Freitag, 27. September 2013
Freitag, 27. September 2013
Wenn Worte nicht mehr zählen

dann hat sich das, was sie bedeuteten abgekoppelt von dem, was sie sagen. Bis zum genauen Gegenteil kann das gehen. Bis zur offenen Lüge.

Dann ist die Lüge allseits akzeptierter Offiziell-Sprech geworden. Einfach schon dadurch, dass die zweite Ebene, die Bedeutung des Gesagten verschwiegen wird. Das ist die aktuelle Lage.
Alles, was sich davon ausnimmt, wird als Widerstand verstanden.

Die Sprache ist geglättet, die Sprecher haben Kreide geschluckt, die Presse ist zur PResse geworden. Man macht in Widerspruch, macht in Kritik, aber es fehlt der Biss. Man hat der Sprache die Zähne gezogen und wundert sich jetzt, warum man nur noch Brei kriegt.

Das Pochen auf die Bedeutung des Gesagten für x und y macht Sprache wahr. Das fehlende Pochen auf die Bedeutung des Gesagten macht die Sprache zur Lüge. Nach dem Beharren darauf, was das Gesagte für x und y faktisch und ganz praktisch bedeutet, sind die Positionen bezogen und die Auseinandersetzung kann beginnen. Was bedeutet Standpunkt A, was bedeutet Standpunkt B?

Aber wir haben ja schon alles Anstössige herausredigiert. Dadurch wird schliesslich die gesamte Wahrnehmung der Welt, dito ihre "Benutzeroberfläche", zur Lüge.

Hoffähig wird die Lüge durch PR-Kampagnen, die alles und jedes abdecken und vereinnahmen. So sind Entschuldigungen heute an der Tagesordnung. Auf dringenden Rat der PR-Berater. Die Öffentlichkeit wird besänftigt. Das Wort Entschuldigung wird zur Lüge. Denn Entschuldigung ist ein Prozess. Es bedarf des Annnehmens. Ist keiner da, der die Entschuldigung annimmt, weil sie sich anonym an die Vielen wendet, bleibt es bei der Demutsgeste. Das Wesentliche der Entschuldigung, die Haltung, die die Entschuldigung zur Entschuldigung macht, die sie annehmbar oder ablehnbar macht, fehlt. Das ist kein Streit um Worte, man kann auch andere Worte verwenden, es ist ein Streit um die Bedeutung des Wortes.

Das Wörterbuch des Unmenschen (Sternberger) enthält heute viele geglättete, harmlose Worte, Entschuldigung ist eines von ihnen.

Beteiligung der Industrie an einer neues Energiepolitk heisst "Energiewende". Aber warum nennt man es dann nicht so? Dann liesse sich streiten.

Ältere heissen Senioren oder Silverager. Man preist ihre Erfahrung und demonstriert, dass man diese nicht braucht. Aber je höher der Preis für Erfahrung getrieben wird, desto manifester ist die Geiz-ist-geil-Mentalität. Wieso reden wir nicht über die Gehälter? Aber wir haben ja eine Bundeskanzlerin, die jede Menge Meinung hat zum Mindestlohn und nicht weiss, dass Menschen seit 10 Jahren in Leiharbeit stecken.

Bildung wird ein Top-Thema genannt. In Wirklichkeit finanzieren Staat und Arbeitsverwaltung Bildung zu Billigtarifen, für die Bildungsarbeiter gibt es eine Mindestlohnregelung. Warum reden wir nicht darüber, welche Bildung gemeint ist? Welche bezahlt wird und welche nicht.

Kommt es dann zum Streit, werden Positionen bezogen, die bis dahin nicht offen zur Sprache kamen, wird dieser nicht als Auseinandersetzung erlebt, sondern als Verrat. Was es verräterisch macht, ist der vorweggenommene, unausgesprochene Konsens. Lüge steht am Anfang, Verrat steht am Ende.

Freund Franzikus zieht seiner Kirche gerade ein paar Korsettstangen ein, er spricht in einem Interview vom Wochenende von

- Armut, die Bescheidenheit ist
- Liebe die Zuwendung ist
- Engagement, das unüberhörbar ist

Damit hat er diesen Worten, die verschwunden sind in den Interpretationen der Kirche, ihre Bedeutung wiedergegeben. Einen Teil der Bedeutung wenigstes.

- Armut hiess ja bis dahin: Kirchliche Ettikette, vom schwarzen Golf bis zum Bischofspalast.
- Liebe war, Normenvollzug an Schwachen und Abweichlern als "wahre" Liebe.
- Engagement war Apell.

Schon ist die Versuchung da, aus den Worten des Franz eine PR-Kampagne für die Kirche zu machen statt die Armseligkeit dieser Geste, das Unzureichende der Bemühung, die Allgegenwart des Übertönt-Seins stehen zu lassen damit wenigstens einzelne Worte wieder sagen, was sie bedeuten. Entgegen des Ettikettenschwindels, der an der Tagesordnung ist.

"Ettikettenschwindel", was für ein Wort, unserer Wahrnehmung meilenweit voraus!
Der Zugang zum Wort führt nur über das eigene Erleben, das Eingestehen einer Wirklichkeit, die vom Gesagten abweicht.