Montag, 2. April 2012
Montag, 2. April 2012
ALTer und NachhALTigkeit

Nein, ethymologisch sans (bairisch) nicht verwandt: ALTer und NachhALTigkeit. Aber drei Buchstaben und eine Sinnverwandtschaft haben sie im Deutschen schon gemein:

Die Lebensdauer von Produkt und Mensch. Ob die etwas geinsam haben? Sprachlich jedenfalls tun wir so. Sprachlich beeinflusst die eine Vorstellung die andere, sickert in diese ein. Und den Brüdern Grimm zufolge steckt in ALTER ja „Welt“, eine Welt.

Aber sollte tatsächlich in unserer Vorstellung vom ALTEN die Vorstellung vom VerALTEN stecken, eine Vorstellung, die wir sonst lieber Produkten vorbehalten, dann nämlich wenn wir von „Lebenszyklen“ sprechen? Sprechen wir doch wegen dieser Nähe zum alten Eisen (der Industriegesellschaft) auch lieber vom Senioren. Dieser rückt dadurch jedenfalls, wenn auch nicht als Produzent, dann doch als Konsument ökonomisch ins Visier von Designern. Die Einbeziehung von Senioren in den Gestaltungsprozess (siehe vorigen Beitrag) ist eines der Hauptschauplätze aktueller Design-Ansätze, die sich um Einbeziehung unseres Alltags kümmern. Zu unhandlich, zu unpraktisch und zu wenig bedürfnisgerecht sind viele Produkte, die ja nach anderen, jugendaffinen Gesichtspunkten gestaltet und gestylt wurden.

Gut möglich, dass Produkte und Dienstleistungen, die für Alte gemacht werden eines Tages auch von Ihnen gemacht werden. So wie heute Junge Produkte für Junge machen. Zumindest für eine junge Welt.

Was heisst das für die LebensALTER, wenn wir nachhaltig Produkte entwickeln um diese länger und vielfältiger zu nutzen? Es heisst nicht notwendigerweise, dass sich das Produzieren ändert, aber dass sich der Fokus ändert, auf den hin etwas entwickelt wird, das heisst es schon.

Eine Produktion, die dem Hype „jugendlich, fortschrittlich“ folgt aber zunehmend nachhaltige, langlebige Produkte produziert, wird sich Fragen stellen lassen müssen, weil sie Widersprüche produziert. Und schon ist sie futsch, unsere schöne neue Welt von morgen: Ruckzuck gehört glattes gesichtsloses Design der Vergangenheit an. Design bekommt Falten. Falten sind Gebrauchspuren einer Haut, die nicht nur trocken geworden ist, wie Kosmetiker unermüdlich betonen, sondern auch ihre Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat. Die Haut von Landarbeitern sieht anders aus, als die von Lehrern. Nicht nur der individuelle Altersprozess, sondern auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen hinterlassen ihre Spuren auf der Haut.

Kaum ist das verkraftet, stehen wir vor dem nächsten Widerspruch in Form von Naturkosmetik- und Lebensmittelregalen im Öko-Supermarkt. Die jugendliche glatte Haut liegt voll im Trend der Naturkosmetik, länger halten aber sollen sich unsere konservierungsstofflosen Lebens- und Kosmetikprodukte auch, deswegen fällt die Verpackung auch zunehmend solide aus. So solide, dass sie Alte kaum aufkriegen. Der ökologische Anspruch, nicht verderben zu lassen, kollidiert mit dem Anspruch, nicht aufwendig zu verpacken, schon gar nicht so aufwendig, dass ganze Gruppen vom Gebrauch ausgeschlosssen werden. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich ökologische Ansprüche mit der Zeit verändern können, ist dies auch, war es doch vor Jahren angesagt, Verpackungen einzudämmen und am besten gleich im Laden zu lassen. Nur: Biolebensmittel gab es damals kaum.

Alter ist heute eine zunehmend ausgeschlossene Lebensform. Übertüncht wird das, indem Alter zur „Luxusresidenz“ umettikettiert wird. Aber vielleicht wollen Alte ja gar nicht „residieren“ sondern produzieren, beteiligt sein. Wir retten uns in die Vorstellung vom Luxusalter, weil wir Alte nicht am Produktionsprozess beteiligen wollen. Dass zum Beispiel ALTersheime ALTEN das Arbeiten, wenn nicht untersagen, dann doch wenigstens verunmöglichen, steht auch in keinem Lehrbuch. Dabei könnte in diesen Lehrbüchern stehen, wie ALTE Maschinen bedienen und Dienstleistungen anbieten, statt von diesen „abgehängt“ und ausgeschlossen zu werden.

Wenn wir ALT und NachhALTigkeit auch in keinen ethymologisch sicheren Zusammenhang bringen können, eins ist klar: Eine nachhaltiger wirtschaftende Gesellschaft wird sich nicht leisten, Alte auf Halde zu legen.