Dienstag, 22. Januar 2013
Dienstag, 22. Januar 2013
Der amerikanische Autor Jonathan Franzen (Korrekturen, Freiheit) lässt sich in der Samstagsausgabe der Welt, und zwar in der „Literarischen Welt“ doch tatsächlich aus über das Verhältnis zwischen Literatur und Ökonomie. Das Thema, bei dem dem deutschen Literaturkritiker eher der Griffel abbricht als das er etwas zustande bringt, was über die Gemeinplätze Kultur versus Kommerz hinausgeht. Ein Gemeinplatz ist ein Platz, auf dem sich möglichst viele treffen können, von dem man annimmt, dass dort alles mehr oder weniger widerspruchslos hingenommen wird. Anders gesagt: Man ist sich allgemeiner Empörung, Ablehnung oder Zustimmung sicher.

Ausgehend vom bekanntesten Protagonisten, dem Robinson-Autor Daniel Defoe, weist Franzen darauf hin, dass der Schriftsteller und auch der Journalist zunächst einen Anlass fürs Erzählen und Berichten schafft. So bspw. durch den Besuch einer Örtlichkeit, idealtypisch dafür ist die Insel, auf der (im Gegensatz zum alltäglichen Festland) das ganz andere, das Besondere lokalisiert ist. Somit ist Ökonomie im Spiel, mit der Frage nämlich, wer bezahlt die Reise? So also hört sich das an, wenn man Tacheles redet. Die Amerikaner nennen das „stunt jounalism“. Franzen geht dann noch weiter und deutet an, dass das Spannungsverhältnis zwischen Erzählanlass und sich entwickelnder (Roman-) Form
schliesslich auch Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Schriftsteller und Gesellschaft zeitigt. Im klassischen Robinson-Muster sieht das so aus: Hier Festland, da Insel.

Insel - Festland sind Gegensätze, aber keine ausschliesslichen, eher schon eine Laborsituation, eine zeitgebundene obendrein. „Stunt jounalism“, so also hört sich das an, wenn man keine Dichotomie, hie Geist - da Geld, zelebriert, sondern die Art der Beziehung definiert und Fakten nennt. Fakten, die sofort eines nach sich ziehen: Transparenz (Zahlen, Reisekosten). Transparenz, die dann die offene Diskussion um Einfluss und Meinung erst ermöglicht.
Währenddessen die epochale Schlacht um Geist und Geld eher der Verschleierung dient. Verschleierung, dass z.B. mit Mieteinnahmen die Verlagsbilanz aufgepeppt wird, dass Quoten- und Auflagenbringer das literarische Programm finanzieren, dass man beim Personalabbau meist keine Skrupel hat, auf die ökonomische Zwangslage zu verweisen.

Die Lust, mit der ich Marketing mache, wenn ich kommende Kunden und kommerzielle Beweggründe anspreche, ist für mich mein Beitrag zur Pulverisierung des Status quo, der Doppelmoral, die jeweils der Verschleierung auf dem Fusse folgt. Wovon wir leben, meistens schlechter als die Geistesgrössen, nämlich von Geld, Gold, Grund oder andern Pfründen, das ist noch lang kein Grund, nicht auch völlig anderen Beweggründen zu folgen, z.B. der Verlockung des Besonderen, des ganz Anderen. Was bei Bundestagsabgeordneten recht ist, ist bei andern, die an unsere Moral, Wahrheitsliebe, ehrliche Auseinandersetzung, meist auch an unseren Geldbeutel appellieren, billig. Es zu verschleiern aber nährt nur den Verdacht, man möge nicht zu so genau hingucken, das Bezahl- und Verdienstmodell nicht so detailliert durchschauen.
Doppelmoral heisst: Aufbau imposanter potemkinscher Argumentationsdörfer, hinter denen man dann sein Schäfchen ungestört ins Trockene bringen kann.