Montag, 28. März 2011
Montag, 28. März 2011
„Werte“ wird gern gesagt, wenn Sicherheit gemeint ist. Die Sicherheit des Geltungsbereichs. Geltung wird hergestellt durch Herrschaft. Und die wird aufgerichtet durch Macht. Auch wenn sich daran nach einiger Zeit niemand mehr erinnert und die Herrschaft des Geltungsbereichs längst selbstverständlich geworden ist.

Wenn über die Zeit, in der Werte selbstverständlich waren, gesprochen wird, besser ihr nachgetrauert wird, wird der Zeit nachgetrauert, in der die Herrschaft nur bei Strafe in Frage gestellt werden konnte. Es geht nämlich gar nicht um die Werte, es geht um die Verbindlichkeit der Werte. Nicht mehr bestimmen zu können, was richtig ist, ist für diese Menschen so schmerzhaft, dass sogar ihr Gesichtsausdruck seinen herrischen Charakter verliert, die Züge werden weich und glätten sich, der Befehl weicht der Klage.

Aber schwinden sie denn wirklich? Hat sich nicht eher die zentrale Instanz aufgelöst, die sie verordnet? Sind die Werte nicht eher deligiert an die Vielen? Genau das ist der Fall und das ist ja der Graus. Jetzt, wo sich zeigen muss, ob es wirklich Werte sind oder nur verinnerlichte Anweisungen, wird lieber von Werteverlust gesprochen. Und zwar vor allem deshalb, weil nicht mit einer Stimme gesprochen wird. Bewiesen ist damit nichts, schon garnicht der Werteverlust. Im Gegenteil: Viele Menschen versuchen ihre Überzeugungen umsetzen, ob es mehr oder weniger sind wie dazumal, weiss ich nicht, aber sie werden im Gegensatz zu früher zumindest sichtbar. Werte kann es überhaupt nur geben, wenn die Ordnung nicht alles vorgibt.

Wer also verordneten Konsens meint, wenn er Werte sagt, der soll auch verordneten Konsenz sagen. Der soll auch sagen, dass er nicht einverstanden ist, dass so viele mitreden. Der soll auch sagen, dass der Irrtum bei ihm eine eher untergeordnete Rolle spielt. Der soll auch sagen, dass er andere lieber moralisch diskreditiert anstatt vom verordneten Konsenz abzurücken. Wir könnens nicht mehr hören, wenn wir das Wort „Werte“ nur noch mit dem Zusatz „Verlust“ hören.

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Sonntag, 27. März 2011
Sonntag, 27. März 2011
Entweder man bemüht sich um die Wahrheit oder verstummt. Muss sich zufrieden geben mit Standard-Einsichten im Kopf und Standard-Floskeln im Mund. Wahrheit dagegen ist eine individuell zu handhabende Waffe. Objektiv ist das Wahrheits-Material meinetwegen der Stahl, heutzutage wirds andere Materialien und Legierungen geben, Keramik zum Beispiel. Um beim Stahl zu bleiben: Auch Stahl wird gewonnen, den gibts nicht einfach so in der Natur. Dann wird er geformt, geschmiedet und gehärtet dem Verwendungszweck angepasst. Die objektive Wahrheit kennen wir nicht, wir kennen nur die Bestandteile, aus denen sie gemacht wird: Tatsachen, Ehrlichkeit, Zielstellungen um einige zu nennen. Und wir kennen ihre subjektive Ausformung, wenn sie zur Waffe wird, und zum Beispiel als Formulierung aus meinem Mund kommt. Und da verhält sich die Wahrheit zu den Standard-Einsichten, wie die Spezialklinge zum Besteck-Sortiment. Wichtigstes Kriterium für die Qualität ist der Verwendungszweck. Wahrheit wird nicht als „objektiver“ Vorrat auf die „hohe Kante“ gelegt, sondern existiert überhaupt nur in der Aktion, in der Bewegung. Wenn ich beurteilen will, was Wahrheit ist, muss ich auf jeden Fall zunächst die Frage klären, in welcher Absicht man sich mir oder anderen nähert (siehe 25. März: das Märchen vom Wolf). Die Lüge beginnt stets und immer in der Verschleierung der Absicht.

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Freitag, 25. März 2011
Freitag, 25. März 2011
Zurück zum Marketing und zur Sprache im Marketing (vgl. 10. März ff.), die ja in einem Punkt vergleichsweise ehrlich ist, meistens jedenfalls: Vom Marketing geht die Aktion aus, das Marketing klopft an, will was von uns. Auch wenn es unendlich viele Versuche gibt, so zu tun als sei das anders. Da wird ein Hype ohnegleichen organisiert, Trends losgetreten, Events ohne Ende werden drumherum gruppiert: das Produkt soll in aller Munde sein. Alle sollen das Produkt haben wollen. Der Anstoss geht aber allzu offensichtlich vom Marketing aus. Das ist auch deshalb so schwer verschleiern, weil es ja selbst seine Ziele der Umsatzsteigerung lauthals kundtut. Und so viele Möglichkeiten zum Mimikry-Theater hat der Wolf, der vor der Tür steht und es auf die sieben Geisslein abgesehen hat, auch nicht: Er kann Kreide auflegen, sein Wolfs-Outfit verstecken und partiell sein Fell, nämlich an der Pfote, die sich dem Kunden entgegenstreckt, einfärben. Man muss schon glauben wollen, dass es nicht der Wolf ist, sonst würde man ihn nie hineinlassen. Lässt man Angst und Moral an Grimms Märchen vom Wolf und den sieben Geisslein einmal beiseite, bleibt noch sein Angebot übrig. Schliesslich hat der Wolf noch garnicht seine Schmuckkollektion ausgebreitet oder die Speisekarten von Call-a-Pizza verteilt. Obwohl er sein Angebot also noch gar nicht gemacht hat, lassen sich die Wenigsten davon beruhigen. Zu zielgerichtet ist die Attacke aufs Portemonnaie, zu unüberhörbar das Klopfen an der Tür. Das Begehr um Eintritt, in nicht gewünschter Deutlichkeit, bietet in der Tat Anlass zu Kritik und Fragen, die nicht gestellt würden, stünde schiere Not oder unabweisbare Notwendigkeit vor der Tür.

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