Donnerstag, 19. Mai 2011
Donnerstag, 19. Mai 2011
Hinterhältig spät rückt das Leben bisweilen mit der Fremdheit heraus. Wiegt einem bis dahin in dem Glauben, man passe dahin und dazu. Angepasst wie der Schuh, der, läuft man eine Weile darin herum, dann doch nicht passen will. Hatte es zunächst den Anschein, dass er passt, wie angegossen sogar, bot dann aber doch keinen Spielraum für die Bewegung. Blut im Schuh. Schuhkundin Aschenputtel war meist mit groben, niederen Arbeiten beschäftigt, da braucht man grobes Schuhwerk, dass gerade ihr das Schuhchen vom italienischen Designer passte für die Gala, darauf wäre niemand gekommen. Es wäre ja auch niemand drauf gekommen, sie einzuladen für die Gala. Rat kam von den Vorfahren, vom Haselstrauch auf dem Grab ihrer toten leiblichen Mutter (der Haselbusch scheint sich als Auslöser von Allergien für das Übermitteln sensibler Botschaften besonders zu eignen). Die Toten haben einen Rat für die Nachkommen: Der Rat lautet: Der Schuh sucht sich seinen Träger. Normalerweise wird umgekehrt ein Schuh draus. Da muss man viele Schuhe anprobieren, bis einem einer passt. Vor allem, wenn die identitätsstiftende Kommunikation mit den Vorfahren unterbrochen wurde. Märchen haben es gern mit langen Zeiträumen zu tun. Auch in der zweiten und dritten Generation der Zuwanderer ist diese unvergessen. Du musst auch keinem ansehen, wie fremd er ist. Spät erst zeigen sich die Spätfolgen steter Anpassunganstrengung: Distanz.

Es sind Eisenbahnwege, die im Fall meiner rückgewanderten Grosseltern nachzufahren sind. Räume, europäische Räume sind zu durchmessen. Alles mit der Eisenbahn. Von Russland nach England, von England in die Schweiz und dann nach Deutschland. Keinen Rückhalt, kein engmaschiges Verwandtschaftsnetz im Kreuz. Der Fremdheit verdächtig. Am meisten Probleme mit dem Fremden hat die vorgebliche Heimat. Dort lässt man keinen Vertrauensbeweis, kein Signal der Wiedererkennung aus, um lebenslang alles Fremde aus sich auszutreiben. Und ist irritiert davon, sowenig Beweise und Anhaltspunkte in Händen zu halten, sei es für die Fremdheit, sei es fürs Bekannt-sein des Zugereisten. Allein das hält den Verdacht am Leben. Und der Fremde macht das Falsche: Er eliminiert das Exotische, Fremde aus seinem Leben, anstatt Einheimischen deren Fremdheit zu demonstrieren. Irgendwann wird er selbst die eigene Fremdheit nicht mehr fühlen. Nur die Füsse schmerzen.

Der Aus- und Rückwanderer durchmisst Räume. Ich muss die Eisenbahn nehmen, um in in meine Geschichte zu kommen. Die Erinnerungsorte liegen an der Strecke, sind Station. Muss zurück in die Antiquiertheit. Muss warten bis sich der Dampf verzieht. Das veranschaulicht die Distanzen und hat was Heilsames. Noch keine Oberleitung.