Donnerstag, 31. Januar 2013
Donnerstag, 31. Januar 2013
Vernetzung. Suchroutinen: Als der Avantgardekünstler Marcel Duchamps (1887 - 1968) im Jahr 1912 für ca. 3 Monate auf Gegenbesuch von Paris nach München kam, um sich mit seinem Malerkollegen, dem sogenannten „Kuhmaler“ Max Bergmann (1884 -1955) zu vernetzen, begann eine der innovativsten Phasen der modernen Kunst. Bergmann war in Paris gewesen, wie viele Maler in Paris gewesen waren.

Seinen Motiven und seinem Stil aber blieb Bergmann treu: Ländliches Leben, Tiere, vor allem Rindviecher. Künstlerisch, so meint man, hatten sich die beiden wenig zu sagen.

Duchamps dagegen begann gerade in seiner Münchener Zeit mit neuen Formen, wie Installationen, zu experimentieren. Es gibt von ihm eine Studie, die durch die Fotographie inspiriert, eine Bewegung in ihre Einzelschritte zerlegt und darstellt (Akt eine Treppe herabsteigend). Der Aufenthalt in München ist für ihn Auseinandersetzung mit der Technik.

Was mich dazu bringt, über die formalen Daten eines gemeinsamen Ortes hinaus, eine Verbindung zwischen diesen total verschiedenen Künstlern zu sehen und sie aus meiner Warte zu vernetzen, ist das gemeinsame Moment der Bewegung. Wer Tiere malt, malt Bewegung. Die halten nicht still. Jedenfalls nicht auf dem Lande oder bei der Arbeit. Darstellung von Bewegung mit konservativen Stilmitteln bei Bergmann. Duchamps dagegen verliess die Malerei, er hing damals dem Kubismus an, wandte sich Installationen zu und wurde zum Vorreiter der Konzeptkunst. An dieser Stelle könnte man abtauchen in die Tiefen kunsttheoretischer Betrachtungen. Anderen Ebenen kommt dabei im Wesentlichen die Funktion von Hintergrund, Erläuterung und Illustration zu.

Bei meinen Vernetzungsbewegungen will ich aber zunächst bei einer oberflächlicheren Betrachtung bleiben, statt einer Ebene den Vorzug zu geben:

- Stilmittel
- Ort
- Zeit
wären die drei Hauptkriterien, die auf verschiedenen Ebenen spielen und mit deren Hilfe ich mich an Gemeinsamkeiten und Gegensätze der beiden Künstler heranpirsche.

Künstlerisch-subjektiv wäre die erste Ebene zu nennen, anschauliches Kartenmaterial liefert die zweite Ebene und für „objektive“ Rahmendaten ist vor allem die dritte, historische Ebene zuständig. Man kann sich eine Suchmaske oder Suchmaschine vorstellen, mit deren Hilfe die Berührungs- und Vernetzungspunkte ausgeworfen werden. Das einzugebende Datenmaterial bestände aus

- Adressen (Orte eingeben)
- Jahresdaten (Ereignisse, Zeittafeln eingeben)
- Charakteristika der Künstler (Stile eingeben).

Heraus käme Faktenhuberei, Datensammelei, beileibe nichts, was gerade diese Vernetzung begründete. Diese wäre nur durch Bewertung zu erkennen. Die Bewertung bringt die verschiedenen Gesichtspunkte miteinander in Verbindung:

- Persönliche Motive (Vorlieben, Attraktionen)
- Entwicklung der Kunst in Bayern und Frankreich
- Objekte, Motive (s.o.)
- Stil- und Ausdrucksmittel (s.o.)

Bei der Tour durch die verschiedenen Ebenen, beginne ich mit der naheliegensten: Gut möglich, dass sich die zwei Künstler am besten bei Sauftouren durch die Kneipenszene Münchens verstanden, wie sie sich schon bei ihren Eskapaden in Paris bestens verstanden hatten. Wie auch immer, die Gewichtung, die subjektive Einschätzung entscheidet in den Augen des Bewertenden darüber, was sich wo und wie verbindet und vernetzt.

In meiner subjektiven Betrachtung ist es das Moment der Bewegung. Und zwar einer Bewegung, die aus der Technik und der Zeit kam. Duchamps wohnte bei einem Ingenieur, liess sich von technischen Entwicklungen u.a. bei Siemens inspirieren. Zwischenmenschliche Vernetzung (1), Vernetzung von Kunst und Technik (2) sei als Zwischenstand schon mal notiert.

Bei meiner Tor durch die verschiedenen Ebenen ziehe ich sodann grössere Kreise. Ich registriere die Bewegung der (Vorkriegs-) Zeit, die Motorik der Maschinen, die Bewegung der Menschen bei der körperlichen Arbeit, die zunehmend ins Visier gerät, die Bewegung der Massen in der Grossstadt, das Sich-Bewegen zwischen Frankreich und Bayern mit der Eisenbahn, das Aufeinander-Zubewegen zweier Menschen unterschiedlicher, damals verfeindeter Nationalität.

Fündig wird bei seinen subjektiven Suchbewegungen nur, wer einen Begriff, eine Vorstellung, eine Idee von dem hat, wonach er sucht. Bewertungen sind genau dadurch charakterisiert, dass sie subjektiv sind. Was auch erklärt, dass internetgestütztes Suchen auf allgemeinverbindlichen Begriffen und Worten basiert, über die bereits eine grössere Übereinstimmung erzielt wurde. Dies wiederum minimiert die Gefahr, beim Suchen grössere Überraschungen zu erleben. Aber keine Sorge: Man kann nach derart vielen Worten und Begriffen suchen, dass immer etwas dabei herauskommt.

Vernetzen, so beende ich mal meine Betrachtung, ist die Fähigkeit, jenes strategische Moment aufzuspüren, von dem die Dynamik der Entwicklung ausgeht. Nur dann lasse ich der Zeit, vielleicht auch eine ganz andere zu sein, als die, in der ich glaube zu leben, ein Hintertürchen offen. Ein Hintertürchen, das eines Tages vielleicht einmal der Hauptzugang zum Verständnis „meiner“ Zeit wird. Sich nur in einer Ebene zu bewegen und nicht alle Sensorik-Kanäle auf Empfang zu schalten, birgt ein hohes Risiko: Nämlich sich derart in seinem Verständnis und seiner Sicht zu verrammeln, dass der Wind der Veränderung keine Chance hat durch die Ritzen zu dringen und eines Tages das ganze Haus zum Einsturz bringt.

Vielleicht war diese Dynamik die treibende Kraft der Vernetzung zwischen Duchamps und Bergmann: Sie verband etwas, für das es noch keinen Begriff gab.

(Die Betrachtung wurde ausgelöst von einer Ausstellung im Kunstbau/Lenbachhaus, München 2012, über den Aufenthalt Duchamps in München).

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