Donnerstag, 31. März 2011
Donnerstag, 31. März 2011
Die Sprache ist ein Ort. Ist vielmehr Bestimmung als Beschreibung. Lässt Standort und Perspektive erkennen, die den Sprechenden bei seiner Wortwahl bestimmen. Auch wer den Ort gewechselt hat, behält doch die Sprache. Sie ist vielmehr ist als nur Laut und Signal. Sie bewahrt seine Herkunft, seine Geschichte auf.

Sprache ist ein Ort. Auch deswegen halten wir am Dialekt fest. Weil wir mit ihm gelernt haben, die Welt zu sehen. Und deswegen nehmen wir auch den Dialekt mit. Wie Gepäck und Ausweis. Sprache soll Auskunft geben über Herkunft und Ort und ist deshalb vielmehr als ein abstraktes Signalsystem. Selbst dann, wenn ich keine Dialekt spreche: ich spreche meine Sprache. Jeder spricht die Sprache anders. Das kann man hören. Auch Schweigen kann man hören. Schweigen gehört zur Sprache. Höre ich jemand, versuche ich ihn zu verstehen, Höre ich nichts von ihm, versuche ich zu verstehen, warum ich nichts von ihm höre.

Ist von Sprache die Rede, kullern jede Menge Worthülsen in der Gegend rum. Man balanciert eine Weile mit ihnen und auf ihnen herum, kommt dann ins Rollen und ins Rutschen und verliert irgendwann den Halt. „Sprachverlust“ wird beklagt. Aha, hier wurde grosses Kaliber eingesetzt. Oder „Sprachverweigerung“. Das wäre sozusagen Handfeuerwaffe, eingesetzt im persönlichen Nahkampf. Bevor man Verlust und Verweigerung beklagt sollte man sich vielleicht etwas mehr Mühe machen hinzuhören und herauszuhören, was gesagt oder nicht gesagt wird. Ich höre jedenfalls heraus, dass in beiden Fällen die Rede von dem ist, was fehlt, was nicht da ist. Nicht uncharakteristisch für Sprache, sie benennt was, was nicht da ist. Aber etwas mehr Mühe, als mit den Worthülsen zu spielen, sollte man sich schon machen. Möglicherweise ist der Sprachverlust gar keiner, die Sprache hat sich nur geändert. Und die Verweigerung ist gar keine, sondern ich krieg neue Signale und Kommunikationsnetze nicht mit, die sich entwickelt haben.

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Mittwoch, 30. März 2011
Mittwoch, 30. März 2011
„Romantisch“ ist auch so ein Begriff (s. 29. 03. 11) von dem jeder glaubt ihn zu kennen.
Pustet die Kerzen ruhig wieder aus, die zur Feier des Begriffs entzündet wurden. Denn er hat was sehr Alltägliches, Nüchternes, ohne romantische Sichtweisen ist schlicht nicht auszukommen. Es lohnt sich also den Begriff aus seiner Versenkung zu holen.

„Romanhaft“-schildernd", so kann man am ehesten seine anfängliche Bedeutung vor Augen führen. Gefühls- und Wissensanleihen aufzunehmen über das hinaus, was ich als Person wissen und fühlen kann, um anderes und andere zu verstehen. Es bedeutet, mein Vorstellungsvermögen „anzuwerfen“. Besonders oft findet man derartige Anleihen derzeit im Wissenschaftsjournalismus. Da geht es besonders und abstrakt und unanschaulich her, also müssen die Anleihen besonders hoch sein.

Was passiert? Mit Hilfe der Anleihen, der Vorstellungen aus allen möglichen Bereichen - die Sprache bietet mir Bilder en masse dafür an - entsteht ein Gesamtbild.
So sehe ich mich schliesslich als Teil der Natur, glaube Angehöriger einer aussterbenden Spezies zu sein oder fühle mich als Weltbürger. So wird die Welt verständlich und bewohnbar. Nicht nur im Urlaub. Aber wenn ich fremde Ziele und Kulturen kennenlernen und entdecken will, dann steuert mich genau diese Vorstellung von der eigenen Zugehörigkeit und dem, was ich als fremd empfinde. Das Leben sei ein Abenteuer, der Weg das Ziel? Willkommen in der Welt der Romantik!

Hierzulande gibt es auch etwas, was man die negative Romantik nennen könnte. Nichts lohne die Mühe und die Reise. Alles, wirklich alles, ist verdorben, mies und kriminell. Gefühle seien immer und überall Illusion. Alle Menschen sind missgünstig, bestenfalls käuflich. Das nennt sich dann gern kritisch, ist aber eher misstrauisch und will sich auf keinen Fall dem Verdacht aussetzen, man gehe Gefühlen auf den Leim. Gefühle hegt man durchaus, nur eben negative. Nicht ein Deut weniger romantisch ist so einer. Sich die Welt schlecht zu machen, ist schliesslich auch eine Möglichkeit sich auszukennen.

Sind alle Menschen so? Auf der ganzen Welt? Aber nein! Ganz tief in unserem Innern, wo wir selbst nur ab und zu hinkommen, ruht sich unser Ich aus von grossen Taten und Feldzügen. Bei den vielen Festen und Feierlichkeiten ist der Catering-Service schon lang ausgewichen auf Wildschweinbraten. Und in der Ecke stapeln sich die Römerhelme, die wir auf unseren heroischen Desillousionierungsexpeditionen eingesammelt haben.

Wer dieses Netz aus Gefühlen, Vorstellungen und Sichtweisen, kennt, kann es mit nur einer Silbe, einem Wort, einem Fragezeichen zum Rauschen bringen. Braucht keine grossen Geschütze auffahren. Das Dauerbombardement aus blauen Lagunen, Palmen im Wind und fröhlichen Menschen, löst nur Kitsch- und Klischeealarm aus. Die ganze Vorstellung wird abgeblasen. Nein, das geht besser: Ein Teller mit einer Haxn, ein Weinglas, von der Kamera wie zufällig gestreift, ein beiläufiges Erwähnen, dass gutes Schuhwerk unerlässlich sei, schon schwingen ganze Gefühlswelten mit.

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Dienstag, 29. März 2011
Dienstag, 29. März 2011
Wenn Gutes, Wahres und Schönes auf einen Begriff gebracht ist, wie den der Werte (vgl. 27. 03. 2011), ihm sodann die Zähne gezogen sind, er uns nichts mehr kostet, auch keine Anstrengung, auch kein Missverständnis mehr, dann wandert die Wahrheit aus, zum Beispiel ins Kabarett, in die Überzeichnung, die Ironie den Sarkasmus und sonstwohin.

Zu den Auswanderungszielen gehört auch das Unangemessene, Unbekannte, alles, womit man Neuland betritt. Deswegen spannt Kuehnesmallworld seine Überlegungen, Bemerkungen, Betrachtungen auch bevorzugt zwischen „unvereinbaren Gegensätzen“ auf (Marketing hier, Wahrheit dort).

Das sind dann Provokationen, an denen sich Denken entzündet. Wir stellen Entscheidungssituationen überhaupt erst in unserem Kopf her, um uns als Subjekte frei zu fühlen, behaupten Neuro-Psychologen. Wir stellen Kontroversen, an denen sich Wahrheit üben lässt, nicht minder selbst her, behaupte ich mal. Auch die Sprache wird selbstredend eine andere. Statt monokultureller Worthülsen, entsteht sprachliche Artenvielfalt: Bilder tauchen überraschend aus dem Unterholz auf... .

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