Freitag, 25. Januar 2013
Freitag, 25. Januar 2013
Zu selbstverständlich, als dass es einem noch auffällt: Das Wort. So sind meine diversen Suchbewegungen in den letzten Wochen und Monaten zusammenzuführen. Zu ausschliesslich ist der Blick auf die Digitalisierung gerichtet. Zu fasziniert sind wir von den Algorithmus-Geheimrezepten, die dadurch, dass man ein Geheimnis um sie macht, den wolkigen Nimbus noch anstacheln. Kümmern wir uns konkret um die Konditionen der Platzierung, lesen wir Sätze wie diesen: „Der Title Tag sollte einen Teil des vorhandenen Textes wiedergeben, aber nicht Wort für Wort. Wichtig ist die Beschränkung auf drei bis vier Suchbegriffe pro Title.“ Zitiert nach www.netzmarketing.ch, ein Projekt der CTEK GmbH. Oder wir lesen die durchaus nachvollziehbare Äusserung: „Die Inhalte einer Webseite, und das umfasst alle vom Autor direkt beeinflussbaren Aspekte wie etwa die URL, stellen nach wie vor die Grundlage der Suchverfahren da. Allerdings haben die Informationen aus den Off-Page-Faktoren meist einen höheren Einfluss auf die Sortierung. Innerhalb der On-Page-Faktoren spielt der Inhalt des title-Tags die wichtigste Rolle. Wörter, die im title einer Seite vorkommen, bewerten alle Suchmaschinen sehr hoch. Daneben ist auch der Inhalt der HTML-Überschriften wie h1 oder h2 noch zu erwähnen; alle weiteren Stellen (Metatags, ALT-Attribut, etc.) im HTML-Code sind dagegen eher zu vernachlässigen und bringen kaum mehr Ranking-Punkte als ein Vorkommen im normalen sichtbaren Text einer Seite.“ Zitiert nach www.suchmaschinentricks.de/ranking/grundlagen, eine Website der Gipfelstolz GmbH, Passau. Natürlich haben wir den Alchimisten der Geheimrezepte damit noch nicht in den Kochtopf insbesondere der Verlinkung geschaut, in dem sie Ihre Mischungen und Mixturen zusammenrühren. 

Trotzdem: Basis unseres Suchens und Findens in Netz und Suchmaschine sind Worte, Worte, abgebildet im Binärcode (siehe 10. Januar 2013). Das erklärt, warum zunehmend die Aufmerksamkeit wieder dem Wort, der Sprache, zugute kommt. Es gilt das zutreffende Suchwort zu finden, um Content-Monokulturen, Textwüsten und Wortwolken zu durchforsten. Er gilt das richtige Stichwort zu finden, um seine Lieblingssendung in der Mediathek zu finden. Es gilt, sich das richtige Wort für die Domain-Adresse sichern zu lassen. Worte, die Geld kosten, die gekauft und gehortet werden. Es führt kein Weg daran vorbei, sich des Wortes zu bedienen. Das befördert eine neue Fokussierung auf das Wort durch die permanente Notwendigkeit des Suchens. Auch werden damit die alten Grenzen, wie die zur „Hochkultur“ und den Hohepriestern des Wortes in Frage gestellt. Was immer man an den Worten im Einzelnen auszusetzen hat, es sind Worte.

Die digitale Verfügbarkeit des Wortes kratzt nicht nur an alten Autoritäten, sondern „autorisiert“ neue Mitspieler, die nicht unbedingt mehr einen weihevollen Ton anschlagen und Zugänglichkeit mit Verhunzung geschickt verbinden. 4you und das von mir favorisierte Bre4 sind solche Verhunzungen. Ihr Sinn erschliesst sich nur, wenn der Leser weiss, dass die Zahl 4 four auf Englisch und vier auf Deutsch heisst. Der Leser schaltet dabei hin und her zwischen Ziffer und Wort, zwischen verschiedenen Bedeutungsebenen und verschiedenen Sprachen auch. Per Transformierung und „downsizing“ kommt das Wort in den Mund und per „download“ in die Kultur. Eine Kultur, die basierend auch auf Religion, nicht von ungefähr „Schriftkultur“ und „Buchreligion“ gehiessen werden und schon vieles gesehen und gehört haben, was sie nicht umgebracht, nur verändert, hat.

Die neue Aufmerksamkeit für das Wort perforiert auch die Grenze zur anderen Seite, der zur Massenkultur und Unterprivilegierung hin. Hat man vor Jahren noch geglaubt, die Bildsprache ersetze die Schriftsprache, so ist heute ein Durcheinander und Nebeneinander von Schrift und Bild zu beobachten. Man stiert in die Bilderwelt des Smartphones und tippt sich die Finger wund. Ob tweets, messages oder mails, hier wird geschrieben. Der Alphabetisierung wird nicht mehr verschämt, sondern offen plakatiert das Wort geredet. Der Altmeister einer Alphabetisierung mit politisch-sozialem Anspruch, Paolo Freire, hat auch in der digitalen Gegenwart ein Auditorium. Die „Pädagogik der Unterdrückten“, für die er fast ausschliesslich bekannt ist, wandert ein in die technisierten Räume unserer Gesellschaft und wird zu einer „Pädagogik der Kommunikation“, die auch das Wort Alphabetisierung neu buchstabiert.:

„Freires Pädagogik ist eine Pädagogik der Kommunikation, denn durch die Kommunikation erfolgt eine Reflexion und damit Bewusstseinsbildung. Durch diese Bewusstseinsbildung ist es dem Menschen möglich, Autonomie zu erlangen. Die Aktualität dieser Konzepte zeigt sich schon durch neue Kommunikations-und Informationsmöglichkeiten, die den Menschen vor neue Herausforderungen stellen. So kann Freires Pädagogik wichtige Impulse liefern für die Medienpädagogik.“ (Michael Schwinger: Du kannst sogar Fotograf sein! Medienpädagogische Arbeit mit brasilianischen Straßenkindern. Frankfurt 2005).

Die Pädagogik der Unterdrückten hat Worte als Werkzeuge der Unterdrückung auf den Stundenplan gesetzt, die Pädagogik der Kommunikation setzt Worte als Werkzeuge der Verdummung und fehlender Reflexion auf die Agenda. Auf dieser steht dann bei uns nicht mehr allein die Alphabetisierung für MigrantInnen, sondern die Alphabetisierung der Teilnehmer an der digitalen Wirklichkeit und ihre Aufklärung über die informationelle Selbstbestimmung und Bürgerrecht.

„Es gibt kein wirkliches Wort, das nicht gleichzeitig Praxis wäre. Ein wirkliches Wort sagen heißt daher, die Welt verändern." (Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei Hamburg, 1984, S. 71 zit. nach http://www.pfz.at, dem Paolo Freire Zentrum Österreich. Diese, unsere Worte der Praxis heute, sind zu finden. Das Publikum dafür ist anders zusammengesetzt, als das, welches frühere Alphabetisierungen besucht hat. Einerseits kritischen Blicks, aber doch machtlos, wenn es darum geht, die Worthülsen der Verdummung und Verödung auseinanderzunehmen. Davor schützt auch kein MBA. Die „Schlüsselwortmethode“ nach Paolo Freire, die Wahl von Worten mit hoher Bedeutung für unsere Lebenswelt, für unser Selbstwertgefühl, ist beiden Alphabetisierungen gemeinsam. (vgl. Svenja Opitz: Alphabetisierung nach Paulo Freire: Die Schlüsselwortmethode; Veröffentlichung Universität Leipzig, Herder Projekt). Apercu am Rande: Vorrang hat in beiden Fällen die ganzheitliche Methode des „Lesenlernens“ durch das ganze Wort, den Satz, die Aussage. Die Worte selbst sind allerdings sind oft andere. Einige Beispiele:

Die „Schlecker-Frau“ (17. Januar 2013) ist so ein Wort. Ein Wort in aller Munde, ein ambivalentes Wort, aber doch ein Wort, das Betroffenen einen Namen gibt. In „Schlecker-Frau steckt die Lebenswirklichkeit vieler Frauen, stecken die ihnen vorenthaltenen Aufstiegs und Bildungschancen, steckt die Arroganz der Arbeitsverwaltung. Das alles steckt in „Schlecker-Frau“, wenn sie sich der Wort-Hülse entledigt und anschaulich wird.

Ein neues Schlüsselwort ist „Lebensleistungsrente“. Ein Zusatz erst einmal nur. Ein Zusatz zu „Rente“. Das Wort reicht nicht mehr, weil die Rente nicht reicht. Erklärungen, wortreiche und überflüssige zumal, wecken unser Misstrauen. Die Rente war der Inbegriff der Lebensleistung. Ein in der Sprache seit Jahrhunderten verwurzeltes Wort. Muss es ergänzt, verändert und neu zusammengesetzt werden, liegt der Verdacht nah, dass sich mehr ändert als das Wort. Auch der Verdacht ist zunächst nicht bewusst. Was man merkt, ist, dass man bei dem Wort ein „komisches Gefühl“ hat, ein Gefühl mehr verabreicht zu bekommen und weniger zu erhalten, ein Gefühl, als erhalte man ein Ersatzpräparat.

„Hartz“, ein Wort in aller Munde, hat das Wort „Sozialhilfe“ abgelöst, und wurde so gebräuchlich dass es bereits zum Tu-Wort wurde, „hartzen“. Eine Lebensweise ist draus geworden. Etwas Persönliches. Etwas, das den Namen eines Menschen trägt. Etwas zum Identifizieren. Das erinnert an Fussballstadien, Plätze, Schiffe, Tagungszentren, die den Namen eines Menschen tragen. Aus Verehrung, Erinnerung oder auch des Sponsoring wegen. Warum „hartzen“ wir, warum „riestern“ wir? An was erinnern wir uns, damit wir uns nicht erinnern müssen? Wir wissen nur zu gut: Von Zeit zu Zeit wird umbenannt.

Den „Asylanten“ hatte ich früher schon mal in der Mangel. Auch ein Schlüsselwort, aber nicht mehr brandaktuell. Energisch wurde im öffentlichen Sprachgebrauch ein anderes Wort durchgesetzt: Menschen mit „Migrationshintergrund“. Migrant hätte näher gelegen aber lautmalerisch zu sehr an Asylant erinnert. Und an Simulant. Oder an Praktikant. Mit dieser Endung haben wir keine gute Erfahrung. Sie entpersonalisiert. Endungen für Menschen enden meist geschlechtsspezifisch. Sie lauten z.B. auf „e“, „in“, „er“ „innen“. Da kommt es auf jeden Buchstaben an, „...ant“ wirkt entpersönlicht und damit negativ.

Das sind nur einige Beispiele, an denen wir unsere Lebenswirklichkeit durchbuchstabieren können. Entgegen oberflächlichen Bedeutungszuschreibungen, wie sie auch in der Politik gang und gäbe sind. Auf denen Politik nur allzugerne surft, wie den „Peacekeeper“ - Raketen von einst oder der „Lebensleistungsrente“ von heute. Für das Auseinandernehmen der Sprache in ihre Bestandteile (Gebrauch, Gefühl, Wortbedeutung, Wortschöpfung) empfiehlt sich das Wort „Dekonstruktion“, ein Wort aus der Begriffswelt der Technik und des Konstruierens. Und ein Wort auch aus der Philosophie, der Philosophie Jacques Derridas (1930 - 2004), dessen Philosophie oft am einzelnen Wort ansetzt und es fragwürdig macht. Hierzulande aber wird zuerst die Systemfrage gestellt, mit der Folge der Kapitulation vor demselben. Wer dagegen am Wort ansetzt, spricht ein Gegenüber an.

Auch hier wird mit Hilfe des Wortes eine Grenze überschritten, und zwar die zwischen Philosophie und Technik. Statt „Konstruktion“ läge uns im Grunde das Wort „Rekonstruktion“ näher. Es wirkt auch philosophischer, ihm läge aber die Vorstellung einer ursprünglichen Wortbedeutung zu Grunde. Die aber ändert sich mit der Zeit. Und genau diese Erkenntnis mobilisiert Gegenwehr gegen Verdummung und Manipulation.

Von verschiedenen Seiten landen wir beim Wort. Von der Seite der digitalen Entwicklung, von der Veränderung der Lebenswelt, von der Veränderung der Sprache her.

Wir landen beim Wort, weil uns buchstäblich die Verramschung und Verhunzung des Wortes in der Werbung, der Poltik und andernorts zum Halse heraushängt. Mit dem Wort ist ein Instrument zur Hand, Bedeutung und Sinn abzugleichen.

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