Montag, 4. Februar 2013
Montag, 4. Februar 2013
9malklug. 7gescheit. Der Volksmund zählt ab, wenn es um Grossspurigkeit und Rechthaberei geht. An 5 Fingern. Heute ist die Spurweite genormt, da empfiehlt es sich eher von medialer Vielspurigkeit zu sprechen. 8, 16 oder 64 Spuren und mehr sind gebräuchlich. Nach oben gibt es keine Grenze. Der Vielspurige kann alles allein. Ganze Orchester können eingespielt werden. Ganz verschiedene Sorten von Tönen und Raumklängen. Real und virtuell erzeugte, nahe und ferne. Der Vielspurige macht alles allein. Alles nach seinen Vorstellungen. Er redet bei der Flöte mit, der Geige, dem Bass und dem Schlagzeug sowieso. Eine Note von diesem, ein Anklang an jenes. Zur Studionahaufnahme wird die Publikumsresonanz vom Lifekonzert eingespielt. Und dann wird alles abgemischt bis zum absolut stimmigen Klangerlebnis. Wenns zu steril klingt: Kein Problem, nehmen wir noch eine spontane weniger perfekte Passage wegen der Echtheit und des Lifecharakters mit rein. Die arbeitslos gewordenen Kollegen werdens hören und als Anregung in ihre eigene Produktion aufnehmen. Wer glaubt, dass ich einen Typus karikieren will, der irrt. Ich will eine Technik karikieren, die den Alleinunterhalter prädestiniert. Den, der grossspurig ist, weil er sämtliche Spuren belegt. Und oben drauf gibts Bonusmaterial, in dem der Maestro sein eigenes Werk aus dem Fundus seiner umfassenden Theorie kritisiert. Soll keiner sagen, dass er das nicht auch kann.

Grossspurigkeit. Vielspurigkeit: Wenn mehr als eine Spur belegt wird, um sich Gehör und Geltung zu verschaffen. Für die andern gleich mit. Je grossspuriger einer daherkommt, je mehr Plätze er mit seiner Version belegt, desto seltener ist er da, wenn sein Einsatz gebraucht wird. Sein Tatbeitrag, sowieso schon fast unhörbar, schmilzt unter der Last der perfektionierten Möglichkeiten derart zusammen, bis er durch das umgekehrt gehaltene Fernrohr seiner kritischen Analyse kaum mehr erkennbar ist.

Ganz anders der 1xKluge und 1xGescheite, der alles durch seine eigenen zwei Augen sieht. Mal richtig, mal falsch. Die Sprache, wenn auch nicht die deutsche, hat ein Wort dafür: naiv. Mit den „Neumalklugen“ und „Siebengescheiten“ hat sie ja wirklich schon genug geleistet. Allerdings aus der Perspektive des kleinen Mannes, des tapferen Schneiderleins, der seine Fliegentöterei (7) auf dem heimischen Esstisch fröhlich zur Kraftmeierei hochrechnet, sich dann aber doch auf seine Leisten, seine Listen nämlich besinnt. Sein kleinbürgerlicher Blick nach schräg oben lässt sein Verhalten als Beschränktheit erscheinen, der er gerade noch durch seine List entkommt. In anderen Sprachen hat der Naive das nicht nötig, da darf er kindlich‘, ‚ursprünglich‘, ‚1fältig‘ bleiben.

Der 1xGescheite also verschickt und postet fröhlich seine Ansichtspostkarten aus aller Welt aus der Zentralperspektive seines Blickwinkels. Oder er malt sich die Welt nach erlebter Bedeutung gleich selbst naiv aus. Der Unterschied kann kaum grösser sein:
Der Naive geht 1fältig naiv von seiner und nur von seiner Anschauung aus, während der Neunmalkluge im Overkill seiner intellektuellen und technischen Vernichtungskapazität mindestend 9x untergeht. Die Scham, zu klein und unbedeutend zu sein, um als einziger Recht zu haben, obsiegt viel zu oft. Die Selbstverständlichkeit, nur eine Stimme zu haben, diese aber zu erheben, wird von der Angst getoppt, überstimmt zu werden. Dann schon lieber im Chor singen. Der ist wenigstens ein Verein. Bei alledem bleibt die Kunst, den eigenen Blickwinkel mit Weltläufigkeit zu verbinden auf der Strecke.

Hört man Sätze wie „ich konnte nicht anders“, „ich musste einfach“ aus unbescholtenem Munde, kann man darauf wetten, dass in einem global vernetzt und verschalteten Menschen ein naives Herz wohnt. Oft dieselben Menschen, die in völlig aussichtslosen Situationen andern eine Hand (1) gereicht haben. Nicht selten unter gänzlich falschen Voraussetzungen. Noch viel seltener wurde dann ein Baum für sie gepflanzt. Die brauchen kein Denkmal. Leben ist ihr Denkmal. Das märchenhaft hochgelobte „Herz“ ist als Begriff hier eher fehl am Platz, wie jeder Begriff hier fehl am Platz ist. Es ist ja auch nur Platzhalter. Für den Raum, die intellektuelle und technische Beherrschung dem Handeln lässt.