafft sich Raum. Er bewacht ihn, liegt in meiner Nähe. Hunde haben Zutritt zu meinen Texten.

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