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Donnerstag, 31. Januar 2013
Donnerstag, 31. Januar 2013
kuehnesmallworld, 20:28h
Vernetzung. Suchroutinen: Als der Avantgardekünstler Marcel Duchamps (1887 - 1968) im Jahr 1912 für ca. 3 Monate auf Gegenbesuch von Paris nach München kam, um sich mit seinem Malerkollegen, dem sogenannten „Kuhmaler“ Max Bergmann (1884 -1955) zu vernetzen, begann eine der innovativsten Phasen der modernen Kunst. Bergmann war in Paris gewesen, wie viele Maler in Paris gewesen waren.
Seinen Motiven und seinem Stil aber blieb Bergmann treu: Ländliches Leben, Tiere, vor allem Rindviecher. Künstlerisch, so meint man, hatten sich die beiden wenig zu sagen.
Duchamps dagegen begann gerade in seiner Münchener Zeit mit neuen Formen, wie Installationen, zu experimentieren. Es gibt von ihm eine Studie, die durch die Fotographie inspiriert, eine Bewegung in ihre Einzelschritte zerlegt und darstellt (Akt eine Treppe herabsteigend). Der Aufenthalt in München ist für ihn Auseinandersetzung mit der Technik.
Was mich dazu bringt, über die formalen Daten eines gemeinsamen Ortes hinaus, eine Verbindung zwischen diesen total verschiedenen Künstlern zu sehen und sie aus meiner Warte zu vernetzen, ist das gemeinsame Moment der Bewegung. Wer Tiere malt, malt Bewegung. Die halten nicht still. Jedenfalls nicht auf dem Lande oder bei der Arbeit. Darstellung von Bewegung mit konservativen Stilmitteln bei Bergmann. Duchamps dagegen verliess die Malerei, er hing damals dem Kubismus an, wandte sich Installationen zu und wurde zum Vorreiter der Konzeptkunst. An dieser Stelle könnte man abtauchen in die Tiefen kunsttheoretischer Betrachtungen. Anderen Ebenen kommt dabei im Wesentlichen die Funktion von Hintergrund, Erläuterung und Illustration zu.
Bei meinen Vernetzungsbewegungen will ich aber zunächst bei einer oberflächlicheren Betrachtung bleiben, statt einer Ebene den Vorzug zu geben:
- Stilmittel
- Ort
- Zeit
wären die drei Hauptkriterien, die auf verschiedenen Ebenen spielen und mit deren Hilfe ich mich an Gemeinsamkeiten und Gegensätze der beiden Künstler heranpirsche.
Künstlerisch-subjektiv wäre die erste Ebene zu nennen, anschauliches Kartenmaterial liefert die zweite Ebene und für „objektive“ Rahmendaten ist vor allem die dritte, historische Ebene zuständig. Man kann sich eine Suchmaske oder Suchmaschine vorstellen, mit deren Hilfe die Berührungs- und Vernetzungspunkte ausgeworfen werden. Das einzugebende Datenmaterial bestände aus
- Adressen (Orte eingeben)
- Jahresdaten (Ereignisse, Zeittafeln eingeben)
- Charakteristika der Künstler (Stile eingeben).
Heraus käme Faktenhuberei, Datensammelei, beileibe nichts, was gerade diese Vernetzung begründete. Diese wäre nur durch Bewertung zu erkennen. Die Bewertung bringt die verschiedenen Gesichtspunkte miteinander in Verbindung:
- Persönliche Motive (Vorlieben, Attraktionen)
- Entwicklung der Kunst in Bayern und Frankreich
- Objekte, Motive (s.o.)
- Stil- und Ausdrucksmittel (s.o.)
Bei der Tour durch die verschiedenen Ebenen, beginne ich mit der naheliegensten: Gut möglich, dass sich die zwei Künstler am besten bei Sauftouren durch die Kneipenszene Münchens verstanden, wie sie sich schon bei ihren Eskapaden in Paris bestens verstanden hatten. Wie auch immer, die Gewichtung, die subjektive Einschätzung entscheidet in den Augen des Bewertenden darüber, was sich wo und wie verbindet und vernetzt.
In meiner subjektiven Betrachtung ist es das Moment der Bewegung. Und zwar einer Bewegung, die aus der Technik und der Zeit kam. Duchamps wohnte bei einem Ingenieur, liess sich von technischen Entwicklungen u.a. bei Siemens inspirieren. Zwischenmenschliche Vernetzung (1), Vernetzung von Kunst und Technik (2) sei als Zwischenstand schon mal notiert.
Bei meiner Tor durch die verschiedenen Ebenen ziehe ich sodann grössere Kreise. Ich registriere die Bewegung der (Vorkriegs-) Zeit, die Motorik der Maschinen, die Bewegung der Menschen bei der körperlichen Arbeit, die zunehmend ins Visier gerät, die Bewegung der Massen in der Grossstadt, das Sich-Bewegen zwischen Frankreich und Bayern mit der Eisenbahn, das Aufeinander-Zubewegen zweier Menschen unterschiedlicher, damals verfeindeter Nationalität.
Fündig wird bei seinen subjektiven Suchbewegungen nur, wer einen Begriff, eine Vorstellung, eine Idee von dem hat, wonach er sucht. Bewertungen sind genau dadurch charakterisiert, dass sie subjektiv sind. Was auch erklärt, dass internetgestütztes Suchen auf allgemeinverbindlichen Begriffen und Worten basiert, über die bereits eine grössere Übereinstimmung erzielt wurde. Dies wiederum minimiert die Gefahr, beim Suchen grössere Überraschungen zu erleben. Aber keine Sorge: Man kann nach derart vielen Worten und Begriffen suchen, dass immer etwas dabei herauskommt.
Vernetzen, so beende ich mal meine Betrachtung, ist die Fähigkeit, jenes strategische Moment aufzuspüren, von dem die Dynamik der Entwicklung ausgeht. Nur dann lasse ich der Zeit, vielleicht auch eine ganz andere zu sein, als die, in der ich glaube zu leben, ein Hintertürchen offen. Ein Hintertürchen, das eines Tages vielleicht einmal der Hauptzugang zum Verständnis „meiner“ Zeit wird. Sich nur in einer Ebene zu bewegen und nicht alle Sensorik-Kanäle auf Empfang zu schalten, birgt ein hohes Risiko: Nämlich sich derart in seinem Verständnis und seiner Sicht zu verrammeln, dass der Wind der Veränderung keine Chance hat durch die Ritzen zu dringen und eines Tages das ganze Haus zum Einsturz bringt.
Vielleicht war diese Dynamik die treibende Kraft der Vernetzung zwischen Duchamps und Bergmann: Sie verband etwas, für das es noch keinen Begriff gab.
(Die Betrachtung wurde ausgelöst von einer Ausstellung im Kunstbau/Lenbachhaus, München 2012, über den Aufenthalt Duchamps in München).
Seinen Motiven und seinem Stil aber blieb Bergmann treu: Ländliches Leben, Tiere, vor allem Rindviecher. Künstlerisch, so meint man, hatten sich die beiden wenig zu sagen.
Duchamps dagegen begann gerade in seiner Münchener Zeit mit neuen Formen, wie Installationen, zu experimentieren. Es gibt von ihm eine Studie, die durch die Fotographie inspiriert, eine Bewegung in ihre Einzelschritte zerlegt und darstellt (Akt eine Treppe herabsteigend). Der Aufenthalt in München ist für ihn Auseinandersetzung mit der Technik.
Was mich dazu bringt, über die formalen Daten eines gemeinsamen Ortes hinaus, eine Verbindung zwischen diesen total verschiedenen Künstlern zu sehen und sie aus meiner Warte zu vernetzen, ist das gemeinsame Moment der Bewegung. Wer Tiere malt, malt Bewegung. Die halten nicht still. Jedenfalls nicht auf dem Lande oder bei der Arbeit. Darstellung von Bewegung mit konservativen Stilmitteln bei Bergmann. Duchamps dagegen verliess die Malerei, er hing damals dem Kubismus an, wandte sich Installationen zu und wurde zum Vorreiter der Konzeptkunst. An dieser Stelle könnte man abtauchen in die Tiefen kunsttheoretischer Betrachtungen. Anderen Ebenen kommt dabei im Wesentlichen die Funktion von Hintergrund, Erläuterung und Illustration zu.
Bei meinen Vernetzungsbewegungen will ich aber zunächst bei einer oberflächlicheren Betrachtung bleiben, statt einer Ebene den Vorzug zu geben:
- Stilmittel
- Ort
- Zeit
wären die drei Hauptkriterien, die auf verschiedenen Ebenen spielen und mit deren Hilfe ich mich an Gemeinsamkeiten und Gegensätze der beiden Künstler heranpirsche.
Künstlerisch-subjektiv wäre die erste Ebene zu nennen, anschauliches Kartenmaterial liefert die zweite Ebene und für „objektive“ Rahmendaten ist vor allem die dritte, historische Ebene zuständig. Man kann sich eine Suchmaske oder Suchmaschine vorstellen, mit deren Hilfe die Berührungs- und Vernetzungspunkte ausgeworfen werden. Das einzugebende Datenmaterial bestände aus
- Adressen (Orte eingeben)
- Jahresdaten (Ereignisse, Zeittafeln eingeben)
- Charakteristika der Künstler (Stile eingeben).
Heraus käme Faktenhuberei, Datensammelei, beileibe nichts, was gerade diese Vernetzung begründete. Diese wäre nur durch Bewertung zu erkennen. Die Bewertung bringt die verschiedenen Gesichtspunkte miteinander in Verbindung:
- Persönliche Motive (Vorlieben, Attraktionen)
- Entwicklung der Kunst in Bayern und Frankreich
- Objekte, Motive (s.o.)
- Stil- und Ausdrucksmittel (s.o.)
Bei der Tour durch die verschiedenen Ebenen, beginne ich mit der naheliegensten: Gut möglich, dass sich die zwei Künstler am besten bei Sauftouren durch die Kneipenszene Münchens verstanden, wie sie sich schon bei ihren Eskapaden in Paris bestens verstanden hatten. Wie auch immer, die Gewichtung, die subjektive Einschätzung entscheidet in den Augen des Bewertenden darüber, was sich wo und wie verbindet und vernetzt.
In meiner subjektiven Betrachtung ist es das Moment der Bewegung. Und zwar einer Bewegung, die aus der Technik und der Zeit kam. Duchamps wohnte bei einem Ingenieur, liess sich von technischen Entwicklungen u.a. bei Siemens inspirieren. Zwischenmenschliche Vernetzung (1), Vernetzung von Kunst und Technik (2) sei als Zwischenstand schon mal notiert.
Bei meiner Tor durch die verschiedenen Ebenen ziehe ich sodann grössere Kreise. Ich registriere die Bewegung der (Vorkriegs-) Zeit, die Motorik der Maschinen, die Bewegung der Menschen bei der körperlichen Arbeit, die zunehmend ins Visier gerät, die Bewegung der Massen in der Grossstadt, das Sich-Bewegen zwischen Frankreich und Bayern mit der Eisenbahn, das Aufeinander-Zubewegen zweier Menschen unterschiedlicher, damals verfeindeter Nationalität.
Fündig wird bei seinen subjektiven Suchbewegungen nur, wer einen Begriff, eine Vorstellung, eine Idee von dem hat, wonach er sucht. Bewertungen sind genau dadurch charakterisiert, dass sie subjektiv sind. Was auch erklärt, dass internetgestütztes Suchen auf allgemeinverbindlichen Begriffen und Worten basiert, über die bereits eine grössere Übereinstimmung erzielt wurde. Dies wiederum minimiert die Gefahr, beim Suchen grössere Überraschungen zu erleben. Aber keine Sorge: Man kann nach derart vielen Worten und Begriffen suchen, dass immer etwas dabei herauskommt.
Vernetzen, so beende ich mal meine Betrachtung, ist die Fähigkeit, jenes strategische Moment aufzuspüren, von dem die Dynamik der Entwicklung ausgeht. Nur dann lasse ich der Zeit, vielleicht auch eine ganz andere zu sein, als die, in der ich glaube zu leben, ein Hintertürchen offen. Ein Hintertürchen, das eines Tages vielleicht einmal der Hauptzugang zum Verständnis „meiner“ Zeit wird. Sich nur in einer Ebene zu bewegen und nicht alle Sensorik-Kanäle auf Empfang zu schalten, birgt ein hohes Risiko: Nämlich sich derart in seinem Verständnis und seiner Sicht zu verrammeln, dass der Wind der Veränderung keine Chance hat durch die Ritzen zu dringen und eines Tages das ganze Haus zum Einsturz bringt.
Vielleicht war diese Dynamik die treibende Kraft der Vernetzung zwischen Duchamps und Bergmann: Sie verband etwas, für das es noch keinen Begriff gab.
(Die Betrachtung wurde ausgelöst von einer Ausstellung im Kunstbau/Lenbachhaus, München 2012, über den Aufenthalt Duchamps in München).
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Montag, 28. Januar 2013
Montag, 28. Januar 2013
kuehnesmallworld, 18:20h
Ausbeute vom Wochende: Dieter Bohlen spricht vom Geld. Wenn er singt, höre er den Zähler klackern: 100, 200, 300 €uro ... bei 8000 €uro (oder waren es 80.000?) sage er sich, jetzt reiche es. An Aussagen wie dieser, an denen das angeblich Schockierende nur schockiert vor dem Hintergrund der verlogenen Schamhaftigkeit, mit der wir die Blösse der Kunst bedecken, wenn sie es mit Geld zu tun bekommt.
Harald Schmidt dagegen sagt, ich glaube sogar in dergleichen Zeitung, ihm reiche, was er bekommt. Er gehe seit 18 Jahren zur Arbeit ins Studio und käme nach der Arbeit wieder raus. Das sei ok so. Er dürfte auch nicht schlecht verdienen, aber bei ihm liegt der Schwerpunkt der Aussage auf der Arbeit. Zum Thema Werbung sagt er: Er habe ja schon für alles geworben. da gehe nicht mehr viel. So weit, so gut. Wenn er dann aber zu verstehen gibt, seine Sendung spräche vor allem ältere Herren an, dann steckt da schon mehr Wahrheit drin, als man erwarten kann. Schmidt hat jetzt als sein Sendeghetto also beim Bezahlsender gefunden, nicht mehr für jeden zugänglich, dafür aber dann mit einer gewissen Klarheit, Wahrheit und Rücksichtslosigkeit verbunden, die angesichts einer grösseren Zielgruppe nicht mehr zu erwarten ist. Übrigens antwortet er auf die Frage, ob es ihm denn passe, wenn seine Sendung nur inklusive eines käuflich zu erwerbenden Filmpakets mit vermarktet werde, das sei ihm wurscht, das sei Sache des Vertriebs. Er hat es also hinter die Kulissen geschoben. Ins Bezahlghetto.
Ganze Welten werden inzwischen in Ghettos verschoben. Kommerzielle Verhältnisse, Vergangenheiten, Kunst und so manch anderes tauchen dann in einiger Entfernung als Nostalgie-Welten wieder auf. Schön abgekapselt, in sich geschlossen und stimmig. Statt wie Marcel Proust in einen Madeleine-Gebäck zu beissen, um mit dem Geschmack plötzlich seine ganze Kindheits- und Jugendzeit auf der Zunge und vor Augen zu haben, tun es auf gesellschaftlich-sozialer Ebene Erinnerungs-Versatzstücke, die ganze Welten auferstehen lassen. Kaum werden wir bspw. des Hinterteils der Vespa ansichtig, steigen in uns Nostalgiegefühle auf. Und unterlegt von zeitgemässem Schlagersound die sogenannten und vermeintlichen 50ger Jahre, aus denen alles entfernt wurde, was nicht in ein Bild passt, das überhaupt erst als Gegenbild zur Gegenwart entstanden ist. In unzähligen Sendungen und Bildern, aus denen die Armut herausretuschiert wurde, aus denen der flehentliche Wunsch herausretuschiert wurde, die Zeit möge sich doch bitte endlich, endlich auch für einen selbst zum besseren wenden, aus denen die Unterdrückung und das Zurückgesetzt sein herausretuschiert wurde samt des Wunsches sich eines Tages auch ein Auto leisten zu können. Was übrig bleibt. privat wie gesellschaftlich, ist die gute alte Zeit, die in sich ruht und ein nicht verwackeltes Bild ergibt, weil aus ihr die Zeit selbst entfernt wurde. Dies ist die Quelle unzähliger Nostagiewelten, die täglich aufs neue enstehen. Erinnerungsghettos, in denen wir vergessen können, dass wir auch heute immer noch nicht zufrieden sind.
Aber auch die Unzufriedenheit, wurde längst schon zum Ghetto, die kritische Haltung erstarrt zur Pose, die einen an die grossen Erwartungen zu erinnern hat, mit der man einmal gestartet ist. Ein Gedanke, der wehtut, einen unzufrieden zurücklässt und sich nicht konservieren lässt, ganz einfach, weil Schmerz nicht adaptiert.
Harald Schmidt dagegen sagt, ich glaube sogar in dergleichen Zeitung, ihm reiche, was er bekommt. Er gehe seit 18 Jahren zur Arbeit ins Studio und käme nach der Arbeit wieder raus. Das sei ok so. Er dürfte auch nicht schlecht verdienen, aber bei ihm liegt der Schwerpunkt der Aussage auf der Arbeit. Zum Thema Werbung sagt er: Er habe ja schon für alles geworben. da gehe nicht mehr viel. So weit, so gut. Wenn er dann aber zu verstehen gibt, seine Sendung spräche vor allem ältere Herren an, dann steckt da schon mehr Wahrheit drin, als man erwarten kann. Schmidt hat jetzt als sein Sendeghetto also beim Bezahlsender gefunden, nicht mehr für jeden zugänglich, dafür aber dann mit einer gewissen Klarheit, Wahrheit und Rücksichtslosigkeit verbunden, die angesichts einer grösseren Zielgruppe nicht mehr zu erwarten ist. Übrigens antwortet er auf die Frage, ob es ihm denn passe, wenn seine Sendung nur inklusive eines käuflich zu erwerbenden Filmpakets mit vermarktet werde, das sei ihm wurscht, das sei Sache des Vertriebs. Er hat es also hinter die Kulissen geschoben. Ins Bezahlghetto.
Ganze Welten werden inzwischen in Ghettos verschoben. Kommerzielle Verhältnisse, Vergangenheiten, Kunst und so manch anderes tauchen dann in einiger Entfernung als Nostalgie-Welten wieder auf. Schön abgekapselt, in sich geschlossen und stimmig. Statt wie Marcel Proust in einen Madeleine-Gebäck zu beissen, um mit dem Geschmack plötzlich seine ganze Kindheits- und Jugendzeit auf der Zunge und vor Augen zu haben, tun es auf gesellschaftlich-sozialer Ebene Erinnerungs-Versatzstücke, die ganze Welten auferstehen lassen. Kaum werden wir bspw. des Hinterteils der Vespa ansichtig, steigen in uns Nostalgiegefühle auf. Und unterlegt von zeitgemässem Schlagersound die sogenannten und vermeintlichen 50ger Jahre, aus denen alles entfernt wurde, was nicht in ein Bild passt, das überhaupt erst als Gegenbild zur Gegenwart entstanden ist. In unzähligen Sendungen und Bildern, aus denen die Armut herausretuschiert wurde, aus denen der flehentliche Wunsch herausretuschiert wurde, die Zeit möge sich doch bitte endlich, endlich auch für einen selbst zum besseren wenden, aus denen die Unterdrückung und das Zurückgesetzt sein herausretuschiert wurde samt des Wunsches sich eines Tages auch ein Auto leisten zu können. Was übrig bleibt. privat wie gesellschaftlich, ist die gute alte Zeit, die in sich ruht und ein nicht verwackeltes Bild ergibt, weil aus ihr die Zeit selbst entfernt wurde. Dies ist die Quelle unzähliger Nostagiewelten, die täglich aufs neue enstehen. Erinnerungsghettos, in denen wir vergessen können, dass wir auch heute immer noch nicht zufrieden sind.
Aber auch die Unzufriedenheit, wurde längst schon zum Ghetto, die kritische Haltung erstarrt zur Pose, die einen an die grossen Erwartungen zu erinnern hat, mit der man einmal gestartet ist. Ein Gedanke, der wehtut, einen unzufrieden zurücklässt und sich nicht konservieren lässt, ganz einfach, weil Schmerz nicht adaptiert.
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Freitag, 25. Januar 2013
Freitag, 25. Januar 2013
kuehnesmallworld, 10:35h
Zu selbstverständlich, als dass es einem noch auffällt: Das Wort. So sind meine diversen Suchbewegungen in den letzten Wochen und Monaten zusammenzuführen. Zu ausschliesslich ist der Blick auf die Digitalisierung gerichtet. Zu fasziniert sind wir von den Algorithmus-Geheimrezepten, die dadurch, dass man ein Geheimnis um sie macht, den wolkigen Nimbus noch anstacheln. Kümmern wir uns konkret um die Konditionen der Platzierung, lesen wir Sätze wie diesen: „Der Title Tag sollte einen Teil des vorhandenen Textes wiedergeben, aber nicht Wort für Wort. Wichtig ist die Beschränkung auf drei bis vier Suchbegriffe pro Title.“ Zitiert nach www.netzmarketing.ch, ein Projekt der CTEK GmbH. Oder wir lesen die durchaus nachvollziehbare Äusserung: „Die Inhalte einer Webseite, und das umfasst alle vom Autor direkt beeinflussbaren Aspekte wie etwa die URL, stellen nach wie vor die Grundlage der Suchverfahren da. Allerdings haben die Informationen aus den Off-Page-Faktoren meist einen höheren Einfluss auf die Sortierung. Innerhalb der On-Page-Faktoren spielt der Inhalt des title-Tags die wichtigste Rolle. Wörter, die im title einer Seite vorkommen, bewerten alle Suchmaschinen sehr hoch. Daneben ist auch der Inhalt der HTML-Überschriften wie h1 oder h2 noch zu erwähnen; alle weiteren Stellen (Metatags, ALT-Attribut, etc.) im HTML-Code sind dagegen eher zu vernachlässigen und bringen kaum mehr Ranking-Punkte als ein Vorkommen im normalen sichtbaren Text einer Seite.“ Zitiert nach www.suchmaschinentricks.de/ranking/grundlagen, eine Website der Gipfelstolz GmbH, Passau. Natürlich haben wir den Alchimisten der Geheimrezepte damit noch nicht in den Kochtopf insbesondere der Verlinkung geschaut, in dem sie Ihre Mischungen und Mixturen zusammenrühren.
Trotzdem: Basis unseres Suchens und Findens in Netz und Suchmaschine sind Worte, Worte, abgebildet im Binärcode (siehe 10. Januar 2013). Das erklärt, warum zunehmend die Aufmerksamkeit wieder dem Wort, der Sprache, zugute kommt. Es gilt das zutreffende Suchwort zu finden, um Content-Monokulturen, Textwüsten und Wortwolken zu durchforsten. Er gilt das richtige Stichwort zu finden, um seine Lieblingssendung in der Mediathek zu finden. Es gilt, sich das richtige Wort für die Domain-Adresse sichern zu lassen. Worte, die Geld kosten, die gekauft und gehortet werden. Es führt kein Weg daran vorbei, sich des Wortes zu bedienen. Das befördert eine neue Fokussierung auf das Wort durch die permanente Notwendigkeit des Suchens. Auch werden damit die alten Grenzen, wie die zur „Hochkultur“ und den Hohepriestern des Wortes in Frage gestellt. Was immer man an den Worten im Einzelnen auszusetzen hat, es sind Worte.
Die digitale Verfügbarkeit des Wortes kratzt nicht nur an alten Autoritäten, sondern „autorisiert“ neue Mitspieler, die nicht unbedingt mehr einen weihevollen Ton anschlagen und Zugänglichkeit mit Verhunzung geschickt verbinden. 4you und das von mir favorisierte Bre4 sind solche Verhunzungen. Ihr Sinn erschliesst sich nur, wenn der Leser weiss, dass die Zahl 4 four auf Englisch und vier auf Deutsch heisst. Der Leser schaltet dabei hin und her zwischen Ziffer und Wort, zwischen verschiedenen Bedeutungsebenen und verschiedenen Sprachen auch. Per Transformierung und „downsizing“ kommt das Wort in den Mund und per „download“ in die Kultur. Eine Kultur, die basierend auch auf Religion, nicht von ungefähr „Schriftkultur“ und „Buchreligion“ gehiessen werden und schon vieles gesehen und gehört haben, was sie nicht umgebracht, nur verändert, hat.
Die neue Aufmerksamkeit für das Wort perforiert auch die Grenze zur anderen Seite, der zur Massenkultur und Unterprivilegierung hin. Hat man vor Jahren noch geglaubt, die Bildsprache ersetze die Schriftsprache, so ist heute ein Durcheinander und Nebeneinander von Schrift und Bild zu beobachten. Man stiert in die Bilderwelt des Smartphones und tippt sich die Finger wund. Ob tweets, messages oder mails, hier wird geschrieben. Der Alphabetisierung wird nicht mehr verschämt, sondern offen plakatiert das Wort geredet. Der Altmeister einer Alphabetisierung mit politisch-sozialem Anspruch, Paolo Freire, hat auch in der digitalen Gegenwart ein Auditorium. Die „Pädagogik der Unterdrückten“, für die er fast ausschliesslich bekannt ist, wandert ein in die technisierten Räume unserer Gesellschaft und wird zu einer „Pädagogik der Kommunikation“, die auch das Wort Alphabetisierung neu buchstabiert.:
„Freires Pädagogik ist eine Pädagogik der Kommunikation, denn durch die Kommunikation erfolgt eine Reflexion und damit Bewusstseinsbildung. Durch diese Bewusstseinsbildung ist es dem Menschen möglich, Autonomie zu erlangen. Die Aktualität dieser Konzepte zeigt sich schon durch neue Kommunikations-und Informationsmöglichkeiten, die den Menschen vor neue Herausforderungen stellen. So kann Freires Pädagogik wichtige Impulse liefern für die Medienpädagogik.“ (Michael Schwinger: Du kannst sogar Fotograf sein! Medienpädagogische Arbeit mit brasilianischen Straßenkindern. Frankfurt 2005).
Die Pädagogik der Unterdrückten hat Worte als Werkzeuge der Unterdrückung auf den Stundenplan gesetzt, die Pädagogik der Kommunikation setzt Worte als Werkzeuge der Verdummung und fehlender Reflexion auf die Agenda. Auf dieser steht dann bei uns nicht mehr allein die Alphabetisierung für MigrantInnen, sondern die Alphabetisierung der Teilnehmer an der digitalen Wirklichkeit und ihre Aufklärung über die informationelle Selbstbestimmung und Bürgerrecht.
„Es gibt kein wirkliches Wort, das nicht gleichzeitig Praxis wäre. Ein wirkliches Wort sagen heißt daher, die Welt verändern." (Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei Hamburg, 1984, S. 71 zit. nach http://www.pfz.at, dem Paolo Freire Zentrum Österreich. Diese, unsere Worte der Praxis heute, sind zu finden. Das Publikum dafür ist anders zusammengesetzt, als das, welches frühere Alphabetisierungen besucht hat. Einerseits kritischen Blicks, aber doch machtlos, wenn es darum geht, die Worthülsen der Verdummung und Verödung auseinanderzunehmen. Davor schützt auch kein MBA. Die „Schlüsselwortmethode“ nach Paolo Freire, die Wahl von Worten mit hoher Bedeutung für unsere Lebenswelt, für unser Selbstwertgefühl, ist beiden Alphabetisierungen gemeinsam. (vgl. Svenja Opitz: Alphabetisierung nach Paulo Freire: Die Schlüsselwortmethode; Veröffentlichung Universität Leipzig, Herder Projekt). Apercu am Rande: Vorrang hat in beiden Fällen die ganzheitliche Methode des „Lesenlernens“ durch das ganze Wort, den Satz, die Aussage. Die Worte selbst sind allerdings sind oft andere. Einige Beispiele:
Die „Schlecker-Frau“ (17. Januar 2013) ist so ein Wort. Ein Wort in aller Munde, ein ambivalentes Wort, aber doch ein Wort, das Betroffenen einen Namen gibt. In „Schlecker-Frau steckt die Lebenswirklichkeit vieler Frauen, stecken die ihnen vorenthaltenen Aufstiegs und Bildungschancen, steckt die Arroganz der Arbeitsverwaltung. Das alles steckt in „Schlecker-Frau“, wenn sie sich der Wort-Hülse entledigt und anschaulich wird.
Ein neues Schlüsselwort ist „Lebensleistungsrente“. Ein Zusatz erst einmal nur. Ein Zusatz zu „Rente“. Das Wort reicht nicht mehr, weil die Rente nicht reicht. Erklärungen, wortreiche und überflüssige zumal, wecken unser Misstrauen. Die Rente war der Inbegriff der Lebensleistung. Ein in der Sprache seit Jahrhunderten verwurzeltes Wort. Muss es ergänzt, verändert und neu zusammengesetzt werden, liegt der Verdacht nah, dass sich mehr ändert als das Wort. Auch der Verdacht ist zunächst nicht bewusst. Was man merkt, ist, dass man bei dem Wort ein „komisches Gefühl“ hat, ein Gefühl mehr verabreicht zu bekommen und weniger zu erhalten, ein Gefühl, als erhalte man ein Ersatzpräparat.
„Hartz“, ein Wort in aller Munde, hat das Wort „Sozialhilfe“ abgelöst, und wurde so gebräuchlich dass es bereits zum Tu-Wort wurde, „hartzen“. Eine Lebensweise ist draus geworden. Etwas Persönliches. Etwas, das den Namen eines Menschen trägt. Etwas zum Identifizieren. Das erinnert an Fussballstadien, Plätze, Schiffe, Tagungszentren, die den Namen eines Menschen tragen. Aus Verehrung, Erinnerung oder auch des Sponsoring wegen. Warum „hartzen“ wir, warum „riestern“ wir? An was erinnern wir uns, damit wir uns nicht erinnern müssen? Wir wissen nur zu gut: Von Zeit zu Zeit wird umbenannt.
Den „Asylanten“ hatte ich früher schon mal in der Mangel. Auch ein Schlüsselwort, aber nicht mehr brandaktuell. Energisch wurde im öffentlichen Sprachgebrauch ein anderes Wort durchgesetzt: Menschen mit „Migrationshintergrund“. Migrant hätte näher gelegen aber lautmalerisch zu sehr an Asylant erinnert. Und an Simulant. Oder an Praktikant. Mit dieser Endung haben wir keine gute Erfahrung. Sie entpersonalisiert. Endungen für Menschen enden meist geschlechtsspezifisch. Sie lauten z.B. auf „e“, „in“, „er“ „innen“. Da kommt es auf jeden Buchstaben an, „...ant“ wirkt entpersönlicht und damit negativ.
Das sind nur einige Beispiele, an denen wir unsere Lebenswirklichkeit durchbuchstabieren können. Entgegen oberflächlichen Bedeutungszuschreibungen, wie sie auch in der Politik gang und gäbe sind. Auf denen Politik nur allzugerne surft, wie den „Peacekeeper“ - Raketen von einst oder der „Lebensleistungsrente“ von heute. Für das Auseinandernehmen der Sprache in ihre Bestandteile (Gebrauch, Gefühl, Wortbedeutung, Wortschöpfung) empfiehlt sich das Wort „Dekonstruktion“, ein Wort aus der Begriffswelt der Technik und des Konstruierens. Und ein Wort auch aus der Philosophie, der Philosophie Jacques Derridas (1930 - 2004), dessen Philosophie oft am einzelnen Wort ansetzt und es fragwürdig macht. Hierzulande aber wird zuerst die Systemfrage gestellt, mit der Folge der Kapitulation vor demselben. Wer dagegen am Wort ansetzt, spricht ein Gegenüber an.
Auch hier wird mit Hilfe des Wortes eine Grenze überschritten, und zwar die zwischen Philosophie und Technik. Statt „Konstruktion“ läge uns im Grunde das Wort „Rekonstruktion“ näher. Es wirkt auch philosophischer, ihm läge aber die Vorstellung einer ursprünglichen Wortbedeutung zu Grunde. Die aber ändert sich mit der Zeit. Und genau diese Erkenntnis mobilisiert Gegenwehr gegen Verdummung und Manipulation.
Von verschiedenen Seiten landen wir beim Wort. Von der Seite der digitalen Entwicklung, von der Veränderung der Lebenswelt, von der Veränderung der Sprache her.
Wir landen beim Wort, weil uns buchstäblich die Verramschung und Verhunzung des Wortes in der Werbung, der Poltik und andernorts zum Halse heraushängt. Mit dem Wort ist ein Instrument zur Hand, Bedeutung und Sinn abzugleichen.
Trotzdem: Basis unseres Suchens und Findens in Netz und Suchmaschine sind Worte, Worte, abgebildet im Binärcode (siehe 10. Januar 2013). Das erklärt, warum zunehmend die Aufmerksamkeit wieder dem Wort, der Sprache, zugute kommt. Es gilt das zutreffende Suchwort zu finden, um Content-Monokulturen, Textwüsten und Wortwolken zu durchforsten. Er gilt das richtige Stichwort zu finden, um seine Lieblingssendung in der Mediathek zu finden. Es gilt, sich das richtige Wort für die Domain-Adresse sichern zu lassen. Worte, die Geld kosten, die gekauft und gehortet werden. Es führt kein Weg daran vorbei, sich des Wortes zu bedienen. Das befördert eine neue Fokussierung auf das Wort durch die permanente Notwendigkeit des Suchens. Auch werden damit die alten Grenzen, wie die zur „Hochkultur“ und den Hohepriestern des Wortes in Frage gestellt. Was immer man an den Worten im Einzelnen auszusetzen hat, es sind Worte.
Die digitale Verfügbarkeit des Wortes kratzt nicht nur an alten Autoritäten, sondern „autorisiert“ neue Mitspieler, die nicht unbedingt mehr einen weihevollen Ton anschlagen und Zugänglichkeit mit Verhunzung geschickt verbinden. 4you und das von mir favorisierte Bre4 sind solche Verhunzungen. Ihr Sinn erschliesst sich nur, wenn der Leser weiss, dass die Zahl 4 four auf Englisch und vier auf Deutsch heisst. Der Leser schaltet dabei hin und her zwischen Ziffer und Wort, zwischen verschiedenen Bedeutungsebenen und verschiedenen Sprachen auch. Per Transformierung und „downsizing“ kommt das Wort in den Mund und per „download“ in die Kultur. Eine Kultur, die basierend auch auf Religion, nicht von ungefähr „Schriftkultur“ und „Buchreligion“ gehiessen werden und schon vieles gesehen und gehört haben, was sie nicht umgebracht, nur verändert, hat.
Die neue Aufmerksamkeit für das Wort perforiert auch die Grenze zur anderen Seite, der zur Massenkultur und Unterprivilegierung hin. Hat man vor Jahren noch geglaubt, die Bildsprache ersetze die Schriftsprache, so ist heute ein Durcheinander und Nebeneinander von Schrift und Bild zu beobachten. Man stiert in die Bilderwelt des Smartphones und tippt sich die Finger wund. Ob tweets, messages oder mails, hier wird geschrieben. Der Alphabetisierung wird nicht mehr verschämt, sondern offen plakatiert das Wort geredet. Der Altmeister einer Alphabetisierung mit politisch-sozialem Anspruch, Paolo Freire, hat auch in der digitalen Gegenwart ein Auditorium. Die „Pädagogik der Unterdrückten“, für die er fast ausschliesslich bekannt ist, wandert ein in die technisierten Räume unserer Gesellschaft und wird zu einer „Pädagogik der Kommunikation“, die auch das Wort Alphabetisierung neu buchstabiert.:
„Freires Pädagogik ist eine Pädagogik der Kommunikation, denn durch die Kommunikation erfolgt eine Reflexion und damit Bewusstseinsbildung. Durch diese Bewusstseinsbildung ist es dem Menschen möglich, Autonomie zu erlangen. Die Aktualität dieser Konzepte zeigt sich schon durch neue Kommunikations-und Informationsmöglichkeiten, die den Menschen vor neue Herausforderungen stellen. So kann Freires Pädagogik wichtige Impulse liefern für die Medienpädagogik.“ (Michael Schwinger: Du kannst sogar Fotograf sein! Medienpädagogische Arbeit mit brasilianischen Straßenkindern. Frankfurt 2005).
Die Pädagogik der Unterdrückten hat Worte als Werkzeuge der Unterdrückung auf den Stundenplan gesetzt, die Pädagogik der Kommunikation setzt Worte als Werkzeuge der Verdummung und fehlender Reflexion auf die Agenda. Auf dieser steht dann bei uns nicht mehr allein die Alphabetisierung für MigrantInnen, sondern die Alphabetisierung der Teilnehmer an der digitalen Wirklichkeit und ihre Aufklärung über die informationelle Selbstbestimmung und Bürgerrecht.
„Es gibt kein wirkliches Wort, das nicht gleichzeitig Praxis wäre. Ein wirkliches Wort sagen heißt daher, die Welt verändern." (Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei Hamburg, 1984, S. 71 zit. nach http://www.pfz.at, dem Paolo Freire Zentrum Österreich. Diese, unsere Worte der Praxis heute, sind zu finden. Das Publikum dafür ist anders zusammengesetzt, als das, welches frühere Alphabetisierungen besucht hat. Einerseits kritischen Blicks, aber doch machtlos, wenn es darum geht, die Worthülsen der Verdummung und Verödung auseinanderzunehmen. Davor schützt auch kein MBA. Die „Schlüsselwortmethode“ nach Paolo Freire, die Wahl von Worten mit hoher Bedeutung für unsere Lebenswelt, für unser Selbstwertgefühl, ist beiden Alphabetisierungen gemeinsam. (vgl. Svenja Opitz: Alphabetisierung nach Paulo Freire: Die Schlüsselwortmethode; Veröffentlichung Universität Leipzig, Herder Projekt). Apercu am Rande: Vorrang hat in beiden Fällen die ganzheitliche Methode des „Lesenlernens“ durch das ganze Wort, den Satz, die Aussage. Die Worte selbst sind allerdings sind oft andere. Einige Beispiele:
Die „Schlecker-Frau“ (17. Januar 2013) ist so ein Wort. Ein Wort in aller Munde, ein ambivalentes Wort, aber doch ein Wort, das Betroffenen einen Namen gibt. In „Schlecker-Frau steckt die Lebenswirklichkeit vieler Frauen, stecken die ihnen vorenthaltenen Aufstiegs und Bildungschancen, steckt die Arroganz der Arbeitsverwaltung. Das alles steckt in „Schlecker-Frau“, wenn sie sich der Wort-Hülse entledigt und anschaulich wird.
Ein neues Schlüsselwort ist „Lebensleistungsrente“. Ein Zusatz erst einmal nur. Ein Zusatz zu „Rente“. Das Wort reicht nicht mehr, weil die Rente nicht reicht. Erklärungen, wortreiche und überflüssige zumal, wecken unser Misstrauen. Die Rente war der Inbegriff der Lebensleistung. Ein in der Sprache seit Jahrhunderten verwurzeltes Wort. Muss es ergänzt, verändert und neu zusammengesetzt werden, liegt der Verdacht nah, dass sich mehr ändert als das Wort. Auch der Verdacht ist zunächst nicht bewusst. Was man merkt, ist, dass man bei dem Wort ein „komisches Gefühl“ hat, ein Gefühl mehr verabreicht zu bekommen und weniger zu erhalten, ein Gefühl, als erhalte man ein Ersatzpräparat.
„Hartz“, ein Wort in aller Munde, hat das Wort „Sozialhilfe“ abgelöst, und wurde so gebräuchlich dass es bereits zum Tu-Wort wurde, „hartzen“. Eine Lebensweise ist draus geworden. Etwas Persönliches. Etwas, das den Namen eines Menschen trägt. Etwas zum Identifizieren. Das erinnert an Fussballstadien, Plätze, Schiffe, Tagungszentren, die den Namen eines Menschen tragen. Aus Verehrung, Erinnerung oder auch des Sponsoring wegen. Warum „hartzen“ wir, warum „riestern“ wir? An was erinnern wir uns, damit wir uns nicht erinnern müssen? Wir wissen nur zu gut: Von Zeit zu Zeit wird umbenannt.
Den „Asylanten“ hatte ich früher schon mal in der Mangel. Auch ein Schlüsselwort, aber nicht mehr brandaktuell. Energisch wurde im öffentlichen Sprachgebrauch ein anderes Wort durchgesetzt: Menschen mit „Migrationshintergrund“. Migrant hätte näher gelegen aber lautmalerisch zu sehr an Asylant erinnert. Und an Simulant. Oder an Praktikant. Mit dieser Endung haben wir keine gute Erfahrung. Sie entpersonalisiert. Endungen für Menschen enden meist geschlechtsspezifisch. Sie lauten z.B. auf „e“, „in“, „er“ „innen“. Da kommt es auf jeden Buchstaben an, „...ant“ wirkt entpersönlicht und damit negativ.
Das sind nur einige Beispiele, an denen wir unsere Lebenswirklichkeit durchbuchstabieren können. Entgegen oberflächlichen Bedeutungszuschreibungen, wie sie auch in der Politik gang und gäbe sind. Auf denen Politik nur allzugerne surft, wie den „Peacekeeper“ - Raketen von einst oder der „Lebensleistungsrente“ von heute. Für das Auseinandernehmen der Sprache in ihre Bestandteile (Gebrauch, Gefühl, Wortbedeutung, Wortschöpfung) empfiehlt sich das Wort „Dekonstruktion“, ein Wort aus der Begriffswelt der Technik und des Konstruierens. Und ein Wort auch aus der Philosophie, der Philosophie Jacques Derridas (1930 - 2004), dessen Philosophie oft am einzelnen Wort ansetzt und es fragwürdig macht. Hierzulande aber wird zuerst die Systemfrage gestellt, mit der Folge der Kapitulation vor demselben. Wer dagegen am Wort ansetzt, spricht ein Gegenüber an.
Auch hier wird mit Hilfe des Wortes eine Grenze überschritten, und zwar die zwischen Philosophie und Technik. Statt „Konstruktion“ läge uns im Grunde das Wort „Rekonstruktion“ näher. Es wirkt auch philosophischer, ihm läge aber die Vorstellung einer ursprünglichen Wortbedeutung zu Grunde. Die aber ändert sich mit der Zeit. Und genau diese Erkenntnis mobilisiert Gegenwehr gegen Verdummung und Manipulation.
Von verschiedenen Seiten landen wir beim Wort. Von der Seite der digitalen Entwicklung, von der Veränderung der Lebenswelt, von der Veränderung der Sprache her.
Wir landen beim Wort, weil uns buchstäblich die Verramschung und Verhunzung des Wortes in der Werbung, der Poltik und andernorts zum Halse heraushängt. Mit dem Wort ist ein Instrument zur Hand, Bedeutung und Sinn abzugleichen.
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