Montag, 11. April 2011
Montag, 11. April 2011
Vienna calling! Beim Design fällt der Blick nicht zufällig eher auf unsere Nachbarn als auf uns.
Im Deutschen bleibt der Begriff Design gern an der Oberfläche. Wird getrennt von der Funktion. Der Designer kommt erst ganz am Schluss. Eine Kaffeemaschine funktioniere schliesslich auch ohne Design. Der Realität spricht das allerdings Hohn. Von Anfang an geht Gestaltung nämlich in die Produktion ein. Natürlich: Man könnte das Wasser ja auch zusammen mit dem Kaffee aufkochen. Macht man ja auch, aber nicht bei uns, sondern in arabischen Ländern. Ansonsten sieht eine Maschine für Filterkaffee anders aus als eine Espressomaschine, und die wiederum anders als eine die mit Kaffepads funktioniert.
Es ist daher naheliegender, von einer regelrechten „Kreativwirtschaft“ (Grafik, Design, Mode Architektur, Medien) zu sprechen, wie es Doris Rothauer in Ihrer Veröffentlichung „Kreativität und Kapital“ macht (http://www.dorisrothauer.at). Nicht weil Design immer und überall so anschaulich verbunden ist mit dem Produkt, sondern weil Kreativität volkswirtschaftlich eine wichtige Grösse ist.

Die ureigenste Provokation der Gestalt und des Designs liegt im Körperlichen. Jede fremde Gestalt ragt in unsere Welt. Ebenso unübersehbar ist unser Bemühen, den körperlichen Charakter der Begriffe zu entschärfen. Das ist ablesbar an der Inflation der Zusätze, vom „Desktop-Design“ bis zur „serviceorientierten Architektur“ (SOA), die es nur noch mit virtuellen Vorgängen zu tun haben, z. B. als „Bedienungsoberfläche“.

„Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit. Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.“ Schiller, Wallensteins Tod

Das musste jetzt her, hier an diese Stelle, ein sperriges Klassiker-Zitat. Inmitten all dieser geläufigen, angenehm im Mund liegenden Anglizismen, mit denen wir die Marketingsprache ablutschen wie Honigbonbons. Eine böse Stolperfalle für all diese hochglanzpolierten Vorstellungen und Begriffszusätze, mit denen das Design eingepasst wird in die Welt durchstylisierten „schönen“ Scheins. Design gehört aber zur Welt der Körper. Design beansprucht Raum. Design fordert sinnliche Reaktionen heraus, provoziert unsere Antworten und stösst sich hart an der „engen“ Welt und den anderen Objekten.

Blauer Himmel, niedliche Babies: Niemand würde vom Wolken-Design oder vom Kindchen-Design sprechen. In unseren Breiten werden weisse Wolken vor blauem Himmel und über grüner Landschaft als schön, weil sie günstige klimatische Verhältnisse signalisieren, und Babies als niedlich und schutzbedürftig, weil sie damit unserer Zuwendung sicher sein können, empfunden.
Denn bevor die Welt schön ist, muss sie erstmal sinnvoll sein. Und sei es durch mein Auge und in meinen Augen. Und da es zu grossen Teilen eine offensichtlich vom Menschen gemachte, geplante, entworfene Welt ist, muss ich in ihrer Gestalt ihren Sinn erkennen können. Nicht in ihrer Verkleidung, nicht in ihrer Harmonisierung und Stilisierung, aber nicht selten in ihrer Widersprüchlichkeit und unversöhnbaren Gegensätzlichkeit. Da ist sie wieder die Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit, an der so mir liegt (vgl. 06. 04. 2011).

Sehe ich die Gestalt, kann ich auch den Sinn sehen. Auch Sinn, der sich über das einzelne Objekt hinaus vermittelt. Für die Gestalt brauche ich Raum. Die Vienna Design Week bspw. verteilt ihre Ausstellungsorte über die Stadt, verzahnt sie teilweise mit traditionellen Gewerken und nutzt öffentliche wie private, also kommerzielle Ausstellungsorte (Läden) (http://www.viennadesignweek.at). Spätestens dann dürfen die existenten Widersprüche offensichtlich werden.

Vienna calling! Alles klar Herr Kommissar? Nur noch eine Frage: Wo ist der dritte Mann?

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