Freitag, 8. April 2011
Freitag, 8. April 2011
Eine sueddeutsche Müslifirma wirbt im breitesten Schwäbisch für sich und ihre Produkte. Ich bin kein Müsli-Esser und auch durch Schwäbisch wird mirs nicht versüsst. Vielleicht hauen die nur deshalb so auf die Dialekt-Pauke, um das Geschmäckle eines alternativen Szene-Mampfs endgültig loszuwerden, das Studentenfutter gleich mit.

Moment mal: Wie siehts denn mit Ausländern aus? Besser Ausländerinnen. „Mitbürgerinnen mit Migrationshintergrund“ ist zu lang für einen kreativen Prozess. Habe ich doch eine Schwarzgewandete bereits zwischen den Regalen des Supermarkts gesichtet, der in der letzten Zeit immer mehr türkische Produkte führt. Eine Türkin. Der Einfachheit halber eine Türkin. Sie ist schwarzgewandet aber überaus schlank. Obwohl mittelalt. Die von mir vors Regal postierte Türkin. Kennen die kein Müsli? Ob die Interesse hätten? Die wollen vielleicht, wenn sie hier länger leben, auch nicht so aussehen, wie man türkische Mamas vor Augen hat. Nein, sie ist untypisch gross, meine Türkin, gross und attraktiv. Klarer Fall von Wunschbild. Vielleicht leuchtet ihr ein, dass Müsli gesund ist? Und da ist er plötzlich, der Satz. Unter den Augen ihres finster dreinblickenden Ehemann fällt er mir ein. Ich schau mich um, ob ihn auch keiner gehört hat. Ich muss erstmal drüber nachdenken, ob man ihn einfach so sagen kann: „Fühl dich prima, Müslima!“

Ich krieg noch ‘ne Fatwa an den Hals, wenn ich nicht aufpasse mit meinen Albernheiten. Obwohl: Das „ü“ von Müsli könnte man so lassen, wie es ist. Ihr Töchter Ütütürks. Vielleicht stehts ja auch auf der Packung in Türkisch drauf. Glaube ich nicht. Wer kein Schwäbisch kann, will kein Müsli und wer Schwäbisch versteht, hat vielleicht gehobene Ansprüche an seine Figur, braucht aber keine Aufschrift auf türkisch. Oder es steht in Arabisch drauf. Das wär ein untrügliches Zeichen, dass sich der Markt bereits bis dahin ausgeweitet hat.
Jetzt weiss ich, was ich an meinem Job so schätze: Du denkst an eine Werbe-, eine Marketing-Kampagne, ein Mailing und dann überstürzen sich die Einfälle. Erstmal drauflos albern, ungeniert und unzensiert. Mal sehen, ob was hängenbleibt. Oft geht man leer aus.

Aber recht besehen, ist hier eine ganze Menge hängengeblieben: Türkinnen als Kunden, gesundheitsbewusste Türkinnen, unauffällig der deutschen Leidkultur folgend. Natürlich kommen die Einfälle nicht daher wie sichs gehört, nach Motiven und Begründungen sauber ettikettiert und sortiert. Trotzdem bin ich beeindruckt. Hatte ich nicht von mir erwartet. Stehe im Supermarkt, blödel vor mich hin und begegne mir als aufgeschlossener Mitbürger mit Gespür für Veränderungspotential. Ok, die Albernheiten beeinträchtigen den guten Eindruck. Aber ohne diese wär ich nur bis zum Deutschkurs für Muslimas gekommen. Da ist doch die Müslima ungleich profitabler. Ob die Schwaben auch schon drauf gekommen sind?

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