Dienstag, 12. Februar 2013
Dienstag, 12. Februar 2013
Bildersturm - Sittenpolizei - Neusprech, das sind die Stationen von der Revolution zur Manipulation. Im calvinistischen Genf, im jakobinischen Frankreich, im kommunistischen Russland. Revolutionen sorgen für Umsturz gesellschaftlicher Verhältnisse, das Volk hat Macht bekommen, Macht, mit der es auch den neuen Herrschern gefährlich werden kann, also muss es beschäftigt werden, es braucht Aufgaben. Das Aufspüren noch übriger Residuen der alten Macht ist so eine Aufgabe. Die Ausrichtung aller Sitten und Gebräuche auf die neue Ordnung und Zielstellung ist eine andere. Die letzte Phase und die am leichtesten zu kontrollierende, ist der Neusprech. Gerade, wenn klar geworden ist, wie sehr die neue Machtbalance in ihrer Fragilität der alten Machtbalance ähnelt, wird an der scheinbaren Oberfläche poliert. Da braucht man ja nur Schilder und Ettiketten auswechseln.

Wir leben in der Zeit des Neusprechs. Gesellschaftlich hat sich viel getan, der Mittelstand bröselt, technologisch hat sich viel getan. Die Politik hat die grundsätzliche Gesundung der Lebens als Ziel entdeckt, um zu zeigen, dass sie noch gebraucht wird durch Abschaffen des Rauchens, Gesundheitsampeln auf Lebensmitteln u.v.a. Nach der Veränderung des Lebens kommen die Bücher, die Sprache kommt dran. Alles, was an das Alte erinnert, erscheint als Bedrohung des Neuen, muss rausretuschiert werden. Jim Knopf, das Negerkind, passt nicht mehr ins Bild von Michael Endes Kinderbuchklassiker „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Nach dem Bild verschwindet das Wort. Hier das Wort Neger. Es erinnert uns an unser rassistisches und böses Erbe.

George Orwell verdanken wir die Einsichten, was Neusprech und die neue Apokalypse 1984 betrifft. Der Sozialist Orwell hatte ein Bewusstsein für Revolution und die Veränderung durch diese. Deswegen hatte er auch ein besonderes Bewusstsein für Manipulation durch Sprache. Manipulation, die nicht Halt macht, wenn die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse wenigstens zum Teil hinter uns liegt. Gerade der Sozialist Orwell, der sich hinter überkommenem Traditionalismus weder verstecken konnte noch wollte, der Einsicht hatte in das Gemachte der neuen menschlichen Ordnung. Gerade er hatte einen Begriff von Freiheit, die auch eine Freiheit von der neuen Ordnung ist. Er ist Kronzeuge dafür, dass nach einer Veränderung der Verhältnisse sich nicht die alten Seilschaften unserer neuen Freiheiten bemächtigen müssen. Er ist auch Kronzeuge dafür, mit wieviel Misstrauen, die entstandenen demokratischeren, bürgerlicheren Gesellschaften einen wie ihn beäugen.